Wie das beste Auto der Welt noch besser wird

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Wie das beste Auto der Welt noch besser wird

Nach 14 Jahren Bauzeit hat Rolls-Royce den Phantom VII in Rente geschickt. Firmenchef Torsten Müller-Ötvös über das neue Modell, die Trends der Luxusbranche und einen Rolls-Royce mit Elektroantrieb.


Am 3. Januar 2003 begann im südenglischen Goodwood eine neue Ära des britischen Automobilbaus. An jenem Tag lief der erste Rolls-Royce Phantom der siebten Generation vom Band – der erste Rolls-Royce unter deutscher Führung.

Rund fünf Jahre zuvor hatte sich BMW die Rechte an der britischen Luxusmarke gesichert und seitdem behutsam an einem Comeback gearbeitet. Den Anfang machte der Phantom – als große Chauffeurs-Limousine seit jeher das Rückgrat des Rolls-Royce-Angebots. Inzwischen hat die Modellpalette der Briten geradezu beachtliche Ausmaße angenommen: Unterhalb des Phantoms (und seinen Cabrio- und Coupé-Ablegern) gibt es die kleinere Limousine Ghost, den Gran Turismo Wraith und das Luxus-Cabrio Dawn. Sogar an einem SUV arbeitet die britische Edelschmiede inzwischen, der Wagen soll 2018 gezeigt werden.

Nach 14 Jahren Bauzeit schickte Rolls-Royce-Chef Torsten Müller-Ötvös den siebten Phantom in Rente. Alleine die für ein Auto sehr lange Bauzeit (normal sind Modellzyklen von sieben Jahren mit einer ausführlichen Überarbeitung nach vier Jahren) zeigt, dass Rolls-Royce kein Autobauer im klassischen Sinne ist, sondern vielmehr ein Anbieter hochwertgier Luxusgüter. Das macht die Aufgabe, einen Nachfolger zu bauen, ungleich komplexer – da der Phantom sowohl auf dem Auto- als auch dem Luxusmarkt zu den besten seiner Art gehören muss.




Am Donnerstagabend hat Rolls-Royce in London zum ersten Mal die achte Generation des Phantom der Öffentlichkeit gezeigt. Anlässlich der Premiere des nach Eigendarstellung „besten Autos der Welt“ spricht Müller-Ötvös über Innovationen, die sich wandelnde Kundschaft und einen Rolls-Royce mit Elektroantrieb.

WirtschaftsWoche Online: Herr Müller-Ötvös, wie macht man das „beste Auto der Welt“ noch besser?
Torsten Müller-Ötvös: Indem man sich alle Details genau ansieht und jene Punkte identifiziert, in denen man noch besser werden kann. Beim Fahrwerk zum Beispiel: Das „Magic Carpet Ride“, also das Fahrgefühl wie auf einem fliegenden Teppich, haben wir nochmals weiterentwickelt – es fühlt sich jetzt an, als ob das Fahrzeug über Land fliegt. Zudem sitzen Sie in einer Atmosphäre, die noch besser gegen sämtliche Einflüsse aus der Außenwelt isoliert ist – egal ob Fahrbahnunebenheiten oder eben Geräusche.

Einige Features des neuen Phantom sind auch auf ausdrückliche Wünsche unserer Kunden zurückzuführen. Etwa der neue Dachhimmel, auf dem jetzt nicht nur über den Rücksitzen, sondern der gesamten Länge ein Sternenhimmel projiziert werden kann.




Rolls-Royce baut bereits heute hochindividuelle Bespoke-Fahrzeuge. Wie kann man in diesem Bereich für ein neues Modell neue Angebote erschaffen?
Wir müssen den Wagen von Anfang an so konzipieren, dass er an möglichst vielen Stellen individuell angepasst werden kann. Wir haben zum Beispiel erstmalig das gesamte Armaturenbrett aus Glas gefertigt. Das ist ein großes Bauteil aus hochfestem Gorilla-Glas, um die Crashsicherheit zu gewährleisten. Hinter diesem Glas, das wir „Gallery“ nennen, hinter dem individuell zusammengestellte Kunst-Ornamente verbaut werden. Der Kunde kann so den Innenraum seines Wagens so gestalten, wie er es haben will – und dabei nicht nur zwischen Holz-Dekor und Leder wählen.
Wir bauen keine Autos im klassischen Sinne, um von A nach B zu kommen. Wir bauen Luxusgüter, die der Kunde so individuell wie möglich gestalten kann.




Wie entsteht Innovation bei Rolls-Royce? Im Design-Team? Bei den Ingenieuren? Oder bei den Handwerksmeistern in der Fertigung?
Überall. Das ist das tolle an einem überschaubar großen Team, dass alle mit Herzblut dabei sind und so das Produkt prägen können. Dazu kommt, dass wir einen ungewöhnlich hohen Kundenkontakt haben, das zieht sich ebenfalls durch die ganze Firma. Bei uns spricht nicht nur der Verkäufer mit dem Kunden, sondern auch der Designer, Ingenieur oder der Tischler, der ein besonderes Holzornament im Kundenauftrag fertigt.

Auch die Idee der „Gallery“ ist indirekt kundengetrieben. Viele unserer Kunden sind Kunstsammler und wollen sich mit Kunst umgeben. Als ein Kunde unserem Chefdesigner Giles Talyor und mir stolz sein neuestes Gemälde präsentiert hatte, ist daraus die Idee entstanden, wie man Kunst im Fahrzeug zeigen kann. Nach diesem Besuch meinte Giles, er wolle darüber nachdenken und entwickelte dann die Idee der „Gallery“, die wir erstmals in dem Konzeptauto 103 EX gezeigt hatten und nach den überragenden Kundenreaktionen jetzt in das Serienauto gebracht haben.



„Es geht immer um Raffinesse im Detail“


Sie bieten aufwändigste Holz-Intarsien, bauen ganze Türpaneele aus einem einzigen Stück Echtholz und auf Wunsch kann ich bei Ihnen auch einen Sternenhimmel in individueller Musterung für den Fahrzeughimmel bestellen. Was kommt da noch? Sie die Grenzen nicht irgendwann erreicht?
Es geht immer um Raffinesse im Detail, da können wir uns immer weiterentwickeln. Man könnte etwa sagen, dass der Sternenhimmel fertig ist – schließlich haben wir ihn seit der ersten Ausführung auf den gesamten Dachhimmel ausgeweitet. Aber vielleicht sind wir irgendwann in der Lage, den aktuellen Sternenhimmel anzubieten, der sich an den jeweiligen Tag anpasst. Oder Sternschnuppen. Das mag kitschig klingen, aber diese „Attention to details“, Dinge zu tun, die garantiert kein anderer macht, ist unser Antrieb.




Ist diese grenzenlose Individualisierung reiner Selbstzweck?
Das ist die Zukunft des Luxus. Wir verkaufen 4.000 Fahrzeuge pro Jahr an eine höchst elitäre Kundschaft. Die wollen keine Massenware, sondern perfekt auf sie abgestimmte Autos. Die Kunden verlangen Außergewöhnliches. Das sieht man auch in der Uhrenbranche, hier können sich Kunden ihre eigenen Uhren fertigen lassen und zahlen hohe Preise dafür.

Die Autobranche baut Fahrzeuge für das Hier und Jetzt, damit sie im Wettbewerb bestehen können. Das führt teilweise zu Funktionen, die nicht zu Ende durchdacht sind – aber Hauptsache, man hat sie an Bord. Wie gehen Sie da bei Rolls-Royce vor, der als „timeless classic“ auch noch in vielen Jahren tadellos funktionieren muss?
Wir entwickeln mit Unterstützung der BMW Group. Dadurch haben wir Zugang zu aller Technologie des Konzerns. Wenn es dann etwa um ein Bordnetz geht, entwickeln wir das auf Basis von BMW-Komponenten. Ansonsten wäre das für uns nicht darstellbar. Diese Bordnetze sind retrograd nachrüstbar, kann also im Lebenszyklus angepasst werden. Diese Fahrzeuge sind immer up-to-date zu halten. Gerade bei der Elektronik, Software und Bedienung in der Human-Machine-Interaction müssen wir Schritt halten.




Was fragen die Kunden bei Ihnen an modernen Assistenzsystemen oder Connectivity-Funktionen nach?
Es ist nicht so, dass unsere Kunden mit Informationen überflutet werden wollen, im Gegenteil. Kunden sagen, dass sie den Moment, in dem sie in einem Rolls-Royce fahren, genießen wollen. Egal ob sie selbst fahren oder gefahren werden. Und das ist interessanterweise auch bei den jüngeren Kunden so. Das ist ein sehr freier Moment, ich nenne das oft „Detox“: Bewusst das Smartphone zur Seite legen und den Moment für sich genießen. Es gibt nicht den Wunsch, in einem Rolls-Royce alles zu einem großen Bildschirm zu machen und „always on“ zu sein. Selbstverständlich sind unsere Fahrzeuge mit allen Geräten vernetzbar, sie können ihr Smartphone anschließen, ihren Streaming-Account nutzen oder auf dem Rücksitz in aller Ruhe einen Film schauen. Aber sie können auch alles wegklappen und die Zeit genießen.




Gibt es auch Grenzen, ab denen Sie Kundenwünschen nicht mehr nachkommen?
Es ist selten, aber kommt vor. Vor allem, wenn es die Sicherheit betrifft. Wir hatten einen Fall, in dem ein Kunde einen Humidor für seine Zigarren in das Armaturenbrett integriert haben wollte. Das hätte bedingt, dass wir den Airbag ausbauen. Und das geht leider nicht, weil es die Sicherheit und die Zulassung gefährdet. Ansonsten gilt: Your imagination is our limit. Wir werden niemandem sagen, ob eine Farbkombination nun aus unserer Sicht geht oder nicht.
In diesem Bereich sprechen wir auch über unterschiedliche Kulturen. Indische Kunden sind anders geprägt und haben andere Vorlieben als russische Rolls-Royce-Kunden oder chinesische. Wir wären schlecht beraten, die Marke nur durch eine europäische Brille zu betrachten. Das wäre fatal. Unsere Hauptmärkte sind Amerika, der Mittlere Osten und Asien.



„Selbstverständlich werden wir auch elektrisch unterwegs sein“


In China hat die Anti-Korruptions-Kampagne der Regierung für einen Absatzrückgang bei Ihnen gesorgt. Wie hat sich die Lage dort entwickelt?
In den Hochzeiten der Anti-Korruptions-Kampagne hatte unser Absatz in China eine Delle, das ist richtig. Mittlerweile hat sich das aber erholt, gerade in diesem Jahr zeigen wir bislang ein ordentliches Wachstum. Der Markt bietet mittel- und langfristig auch für unsere Marke ein sehr großes Potenzial. Selbstverständlich werden wir auch elektrisch unterwegs sein, wenn das im chinesischen Markt irgendwann zur Vorschrift wird.

Welche Rolle spielen für Sie die neuen Abgasregeln in China, wonach auch Kleinserienhersteller nachwiesen müssen, dass die Autos selbst nach 160.000 Kilometern die Grenzwerte einhalten?
Wir halten immer die gesetzlichen Regelungen ein. Wir haben da auch ein Auge darauf. Es wäre nicht sehr angenehm, wegen eines Regelverstoßes nicht mehr auf einem Markt teilnehmen zu können.




Unterscheiden sich die Kundenwünsche nur regional oder gibt es auch Unterschiede zwischen den Käufern Ihrer Baureihen?
Das Kundeprofil ist sehr unterschiedlich. Es ist uns durch Modelle wie den Wraith gelungen, die Marke in der Wahrnehmung deutlich zu verändern. Das hat uns Türen geöffnet, in den letzten sieben Jahren ist das Durchschnittsalter unserer Kunden von 56 auf 45 Jahre gesunken. Das ist in erster Linie neuen Kunden geschuldet. Beim Wraith haben wir jede Menge Ferrari-Fahrer gewonnen. Die haben nicht ihren Ferrari verkauft, sondern einen Wraith daneben in ihre Garage gestellt. Die wollen einen Gran Turismo von Rolls-Royce, aber keine Chauffeurs-Limousine. Diese Kunden fragen natürlich andere Ausstattungsdetails nach als ein Phantom-Besitzer. Da sind knalligere Farben dabei, exotisches Leder. Auch die „Black-Badge“-Versionen sind ein Renner, das übersteigt unsere Erwartungen und hilft, die Marke weiter zu entwickeln.

In einem anderen Punkt werden Sie die Marke bald radikal weiterentwickeln: Mit dem „Project Cullinan“ zeigen Sie 2018 das erste SUV von Rolls-Royce. Richtet der Wagen sich eher an die traditionelle Phantom-Kundschaft oder den experimentierfreudigeren Wraith-Fahrer?
Ich glaube, dass diese Fahrzeugklasse sich sukzessive im High-End-Luxussegment etablieren wird. In welcher Größenordnung das geschehen wird, müssen wir abwarten. Wir erleben, dass das SUV-ähnliche Fahrzeuge für viele Menschen das Standard-Fortbewegungsmittel sind. Das haben auch unsere Kunden nachgefragt, ob sie jetzt ein Cabrio oder eine Limousine von uns besitzen. Wir haben zugehört, uns aber die nötige Zeit gelassen. Und seien Sie sich sicher. Es wird der Rolls-Royce der SUV.




Sie sind eher ein Anbieter von Luxusgütern als ein Autobauer – dennoch können Sie sich den Trends der Branche nicht vollends entziehen. Welches der Mega-Themen treibt Sie bei Rolls-Royce besonders um? Die Antriebsfrage? Die Vernetzung? Die bald unglaubliche Bandbreite an Assistenzsystemen?
Bei uns ist die Antriebstechnologie im Fokus. Wir haben schon klar gesagt, dass Rolls-Royce elektrisch fahren wird. Im vergangenen Jahr haben wir den 103 EX angekündigt. Der Wagen zeigt sehr schön, wohin wir wollen – eine Art Projektion, wo wir 2040 stehen wollen. Das geht beim Coachbuilding los, dass sich der Kunde sein Fahrzeug auch im Exterieur selbst zusammenstellen kann – wie wir es jetzt mit dem Sweptail gezeigt haben.

Was passt zum Markenkern von Rolls-Royce? Ein nahezu lautlos und vibrationsfrei arbeitender Elektroantrieb ist eigentlich der Inbegriff von „effortless driving“ – aber eben kein 6,75-Liter-V12…
Für uns ist wichtig, dass wir ausgereifte Technik verwenden. Weil unsere Kunden in diesem Segment keine Experimente eingehen möchten. Sie erwarten gerade von einem Rolls-Royce allerhöchste Qualität und Zuverlässigkeit. Das ist fundamental für die Marke. Deshalb setzen wir eine neue Technik erst ein, wenn wir uns ganz sicher sind.

Was bedeutet das für einen Elektro-Rolls-Royce?
Es herrscht Einigkeit, dass der Trend zu Elektro geht. Die Frage ist, wann der Tipping Point entsteht. Unsere Kunden verlangen vernünftige Reichweiten. Viele wohnen abseits im Grünen und pendeln anderthalb Stunden in die Stadt und wieder zurück. Zudem muss das Laden „effortless“ sein, für den Kunden kein unangenehmer Aufwand. Vieles hängt auch von der Infrastruktur ab. Ich glaube, die Entwicklung wird schneller gehen, als wir heute denken. Deshalb werden wir schon im kommenden Jahrzehnt anfangen, Rolls-Royce zu elektrifizieren.

KONTEXT

Zur Person

Torsten Müller-Ötvös

Torsten Müller-Ötvös, Jahrgang 1960, ist seit 2010 Geschäftsführer von Rolls-Royce. Zuvor hat er sich im BMW-Konzern unter anderem als Marketing-Manager für den Mini bewiesen.