Neuers Schwäche ist Ulreichs Stärke

Martin Volkmar, Stefan Kumberger

Als sich Manuel Neuer Mitte September den dritten Mittelfußbruch in diesem Jahr zuzog, war das Wehklagen groß. Denn der weltbeste Torwart galt beim FC Bayern als unersetzlich.

Und wie zum Beweis patzte Ersatzmann Sven Ulreich kurz darauf beim 2:2 gegen Wolfsburg und war auch beim 0:3-Debakel bei Paris St. Germain, das zum Rauswurf von Carlo Ancelotti führte, kein Rückhalt der insgesamt desolaten Defensive.

Der FC Bayern, so war damals von Experten wie von Fans zu hören, müsse im Kloster Andechs eine Kerze für eine schnelle Genesung Neuers anzünden.

Torwartwechsel zu Starke oder Früchtl kein Thema

Oder Ulreich aus dem Tor nehmen und stattdessen Oldie Tom Starke oder Youngster Christian Früchtl eine Chance geben. Keine zwei Monate ist das her - doch Ulreich wird nirgendwo mehr in Frage gestellt, hat sich vielmehr dank der Rückendeckung des neuen Trainers Jupp Heynckes mit guten Leistungen als klare Ersatz-Nummer 1 der Bayern etabliert.

"Er ist mit dem Aufschwung und der Rückkehr von Jupp stabiler geworden", lobte ihn Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge vor dem Champions-League-Spiel beim RSC Anderlecht: "Er hält gut, hat Selbstvertrauen und hat sicher in den letzten Wochen einen großen Beitrag dazu geleistet, dass wir viele Spiele zu null gespielt haben. Wir sind sehr zufrieden mit seiner Entwicklung."

Neuers Comeback-Plan nicht mehr zu halten

Ein stabiler Ulreich ist auch wichtig für den FC Bayern.

Denn offenbar verzögert sich Neuers Comeback. Der ursprüngliche Plan, dass die Genesung im Idealfall noch vor Weihnachten abgeschlossen sein könnte, ist jedenfalls nicht mehr zu halten. Am Samstag nach dem Spiel gegen Augsburg verweigerte der 31-Jährige recht schroff eine Nachfrage nach dem Stand der Dinge und humpelte kommentarlos auf Krücken davon.


Der Verdacht liegt nahe, dass Neuer deshalb nicht über seine Verletzung sprechen wollte, weil die Heilung langsamer verläuft als erhofft. Professor Ulrich Stöckle, der Neuer am 19. September operiert hatte, war von drei Monaten Ausfallzeit ausgegangen.

"In der Regel gilt, dass ein Knochen sechs Wochen braucht, um zusammenzuwachsen. Nach etwa drei Monaten Rehabilitation können die Sportler wieder in den Trainingsbetrieb und gegebenenfalls in den Spielbetrieb einsteigen", sagte Stöckle kurz nach der OP der Stuttgarter Zeitung.

Doch inzwischen ist die eigentlich schon für den Rückrundenstart am 12. Januar in Leverkusen avisierte Rückkehr unwahrscheinlich. Die Bild wollte vor kurzem sogar von einer bis Mitte/Ende Februar verlängerten Zwangspause wissen, weil Neuer länger auf die Krücken angewiesen war als vorgesehen.

Rummenigge gibt Verzögerung zu

Dessen Medienberater bestritt dies zwar, doch vor zwei Wochen berichtete der kicker, dass der verschraubte Knochen noch immer nicht vollständig zusammengewachsen sei und die Behandlung daher mit einer Eigenbluttherapie unterstützt werde.

Man sei trotz der Verzögerung  - mehr oder weniger - im Plan, bekräftigt jedoch Neuers Seite. Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge macht sich ebenfalls keine Sorgen.

"Manuel wird demnächst die Krücken ablegen können. Dann wird er in die Regeneration gehen und es gibt keinen Grund, da pessimistisch zu denken. Es ist alles so, wie es von den Ärzten prognostiziert wurde", sagte er.

Rummenigge gab jedoch auch zu, dass die Rückkehr noch etwas dauern könnte: "Ich weiß nicht, ob er schon zum Rückrundenstart wieder zur Verfügung steht."

Jegliches Risiko vermeiden

Nach Neuers Seuchenjahr wollen alle Beteiligten unbedingt vermeiden, dass der sehr ungeduldige Neuer wie nach dem letzten Mittelfußbruch erneut zu früh einsteigen könnte und dann ein weiterer Rückschlag eine noch längere Pause zur Folge hätte – inklusive WM-Aus.

Beim Comeback ins Bayern-Tor soll daher kein Risiko eingegangen werden, das machte auch Jupp Heynckes am Dienstag in Anderlecht deutlich. "Ich möchte, dass Manuel vollkommen wiederhergestellt ist und dann wieder eingreifen kann", erklärte der Chefcoach.

Bessere Quote als Neuer

Der Grund für Heynckes' Gelassenheit heißt Sven Ulreich, der sich seit dem Trainerwechsel vom Wackelkandidaten zum sicheren Rückhalt entwickelt hat.

Ein Blick auf die Daten verrät: In einigen Punkten ist Ulreich seit der Rückkehr von Heynckes stärker als Neuer in der vergangenen Saison.

Bei abgewehrten Torschüssen in etwa kommt Ulreich auf 92,3 Prozent, Neuer auf 79,7.


Dabei hat Ulreich zwei von drei Großchancen vereitelt. Seine Quote von 66,7 Prozent ist dabei mehr als doppelt so gut wie die von Neuer 2016/2017 (30,8).

Dass Ulreich derzeit nur alle 450 Minuten hinter sich greifen muss (Neuer 180) hat auch mit der defensiven Stabilität unter Heynckes zu tun.

Ulreich nimmt Matthäus nicht ernst

Als Hauptgrund für seine starken Leistungen nennt der 29-Jährige seine regelmäßigen Einsätze, nachdem er in den ersten zwei Jahren beim Rekordmeister nur auf sechs Einsätze gekommen war.


"Und natürlich spielt das auch eine Rolle, wenn der Trainer regelmäßig mit einem spricht und in einen das Vertrauen setzt ", sagte der 2015 vom VfB Stuttgart verpflichtete Keeper zu SPORT1.

Dass ihn Sky-Experte Lothar Matthäus deshalb nun schon zum erweiterten Kreis der Nationalmannschaft zählt, ging Ulreich dann allerdings doch zu weit – zumal ihn der Rekord-Nationalspieler nach der Pleite in Paris noch heftig kritisiert hatte:

"So schnell geht es im Fußball. Vor ein paar Wochen hat er noch gesagt, ich hätte ein Augenproblem. Das kann ich nicht ernst nehmen."