Wenn Bescheidenheit zum Problem wird: Wie ihr es schafft, euch auf eure Stärken zu konzentrieren

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„Das habe ich toll gemacht!“, sagte meine Zweijährige neulich. Ich war begeistert. Sie hatte recht. Zweijährige beherrschen etwas, das wir als Erwachsene verlernt haben. Oder vergessen? Nein, anders: Zweijährige beherrschen etwas, das uns Erwachsenen abtrainiert wurde — die wohlwollende Selbsterkenntnis. Bescheidenheit ist keine Zier. Bescheidenheit ist ein Irrtum der Kindererziehung. Bescheidenheit ist eine Haltung, die vor allem Mädchen lernen sollten, aber auch einige Jungen. Weil sie sonst negativ auffallen, so wurde es behauptet. Ziel und Ergebnis dieser Erziehung war es, dass Kinder, Jugendliche und Frauen ihren niederen Rang in der Gesellschaft akzeptieren sollten — und ja nicht hinterfragen.

Die Wahrheit dahinter war schon immer: Wer seine Fähigkeiten und Leistungen nicht benennen darf, der traut sich irgendwann nicht mehr sie überhaupt noch zu erkennen. Was nicht gesagt werden darf, wird irgendwann auch nicht mehr gedacht. Wer nie sagen durfte, dass er gut aussieht, der wird sich irgendwann auch nicht mehr so sehen. Wer nie sagen durfte, dass er klug ist, der vergisst es schließlich. Wer nie sagen durfte, dass er stolz auf sich selbst ist, der wird es irgendwann nicht mehr sein.

„Und was ist Ihre größte Schwäche?“

Die eigenen Schwächen sollte man früher in Assessment-Centern benennen können. Die korrekte Antwort lautete: „Ich kann nicht nach Hause gehen, ohne alles perfekt abgeschlossen zu haben.“ Was heute jeder normale Mensch als Zwangsstörung erkennt, galt kurz nach dem Schulabschluss als genialer Schachzug.

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Tatsächlich sind viele Menschen noch deutlich kreativer, wenn es um die Erkenntnis ihrer eigenen Schwächen geht. Sie haben es schließlich so gelernt. Doch zusagen, was man alles nicht kann, ist furchtbar einfach. Hinschauen und die Stärken benennen, das ist schwer. Weil es als unbescheiden gilt und weil da immer die Angst mitschwingen kann, sich beweisen zu müssen. Daneben steht auch die Sorge, blind für die eigenen Schwächen zu werden — obwohl Stolz ja den Blick auf Schwächen gar nicht trüben muss. Wer nur in Extremen denkt, der hält Pessimismus für Umsicht. Das Gegenteil ist der Fall: Die eigenen Stärken zu kennen, das kann die größte Stärke von allen sein.

Eine Forschungsreise zu den Stärken

Die härtesten Gegner bei der Anerkennung der eigenen Stärken sind die Abers. Aber ich hatte Hilfe, aber ich habe an anderer Stelle versagt, aber, aber, aber. Diese Abers sind schwer zu bekämpfen. Dahinter steckt das psychologische Phänomen der Ironischen Prozesse: Das, was Menschen bleiben lassen wollen, ist ihnen ständig so präsent, dass sie es wieder tun. Zwingt die Aber-Gedanken deshalb nicht weg — sie kommen immer wieder. Weist ihnen eine Zeit zu: „Morgen früh zwischen Haustür und Bahnstation habt ihr fünf Minuten, um mich zu quälen.“ Und vielleicht wird sich das mit der Zeit so dämlich anfühlen, dass ihr die Grübelei dann bleiben lasst.Es ist also an der Zeit, den Fokus auf die guten Dinge zu legen. Die Suche nach den Stärken ähnelt dabei einer Forschungsreise. Zunächst einmal fragen wir Orts-kundige um Rat. Dann werden wir selbst zu Ortskundigen.

Was antworten die anderen?

Stärken zu erkennen fällt anderen Menschen oft leichter. Doch die Frage nach ihnen fühlt sich unangenehm an. Einfacher ist es, das Projekt zu erläutern und dann nachzufragen. So: "Ich analysiere momentan meine eigenen Stärken. Was kann ich in deinen Augen besonders gut?" Schon diese kleine Einordnung nimmt dem Gespräch das Gefühl von Merkwürdigkeit. Wichtig ist an dieser Stelle allerdings: Der Blick von außen ist immer unvollständig. Andere Menschen sehen, was wir ihnen zeigen. Verborgene Stärken müssen deshalb übersehen werden.

Wo bekomme ich gutes Feedback?

Freundliche Worte ziehen im Alltag schnell an uns vorbei. Es lohnt sich, einen inneren Filter dafür anzulegen: Wann hat sich jemand bei mir bedankt? Wofür ernte ich ein kleines Wow, wann ein beiläufiges „Ah –super“? Diese Reaktionen sind weniger bewusst und nicht durchdacht — und deshalb sehr ehrlich. Auch aus Alltagssituationen könnt ihr hier Informationen ziehen: Die Mutter mit dem Kind auf dem Arm nickt lächelnd, weil ihr ihr Platz gemacht habt? Da stecken gleich mehrere Fähigkeiten drin: Freundlichkeit und Empathie, aber auch Aufmerksamkeit und ein Hang zur Effizienz.

Auf die Mail an den Kollegen gibt’s ein kurzes „super –danke“? Hier könnten Schnelligkeit drinstecken, Gewissenhaftigkeit, die Fähigkeit, Sachverhalte übersichtlich dazustellen. Nicht jeder wird im Alltag sein Lob begründen — das können wir dann selbst erledigen.

Wie bist du eigentlich da hingekommen, wo du bist?

Etwa 70 Prozent der Menschen halten sich mindestens zeitweise für Hochstapler. Das Gefühl dahinter: Ich gehöre nicht da hin, wo ich gerade bin. Das war Glück. Tatsächlich gehören im realen Arbeitsleben doch noch ein paar Aspekte mehr dazu. Schließlich ist das Glück meist nur mit den Tüchtigen. Wie also seid ihr dort, wo ihr seid, eigentlich hingekommen?

Diese Frage zu beantworten wird einige Tage dauern. Fragt euch: „Was habe ich richtig gemacht, um da zu sein, wo ich bin?" Einigen Menschen werden sehr viele Abers einfallen: Ich habe mich im Auswahlprozess durchgesetzt — aber ich habe mich eigentlich nur gut verkauft und die Personalerin mochte mich. Okay, da ist ein Aber. Aber ist dieses Aber nun so schlimm? Sich gut verkaufen zu können ist eine Stärke. Die Personalerin wird auch einen Grund haben, wenn sie bestimmte Kandidatinnen und Kandidaten mag. Achtung: Es geht hierbei nicht darum, die eigenen Privilegien auszublenden — ungerechte Behandlung ist ein großes Problem. Doch die Konsequenz darf nicht sein, dass der eigene Anteil am Erfolg kleingeredet wird. Du hast etwas gut gemacht? Gut!

Was hast du heute gut gemacht?

Einige bekannte Achtsamkeitsübungen fragen danach, was an einem Tag gut war. Oder wofür Menschen dankbar sind. Wer seine Stärken sucht, der kann diese Übung leicht für sich abwandeln: "Was habe ich heute gut gemacht?" Es widerspricht der inneren Bescheidenheit — und einige Menschen werden sicherlich gleichzeitig nach etwas suchen, das ihre guten Taten relativiert. Trainiert euch das ab. Steht einfach mal zu euren Handlungen. Gute Taten müssen übrigens nicht zwingend der Gesellschaft dienen. Klar ist es gut, wenn ihr anderen helft. Helft weiter! Aber vergesst nicht, dass gute Taten auch euch selbst dienen dürfen. Die letzte gute Tat eines Tages darf dann sein: Ich bin mir meiner Stärken bewusst geworden. Für mich.

Auf die Mail an den Kollegen gibt’s ein kurzes „super –danke“? Hier könnten Schnelligkeit drinstecken, Gewissenhaftigkeit, die Fähigkeit, Sachverhalte über-sichtlich dazustellen. Nicht jeder wird im Alltag sein Lob begründen – das können wir dann selbst erledigen.Wie bist du eigentlich da hingekommen, wo du bist?Etwa 70 Prozent der Menschen halten sich mindestens zeitweise für Hochstap-ler. Das Gefühl dahinter: Ich gehöre nicht da hin, wo ich gerade bin. Das war Glück. Tatsächlich gehören im realen Arbeitsleben doch noch ein paar Aspekte mehr dazu. Schließlich ist das Glück meist nur mit den Tüchtigen. Wie also seid ihr dort, wo ihr seid, eigentlich hingekommen? Diese Frage zu beantworten wird eini-ge Tage dauern. Fragt euch: „Was habe ich richtig gemacht, um da zu sein, wo ich bin?“Einigen Menschen werden sehr viele Abers einfallen: Ich habe mich im Aus-wahlprozess durchgesetzt –aber ich habe mich eigentlich nur gut verkauft und die Personalerin mochte mich. Okay, da ist ein Aber. Aber ist dieses Aber nun so schlimm? Sich gut verkaufen zu können ist eine Stärke! Die Personalerin wird auch einen Grund haben, wenn sie bestimmte Kandidatinnen und Kandidaten mag. Achtung: Es geht hierbei nicht darum, die eigenen Privilegien auszublenden – un-gerechte Behandlung ist ein großes Problem. Doch die Konsequenz darf nicht sein, dass der eigene Anteil am Erfolg kleingeredet wird. Du hast etwas gut gemacht? Gut!Was hast du heute gut gemacht?Einige bekannte Achtsamkeitsübungen fragen danach, was an einem Tag gut war. Oder wofür Menschen dankbar sind. Wer seine Stärken sucht, der kann diese Übung leicht für sich abwandeln:„Was habe ich heute gut gemacht?“Es widerspricht der inneren Bescheidenheit –und einige Menschen werden si-cherlich gleichzeitig nach etwas suchen, das ihre guten Taten relativiert. Trainiert euch das ab! Steht einfach mal zu euren Handlungen. Gute Taten müssen übrigens nicht zwingend der Gesellschaft dienen. Klar ist es gut, wenn ihr anderen helft. Helft weiter! Aber vergesst nicht, dass gute Taten auch euch selbst dienen dürfen. Die letzte gute Tat eines Tages darf dann sein: Ich bin mir meiner Stärken bewusst ge-worden. Für mich.

ge, blind für die eigenen Schwächen zu werden – obwohl Stolz ja den Blick auf Schwächen gar nicht trüben muss. Wer nur in Extremen denkt, der hält Pessimis-mus für Umsicht. Das Gegenteil ist der Fall: Die eigenen Stärken zu kennen, das kann die größte Stärke von allen sein.Eine Forschungsreise zu den StärkenDie härtesten Gegner bei der Anerkennung der eigenen Stärken sind die Abers. Aber ich hatte Hilfe, aber ich habe an anderer Stelle versagt, aber, aber, aber. Diese Abers sind schwer zu bekämpfen. Dahinter steckt das psychologische Phänomen der Ironischen Prozesse: Das, was Menschen bleiben lassen wollen, ist ihnen stän-dig so präsent, dass sie es wieder tun. Zwingt die Aber-Gedanken deshalb nicht weg –sie kommen immer wieder. Weist ihnen eine Zeit zu: „Morgen früh zwischen Haustür und Bahnstation habt ihr dunkeln fünf Minuten, um mich zu quälen.“ Und vielleicht wird sich das mit der Zeit so dämlich anfühlen, dass ihr die Grübelei dann bleiben lasst.Es ist also an der Zeit, den Fokus auf die guten Dinge zu legen. Die Suche nach den Stärken ähnelt dabei einer Forschungsreise. Zunächst einmal fragen wir Orts-kundige um Rat. Dann werden wir selbst zu Ortskundigen. Was antworten die anderen?Stärken zu erkennen fällt anderen Menschen oft leichter. Doch die Frage nach ihnen fühlt sich unangenehm an. Einfacher ist es, das Projekt zu erläutern und dann nachzufragen. So: „Ich analysiere momentan meine eigenen Stärken. Was kann ich in deinen Augen beson-ders gut?“Schon diese kleine Einordnung nimmt dem Gespräch das Gefühl von Merkwür-digkeit. Wichtig ist an dieser Stelle allerdings: Der Blick von außen ist immer un-vollständig. Andere Menschen sehen, was wir ihnen zeigen. Verborgene Stärken müssen deshalb übersehen werden.Wo bekomme ich gutes Feedback?Freundliche Worte ziehen im Alltag schnell an uns vorbei. Es lohnt sich, einen inneren Filter dafür anzulegen: Wann hat sich jemand bei mir bedankt? Wofür ernte ich ein kleines Wow, wann ein beiläufiges „Ah –super“? Diese Reaktionen sind weniger be-wusst und nicht durchdacht –und deshalb sehr ehrlich. Auch aus Alltagssituatio-nen könnt ihr hier Informationen ziehen: Die Mutter mit dem Kind auf dem Arm nickt lächelnd, weil ihr ihr Platz gemacht habt? Da stecken gleich mehrere Fähig-keiten drin: Freundlichkeit und Empathie, aber auch Aufmerksamkeit und ein Hang zur Effizienz. Auf die Mail an den Kollegen gibt’s ein kurzes „super –danke“? Hier könnten Schnelligkeit drinstecken, Gewissenhaftigkeit, die Fähigkeit, Sachverhalte über-sichtlich dazustellen. Nicht jeder wird im Alltag sein Lob begründen – das können wir dann selbst erledigen.Wie bist du eigentlich da hingekommen, wo du bist?Etwa 70 Prozent der Menschen halten sich mindestens zeitweise für Hochstap-ler. Das Gefühl dahinter: Ich gehöre nicht da hin, wo ich gerade bin. Das war Glück. Tatsächlich gehören im realen Arbeitsleben doch noch ein paar Aspekte mehr dazu. Schließlich ist das Glück meist nur mit den Tüchtigen. Wie also seid ihr dort, wo ihr seid, eigentlich hingekommen? Diese Frage zu beantworten wird eini-ge Tage dauern. Fragt euch: „Was habe ich richtig gemacht, um da zu sein, wo ich bin?“Einigen Menschen werden sehr viele Abers einfallen: Ich habe mich im Aus-wahlprozess durchgesetzt –aber ich habe mich eigentlich nur gut verkauft und die Personalerin mochte mich. Okay, da ist ein Aber. Aber ist dieses Aber nun so schlimm? Sich gut verkaufen zu können ist eine Stärke! Die Personalerin wird auch einen Grund haben, wenn sie bestimmte Kandidatinnen und Kandidaten mag. Achtung: Es geht hierbei nicht darum, die eigenen Privilegien auszublenden – un-gerechte Behandlung ist ein großes Problem. Doch die Konsequenz darf nicht sein, dass der eigene Anteil am Erfolg kleingeredet wird. Du hast etwas gut gemacht? Gut!Was hast du heute gut gemacht?Einige bekannte Achtsamkeitsübungen fragen danach, was an einem Tag gut war. Oder wofür Menschen dankbar sind. Wer seine Stärken sucht, der kann diese Übung leicht für sich abwandeln:„Was habe ich heute gut gemacht?“Es widerspricht der inneren Bescheidenheit –und einige Menschen werden si-cherlich gleichzeitig nach etwas suchen, das ihre guten Taten relativiert. Trainiert euch das ab! Steht einfach mal zu euren Handlungen. Gute Taten müssen übrigens nicht zwingend der Gesellschaft dienen. Klar ist es gut, wenn ihr anderen helft. Helft weiter! Aber vergesst nicht, dass gute Taten auch euch selbst dienen dürfen. Die letzte gute Tat eines Tages darf dann sein: Ich bin mir meiner Stärken bewusst ge-worden. Für mich.

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