Beruhigungspillen im Möbelhaus


Das Verteilen von Beruhigungspillen für Kunden und Lieferanten findet im Tiefgeschoss zwischen Stapeln von Perserteppichen und hinter den Flechtsesseln vom letzten Sommer statt: Ganz unten im größten Kaufhaus der österreichischen Möbelkette Kika/Leiner in Wien steht der Unternehmenschef Gunnar George erstmals seit der Schieflage des südafrikanischen Mutterkonzerns Steinhoff Rede und Antwort. Anfang Dezember ist der Bilanzskandal des im MDax notierten Konzerns bekannt geworden.

„Wir laden hierher ein, weil wir die Öffentlichkeit und vor allem unsere Kunden beruhigen wollten“, sagt George. „Es ist uns in den vergangenen Wochen gelungen, die Liquidität für die Zukunft zu sichern.“ Jeder Kunde werde seine Möbel geliefert bekommen und könne bedenkenlos Anzahlungen liefern. Aus seinen Worten lässt sich ahnen, welch dramatische Wochen das österreichische Möbelhaus mit seinen 7000 Beschäftigten in Österreich und Osteuropa und einem Umsatz von 800 Millionen Euro hinter sich hat.

Ohne den Verkauf des fünfstöckigen Hauses am Wiener Einkaufsboulevard Mariahilfer Straße für 70 Millionen an den Karstadt-Eigner und Immobilientycoon René Benko hätte Kika/Leiner Ende Dezember die Löhne nicht mehr bezahlen können. Nun, so versichert Leiner/Kika-Chef George, seien Mittel von der Steinhoff-Mutter zugesichert und zum Teil schon geflossen, die das Überleben für die nächsten zwei Jahre garantierten.


Der Steinhoff-Konzern, zum dem neben Kika/Leiner auch europäische Möbelketten wie die deutsche Poco, die französische Conforama und große Konsumketten in Südafrika (Pepco), USA (Mattress Firm) und Großbritannien (Poundland) steht mit dem Rücken an der Wand. Die Wirtschaftsprüfer wollten die Zahlen des unübersichtlichen, rasch gewachsenen Imperiums nicht mehr testieren. Binnen drei Tagen verlor die Aktie rund 90 Prozent ihres Wertes und hat sich seither nicht mehr erholt.

Der langjährige Firmenchef Markus Jooste musste gehen. Er hatte den Konzern in atemberaubendem Tempo zu einem internationalen Imperium mit einem für das Jahr 2016/2017 erwarteten Umsatz von 20 Milliarden Euro gemacht. Inzwischen gab der Konzern bekannt, dass die Bilanzen für mehrere Jahre rückwirkend neu aufgestellt werden müssen.

Dazu passt, dass die Staatsanwaltschaft Oldenburg bereits seit Ende 2015 wegen möglicher Bilanzfälschung gegen den Konzern ermittelt und kurz vor dem Börsengang im Dezember 2015 eine Razzia in den Büroräumen im niedersächsischen Westerstede veranlasste. Als es vor rund sieben Wochen zum großen Kurzeinbruch kam, kündigten Banken die Kreditlinien. Seither verhandeln die Geldgeber in London.

Die miserable Finanzsituation der Steinhoff-Mutter war für die österreichische Tochter eine Katastrophe. „Wir haben unsere Einnahmen in einen Cash-Pool eingezahlt, der wurde im Dezember eingefroren“, schildert George die damalige Situation. Die Gehälter der Mitarbeiter konnten nicht mehr bezahlt werden. Die Rechnungen auch nicht. Die Mitarbeiterkosten betragen laut George 200 Millionen Euro im Jahr. In der Möbelbranche war die Aufregung groß. „Die Lieferanten haben ihre Sorgen und Ängste zum Ausdruck gebracht“, berichtet George. Zuletzt beruhigte er auf der Kölner Möbelmesse in vielen Gesprächen die Gemüter.


Inzwischen habe Kika/Leiner den Cash-Pool gekündigt. Wie viel Geld die südafrikanische Zentrale des Steinhoff-Konzerns zugesichert hat, dass Kika/Leiner überleben kann sagte George nicht. Doch es gibt Schätzungen: Die Investitionskosten, die nun nötig seien, um die Möbelkette wettbewerbs- und überlebensfähig zu machen, werden auf 50 bis 60 Millionen jährlich taxiert. Dazu kommen die übrigen Kosten. Kika/Leiner schreibt im Moment allenfalls eine schwarze Null. Die Zusage für zwei Jahre aus Südafrika, schätzen Experten, dürfte ungefähr 200 Millionen Euro hoch sein.

Der gesamte Steinhoff-Konzern hatte zuletzt 10,7 Milliarden Euro Schulden angehäuft, wie im Dezember aus einer Bankenpräsentation hervorgeht. Darunter mehrere Anleihen für Investoren und rund vier Milliarden Euro Bankschulden. Banken wie die Bank of America, Citigroup, HSBC und Commerzbank haben teilweise die Darlehen schon wertberichtigt.

Wichtigste Soforthilfe war in den letzten Wochen für die Steinhoff-Mutter in Südafrika der Verkauf von Anteilen an der südafrikanischen Investmentgesellschaft PSG. Steinhoff erlöste daraus in einer ersten Tranche 293 Millionen Euro, in einer zweiten noch einmal 480 Millionen Euro. Solche Summen reichen vielleicht fürs erste, um notleidende Töchter wie Kika/Leiner am Leben zu halten. Doch Analysten sind überzeugt: um seine zweistelligen Milliardenschulden zu begleichen, muss der Steinhoff-Konzern wohl mittelfristig größere Teile seines Imperiums veräußern.