Karadzic bestreitet in Den Haag Vorwurf des Völkermords

Berufungsprozess von Karadzic in Den Haag begonnen

Zum Auftakt seines Berufungsprozesses in Den Haag hat der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic den Vorwurf des Völkermords zurückgewiesen. Der 72-Jährige beklagte einen unfairen Prozess und bezeichnete die ethnischen Säuberungen während des Bosnienkriegs als "Mythen". Sein Anwalt Peter Robinson forderte einen Freispruch. Die Anklägerin Katrina Gustafson widersprach umgehend.

Er sei aufgrund von "Witzen und Gerüchten" schuldig gesprochen worden, sagte Karadzic. "Unsere Strategie war in ganz Bosnien defensiv." Sein Anwalt forderte die Richter auf, den 72-Jährigen freizusprechen oder einen neuen Prozess anzuordnen. Karadzic habe vor dem UN-Tribunal in Den Haag keinen fairen Prozess bekommen, was aber ein "universeller Wert" der internationalen Gerichtsbarkeit sei.

Anklägerin Gustafson widersprach der Verteidigung. Karadzics Beschwerde gegen seine Verurteilung sei unbegründet. Er habe nicht nachweisen können, dass ihm Unrecht widerfahren sei.

Karadzic war im März 2016 zu 40 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Das UN-Tribunal befand ihn wegen Völkermords, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Bosnienkriegs von 1992 bis 1995 schuldig.

Karadzic trägt nach dem Urteil persönlich Verantwortung für das Massaker im bosnischen Srebrenica. Dort wurden im Juli 1995 fast 8000 muslimische Jungen und Männer umgebracht. Der Schuldspruch bezog sich zudem auf Karadzics Mitverantwortung für die 44-monatige Belagerung Sarajevos, bei der 10.000 Zivilisten getötet wurden.

Karadzic warf den Richtern des UN-Tribunals einen "politischen Prozess" gegen ihn vor und legte Berufung gegen das Urteil ein. Auch Chefankläger Serge Brammertz legte Berufung ein, weil er das Urteil für zu milde hält.

Für den zweitägigen Berufungsprozess ist der Internationale Residualmechanismus für die Ad-hoc-Strafgerichtshöfe (MICT) zuständig. Er führt die Tätigkeit des Tribunals für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) und des Internationalen Strafgerichtshofs für Ruanda (ICTR) zu Ende, deren Mandat 2013 abgelaufen ist. Mit einer Entscheidung wird erst in einigen Monaten gerechnet.

Die Vorsitzende des Opferverbandes Mütter von Srebrenica bezeichnete Karadzic als "Monster". Er habe keinerlei Gefühle und lüge, um sich zu verteidigen, sagte die Verbandsvorsitzende Munira Subasic, die den Prozess in Den Haag verfolgt.

Karadzic, der einstige Präsident der selbst ernannten bosnischen Serbenrepublik, war nach dem Krieg jahrelang untergetaucht. Er hatte sich in Belgrad als Mediziner mit alternativen Heilmethoden niedergelassen, bis er 2008 enttarnt und verhaftet wurde. Er bezeichnete sich als unschuldig. Während des Bosnienkriegs wurden mehr als 100.000 Menschen getötet und mehr als 2,2 Millionen Menschen in die Flucht getrieben.