Berliner Polizistin in Afrika im EU-Einsatz

·Lesedauer: 4 Min.
Antje Pittelkau hat es geschafft: Die 53-Jährige ist die erste deutsche Polizistin, die eine internationale Polizeimission der Europäischen Union (EU) leitet.
Antje Pittelkau hat es geschafft: Die 53-Jährige ist die erste deutsche Polizistin, die eine internationale Polizeimission der Europäischen Union (EU) leitet.

Wenn Antje Pittelkau das Wort ergreift, hören ihr knapp 200 Männer zu. Die Berliner Polizistin hat bei einer internationalen EU-Truppe den Hut - besser noch: das Barett - auf. In einer gefährlichen Region sagt sie dem Terrorismus den Kampf an.

Niamey/Johannesburg (dpa) - Antje Pittelkau hat es geschafft: Die 53-Jährige ist die erste deutsche Polizistin, die eine internationale Polizeimission der Europäischen Union (EU) leitet.

Sie arbeitet damit als eine von ganz wenigen Frauen in solch einem Führungsjob - gerade bei Missionen der Europäischen Union ist es noch eher Ausnahme als Regel. «Die Ernennung von Antje Pittelkau ist ein überfälliger Schritt - ein Signal für Deutschland und die EU», meinte auch Hans-Georg Engelke, Staatssekretär im Bundesinnenministerium. Von einem «Meilenstein zur stärkeren Beteiligung von Frauen in Friedensprozessen» war die Rede.

Pittelkau selbst sieht sich daher auch ein wenig als Trendsetterin und Mutmacherin. «Oft sitze ich in großen Meetings und merke erst am Ende, dass ich die einzige Frau bin», räumt sie ein. Ein ganzes Berufsleben lang war sie in einer männerdominierten Welt unterwegs. Seit dem 16. Januar ist das anders - nun erhält sie sogar Briefe von den wenigen Frauen in ihrem Umfeld, die sie als Vorbild beschreiben. Pittelkau wurde zur Leiterin der EU-Polizeimission in Niger ernannt - ein Job mit vielen Risiken in dem von Terror heimgesuchten westafrikanischen Land. Mit Mali ist zudem ein Staat Nachbar, der ebenfalls in der Sahelzone liegt - einem Gebiet, in dem auch die Bundeswehr aktiv am Kampf gegen den Terrorismus beteiligt ist.

Der Niger ist eins der wichtigsten Transitländer für afrikanische Migranten, die über das Mittelmeer die EU erreichen wollen. Rund 2,9 Millionen Vertriebene flohen laut jüngsten Schätzungen des UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR vor dem Terror in der Sahelzone - und es dürften noch mehr werden. «Die Sahelzone - mit Burkina Faso, dem Tschad, Mali und Niger - umfasst einige der weltweit am wenigsten entwickelten Länder, und die die Vertriebenen aufnehmenden Gemeinschaften haben das Ende ihrer Kapazitäten erreicht», sagt UNHCR-Sprecher Boris Chechirkow.

In einer UNHCR-Erklärung heißt es am Mittwoch: «Angesichts anhaltender Vertreibung, schlechten Lebensbedingungen in den aufnehmenden benachbarten Gastländern, den wirtschaftlichen Folgen der Covid-Pandemie und einem Mangel an tragfähigen Alternativen werden viele auf riskante Seereisen nach Europa setzen.» Dabei seien sie Übergriffen und Missbrauch aller Arten ausgesetzt. Die UN-Organisation äußerte sich zutiefst besorgt über die Situation.

Die 2012 eingerichtete EU-Mission soll helfen, Spannungen in der Region zu verhindern. Sie hat den sperrigen Namen European Union Capacity Building Mission in Niger (EUCAP SAHEl Niger) und soll mit ihren knapp 200 Mitgliedern beim Aufbau der nigrischen Sicherheitskräfte helfen - neben der Polizei gehören auch Nationalgarde und Gendarmerie dazu. Es gehe weniger um Verkehrsdelikte, sagt die einstige Referatsleiterin der Berliner Innenbehörde, die seit 2018 als Vize-Chefin in Niger war.

«Natürlich bilden wir nicht den Verkehrspolizisten auf der Straße aus», sagt sie. Es sei bisher um Zugriffstechniken, Passfälschungen, Eigensicherung gegangen. Nun stehe eher die Ausbildung der Trainer im Vordergrund. «Und wir begleiten und beraten die Nigrer, auch auf strategischer Ebene,» erklärt die gebürtige Freiburgerin, die sich mit 18 Jahren bei der Berliner Polizei beworben hatte. «Ich verdanke Berlin meine Karriere», sagt sie nachdenklich. Warum Berlin? Weil sie einst in ihrem Heimat-Bundesland Baden-Württemberg mit 1,60 Metern als zu klein angesehen wurde, erklärt sie lachend.

In den Ländern der Sahelregion sind Terrorgruppen aktiv, die Al-Kaida oder dem Islamischen Staat (IS) die Treue geschworen haben. Die Regierung hat in den wüstenhaften Weiten außerhalb der Städte wenig Kontrolle, was nicht nur dschihadistische Gruppen, sondern auch kriminelle Netzwerke ausnutzen. Der Niger ist zusammen mit Mali, Mauretanien, dem Tschad und Burkina Faso Teil der G5-Sahel-Gruppe, die Terrorgruppen bekämpfen will.

Unsicher fühle sie sich aber nicht in Nigers Hauptstadt Niamey, sagt Pittelkau - auch wenn sie einräumt, dass aus den Nachbarländern der Terror nun zunehmend spürbarer nach Niger schwappe. Vor allem in der Grenzregion zu Mali kommt es immer wieder zu schweren Attacken - wie etwa vor kurzem bei den Dörfern Tchombangou und Zaroumdareye, wo mehr als 100 Menschen ums Leben kamen und viele verletzt wurden.

«Ich bin nach vier Jahren in Kabul durchaus krisenerprobt», meint Pittelkau. Das war 2004, bei ihrem ersten Auslandseinsatz in Afghanistan. Auch wenn sie hin und wieder ein Dé­jà-vu in Niamey habe, sehe sie keine Parallelen zwischen der Lage im Niger und der in Afghanistan. «Die Ausgangslage ist eine andere», meint die Berliner Landesbeamtin, die aus ihrem Hang für gutes Essen keinen Hehl macht - und gerade Niameys erste italienische Eisdiele entdeckt hat. Heimweh hat sie kaum: «Ich bin vom Fernweh getrieben.» Sie gibt aber zu: «Nach vier Jahren in Kabul habe ich den Cappuccino auf dem Kurfürstendamm sehr genossen.»