Berlin sagt Peking Ciao statt Ni Hao: Der Tag mit Bloomberg

(Bloomberg) -- Bundeskanzler Olaf Scholz war bisher nicht besonders bekannt für eine China-kritische Haltung. Im Ringen um einen Einstieg des chinesischen Staatskonzerns Cosco bei einem Terminal im Hamburger Hafen hatte Scholz im vergangenen Jahr noch das halbe Kabinett gegen sich. Als ehemaliger Bürgermeister der Hansestadt wollte Scholz anfangs so gar keinen Anlass sehen, beim Schutz dieser kritischen Infrastruktur eventuell doch besser zu intervenieren. Auf Drängen vor allem der Grünen verwässerte die Ampel-Koalition den ursprünglichen geplanten Cosco-Minderheitsanteil von 35% auf nur noch 24,9%. Und selbst dieser Anteil ist nicht in Stein gemeißelt.

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In einer Rede vor dem Europäischen Parlament in Straßburg verschärfte Scholz nun seine Tonart und warf der Regierung in Peking vor, immer weniger als Partner Europas und immer stärker als Rivale aufzutreten. Die Europäische Union müsse darauf reagieren und aktiv ihre Abhängigkeiten von China in strategischen Bereichen reduzieren. Kein De-coupling, aber ein “kluges De-risking” lautet die Devise. Wenige Stunden später legte Außenministerin Annalena Baerbock nach und drohte ihrem chinesischen Amtskollegen bei einer gemeinsamen Pressekonferenz indirekt mit Sanktionen, die indirekte Waffenlieferungen an Russland unterbinden und somit auch chinesische Unternehmen treffen könnten. Da half es nur wenig, dass der chinesische Gast den deutschen Journalisten zu erklären versuchte, man solle doch bitte nicht zuviel in den kurzfristig von China abgesagten Besuch von Bundesfinanzminister Christian Lindner in Peking hineininterpretieren.

AKTUELLE MELDUNGEN:

  • Im Übernahmewettstreit um die Software AG hat Bain Capital nachgelegt und bietet nun mindestens 2,5 Milliarden Euro. Die Gremien des Konzerns stehen jedoch weiter zur Silver-Lake-Offerte.

  • EON hat den Jahresausblick bestätigt, rechnet am Strommarkt indessen weiter mit “Volatilitäten”. Salzgitter bestätigt die Prognose für den Jahresgewinn, hat jedoch den Umsatzausblick gesenkt.

  • Das Bankhaus von der Heydt verfolgt nicht mehr länger seinen Verkauf, nachdem auch der zweite Anlauf für eine Übernahme des Münchner Instituts geplatzt war.

  • Mit Blick auf die EU-Pläne zu Bankenabwicklung und Einlagensicherung warnen die Genossenschaftsbanken vor dem Ende des deutschen 3-Säulen-Bankensystems.

  • In Bezug auf das Liontrust-Übernahmegebot für GAM reichen Aktionäre Beschwerde gegen eine Entscheidung der Schweizer Übernahmekommission ein.

  • Tucker Carlson startet nach seinem Rauswurf bei Fox News eine Show auf Twitter.

ANALYSEN:

  • HSBC profitiert von der Notübernahme der Credit Suisse. Der britischen Großbank laufen Kunden des von der UBS mit Staatshilfe geretteten Instituts zu und auch Mitarbeiter der Problembank wechseln zum Londoner Konzern.

  • Fluglinien können ihren aktuellen Erfolg im Premiumsegment kaum fassen. Die erste Klasse verkauft sich wie lange nicht mehr, schreibt unser Kolumnist Chris Bryant.

AKTIENMÄRKTE | Die Börsen in Asien geben am Mittwoch nach. Gegen den Trend zog in Tokio die Toyota-Aktie an, nachdem der weltgrößte Autokonzern einen Aktienrückkauf angekündigt hat. Der Jahresausblick lag im Rahmen der Erwartungen. Die Wall Street schloss am Dienstag leichter. Einen Kursrutsch um 13% gab es bei Paypal, nachdem der Zahlungsdienstleister seinen Margenausblick gesenkt hat. Für Europa deuten die Futures einen Handelsstart minimal über den Vortagesniveaus an. “Die Märkte warten auf die amerikanischen Verbraucherpreisdaten”, sagte Stratege John Bromhead von der Australia & New Zealand Banking Group in Sydney.

RENTENMÄRKTE | Am europäischen Staatsanleihemarkt haben die Kurse am Dienstag die dritte Sitzung in Folge nach. Für Druck sorgte eine €4 Milliarden schwere Bondemission der EU. Der Geldmarkt blieb bei der Vortageserwartung eines Euroraum-Zinsgipfels bei 3,70% im September, trotz der Signale der EZB-Räte Kazaks, Kazimir, Vujcic und Nagel, dass eine weitere Straffng der Geldpolitik nötig sei. Heute beschafft Deutschland insgesamt €2,5 Milliarden über Anleihen mit Laufzeiten bis 2050 und 2053. Von EZB-Seite stehen heute Äußerungen des estnischen Ratsmitglieds Müller und des Portugiesen Centeno auf der Agenda.

ROHSTOFFMÄRKTE | Nach vier Sitzungen mit teils erheblicher Teuerung korrigieren die Ölpreise am Mittwoch etwas. Am Dienstag hatte Washington angekündigt, die Öl-Notreserven im Jahresverlauf wieder auffüllen zu wollen. Der Goldmarkt tendiert nach zwei Tagen Preisanstieg minimal leichter. Im Fokus stehen die heutigen US-Inflationsdaten für April.

TERMINE AM MITTWOCH

  • Quartalszahlen: Toyota, Alstom, Brenntag, Eon, Heidelbergcement, Lanxess, LEG Immobilien, Siemens Healthineers, Tui, Synlab, Credit Agricole, ABN Amro, Telecom Italia, Compugroup Medical, Salzgitter, Telefonica Deutschland, United Internet, Ahold Delhaize, 1&1, Hawesko, OHB, SLM Solutions, Vestas Wind, Continental, Sto, Ionos, Walt Disney

  • Hauptversammlungen: Volkswagen, Elmos Semiconductor, K+S, Rational, Symrise

  • 08:00 Verbraucherpreise (endgültig) April

  • 09:30 EU/Europäisches Gericht verkündet Urteil zur Beihilfe Deutschlands für Lufthansa angesichts der Covid-19-Krise

  • Estnischer EZB-Rat Müller spricht in Tallinn (10:00), portugiesischer EZB-Rat Centeno in Lissabon (13:20 und 16:00)

  • 14:00 Ministerpräsidentenkonferenz von Bund und Ländern mit Bundeskanzler Scholz

  • Konjunkturdaten: US/Realeinkommen, US/Verbraucherpreise

  • 15:30 Wirtschaftsminister Habeck, Keynote beim Tag der Immobilienwirtschaft, Berlin

  • Alphabet Inc (Google-Mutter), Jährliche Entwicklerkonferenz von Google I/O 2023

--Mit Hilfe von Arne Delfs.

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