Berlin nimmt fünf verfolgte Homosexuelle aus Tschetschenien auf

Homo- und bisexuelle Männer verdienen einer Erhebung zufolge weniger als ihre heterosexuellen Geschlechtsgenossen. Ein derartiges Lohngefälle "legt eine Benachteiligung Homo- und Bisexueller nahe", erklärte das DIW. 

Angesichts der Verfolgung homosexueller Männer in Tschetschenien nimmt das Land Berlin fünf besonders gefährdete Schwule aus der russischen Kaukasusrepublik auf. Den Männern werde "in einem besonderen Verfahren schnell und unbürokratisch" Schutz gewährt, erklärte Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) am Freitag. Nach Angaben von russischen Aktivisten geht die Verfolgungskampagne in der Kaukasusrepublik nach einer Pause im muslimischen Fastenmonat Ramadan inzwischen weiter.

Die regierungskritische russische Zeitung "Nowaja Gaseta" hatte im März von einer gezielten Verfolgungskampagne gegen Schwule in Tschetschenien berichtet. Seit Februar wurden demnach mehr als hundert tatsächlich oder vermeintlich homosexuelle Männer von Milizen des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow verschleppt und inhaftiert, mindestens zwei von ihnen sollen an Folgen von Misshandlungen gestorben sein.

Die Aufnahme der Männer, die nun in Berlin Schutz bekommen, erfolgt nach Angaben Geisels "in Abstimmung mit dem Auswärtigen Amt aus dringenden humanitären Gründen". Einer der Männer ist nach Senatsangaben bereits in Berlin, die vier anderen noch nicht.

Die fünf Tschetschenen seien "allein aufgrund ihrer sexuellen Orientierung auf besonders grausame Weise verfolgt, erpresst und misshandelt" worden, erklärte der Innensenator. Mit der Aufnahme wolle der Senat "ein aktives Zeichen gegen Homophobie und Folter setzen". Er sei "zuversichtlich, dass die Tschetschenen in unserer Stadt die nötige Unterstützung und Betreuung bekommen, die sie benötigen", erklärte Geisel.

Seit Jahren gibt es immer wieder Berichte über Misshandlungen und Entführungen von Schwulen und Lesben in Tschetschenien. Nach den Berichten der "Nowaja Gaseta" forderten Deutschland und andere EU-Länder Russland zum Schutz von Homosexuellen auf. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach das Thema im Mai bei einem Treffen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin an. Auf Drängen des Europarats sagte die russische Regierung schließlich zu, den Vorwürfen nachzugehen.

Inzwischen scheinen die Verfolgungen aber weiterzugehen. Nach dem Ende des Ramadan habe es in Tschetschenien wieder Festnahmen gegeben, sagte der Präsident der Gruppe Russisches LGBT-Netzwerk, Igor Koschetkow, am Freitag der Nachrichtenagentur AFP in Paris. Beim Beratungstelefon der Organisation meldeten sich seinen Angaben zufolge bereits dutzende Betroffene. Sie wurden nach eigenen Angaben auf der Grundlage falscher Beweise für verschiedene Vergehen "von Diebstahl bis Terrorismus" verantwortlich gemacht.

Nach Angaben von Koschetkow wurden im Zuge der Verfolgungskampagne in Tschetschenien bereits sechs schwule Männer getötet. 300 bis 400 Homosexuelle seien inhaftiert und misshandelt worden.

60 bis 70 Betroffene konnten sich seinen Angaben zufolge inzwischen in anderen russischen Provinzen in Sicherheit bringen. 14 von ihnen seien ins Ausland geflohen. Sie bekamen demnach humanitäre Visa oder Asyl.