Armutsrisiko von Kindern in Deutschland steigt

Das Armutsrisiko für Kinder in Deutschland ist einem Bericht zufolge gestiegen. Im Jahr 2015 galten rund 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche als armutsgefährdet, wie die "Süddeutsche Zeitung" unter Berufung auf den "Familienreport 2017" berichtet, der heute in Berlin vorgestellt werden soll

Das Armutsrisiko für Kinder in Deutschland ist gestiegen: Die Quote der von Armut bedrohten unter 18-Jährigen lag 2015 bei 19,7 Prozent, wie aus dem am Freitag von Bundesfamilienministerin Katarina Barley (SPD) vorgelegten Familienreport hervorgeht. Im Vergleich zu 2010 hat sich die Quote damit um 1,5 Prozentpunkte erhöht. Linke und Grüne warfen Union und SPD Untätigkeit im Kampf gegen Kinderarmut vor.

Dem Report zufolge waren rund 2,8 Millionen unter 18-Jährige armutsgefährdet. Das Armutsrisiko hänge stark mit dem Familientyp und der Anzahl der Kinder zusammen. 44 Prozent der Alleinerziehendenhaushalte sind demnach armutsgefährdet. Ihr Armutsrisiko ist damit mehr als viermal so hoch wie bei Paarfamilien mit einem oder zwei Kindern.

Besonders stark betroffen sind Kinder aus Migrantenfamilien. Der Anteil der mit einem Armutsrisiko lebenden Kinder ist in der Gruppe von 2011 bis 2015 von rund 36 Prozent auf 49 Prozent angestiegen, wie es in dem Report weiter heißt. Bei Kindern ohne Migrationshintergrund lag er konstant bei 13 Prozent.

Barley erklärte anlässlich des Familienreports: "Es bleibt eine der wichtigsten Aufgaben, ein gutes Aufwachsen für alle Kinder zu sichern." Familien erwarteten zu Recht eine gute Unterstützung. Politik und Wirtschaft müssten für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie sorgen. "Jeder Euro, den wir in gute Kitas, Ganztagsschulen und Horte investieren, zahlt sich mehrfach aus." Barley forderte "ein Recht auf Ganztagsbetreuung für alle Grundschulkinder".

Linken-Chefin Katja Kipping sagte der Nachrichtenagentur AFP, die Parteien der großen Koalition hätten "dabei versagt, allen Kindern in unserem Land die gleichen Chancen und die gleiche Teilhabe an Bildung, Sport, Kultur zu sichern". Benötigt werde "eine eigenständige Kindergrundsicherung, die Kinderarmut wirksam verhindert". Auch der Fraktionsvorsitzende und Spitzenkandidat Dietmar Bartsch erklärte, viele Chancen seien nicht genutzt worden.

Die Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt erklärte, die Bundesregierung habe Eltern und Kindern nicht die nötige Unterstützung zukommen lassen. "Stattdessen lässt sie trotz brummender Konjunktur immer mehr Kinder und alleinerziehende Mütter im Regen stehen."

Die Spitzenkandidatin ihrer Partei forderte eine Abkehr von den ungerechten Steuerfreibeträgen, "die vor allem denen helfen, denen es ohnehin gut geht". Mit einem unbürokratischen Bonus zum Kindergeld könnten Familien und Alleinerziehende vor Armut geschützt werden.

Der Armutsforscher Christoph Butterwegge schlug vor, den Solidaritätszuschlag zur Bekämpfung von Kinderarmut zu nutzen. Dem Radioprogramm SWR Aktuell sagte er, anstatt die Abgabe abzuschaffen, könne sie zu einem großen Projekt zur Bekämpfung der Kinderarmut umgewidmet werden. Damit könnten in den Regionen, in denen sich die Kinderarmut konzentriere, bessere Betreuungsmöglichkeiten geschaffen und Kindern in den Einrichtungen ein warmes Mittagessen angeboten werden. Butterwegge war bei der Wahl des Bundespräsidenten im Februar der Kandidat der Linkspartei.