Beratung: Pfarrerin als Navigationshilfe

Ein bisschen muss es sich derzeit für die Evangelische Gemeinde Niehl so anfühlen, als befände sie sich auf einer Eisscholle, die dabei ist, in zwei Teile zu zerbrechen. Erst war es nur ein Riss, dann ein Auseinanderdriften, jetzt kommt es zur Spaltung. Um diesen Prozess gut zu überstehen, hat die rheinische Landeskirche der Gemeinde eine Navigationshilfe zur Seite gestellt: Ingrid Schneider, die Pfarrerin, erst seit wenigen Monaten im Amt und mit der Aufgabe betraut, den Abspaltungsprozess zu leiten.

Genau genommen war die Niehler Gemeinde noch nie ein organisches Gebilde, auch nicht historisch gewachsen. Sie besteht seit 1957. Damals wurden die Niehler aus der Evangelischen Gemeinde Nippes ausgegliedert, genauso wie Riehl und Weidenpesch. Niehl tat sich mit Merkenich zusammen und bildete eine selbständige Gemeinde. 1965 wurde die Petrikirche an der Schlenderhaner Straße gebaut, später bekam auch Merkenich ein evangelisches Gotteshaus, die Andreaskirche an der Merkenicher Hauptstraße. Das Gemeindeleben litt aber schon immer darunter, dass die Gläubigen aus beiden Standorten nicht recht zueinanderfinden konnten, bedingt durch die geografische Lage.

Trennklotz sind die Fordwerke am Rheinufer. Und nur unter Schwierigkeiten ist es möglich, mit öffentlichen Verkehrsmitteln den Gottesdienst in der jeweils anderen Kirche zu besuchen. Die rund 1000 Merkenicher Protestanten fühlen sich eher dem ländlichen Norden zugehörig, sind weniger nach der Innenstadt ausgerichtet als die Niehler. Logische Folge: Die Merkenicher möchten ihre Muttergemeinde verlassen und sich der Gemeinde Neue Stadt in Chorweiler-Mitte anschließen. Deren Gotteshaus befindet sich am Pariser Platz.

Bevor sich aber ein Gemeindeteil abspalten kann, muss sich die Gemeinde in ihrer Gesamtheit erstmal auflösen. Das Verfahren ist juristisch kompliziert. Und wohin die verbliebene Niehler Rumpfgemeinde treibt, ist unklar. Fest steht, mit 1500 Mitgliedern ist sie allein nicht lebensfähig. Ende September soll sie bei einer Versammlung entscheiden, wohin die Reise geht. Ingrid Schneider hat ihre Pfarrstelle mit dem Auftrag angetreten, den künftigen Kurs mitzubestimmen. Klar ist dabei jetzt schon, dass sie Niehl Ende 2018 wieder verlassen wird. Ihre Amtszeit dauert nur zwei Jahre.

Auf die 2019 frei werdende Pfarrstelle darf sie sich nicht bewerben, das gehört zum Profil. Schneider ist keine gewöhnliche Pfarrerin, sondern ein Gemeindecoach. Sie hat Theologie studiert, ist auch ordiniert und war bis 2004 Gemeindepfarrerin in Klettenberg. Diese Praxiserfahrung komme ihr nun zugute, sagt die 57-Jährige. Neun Jahre lang pausierte sie zwischendurch, war freiberuflich tätig, bildete sich in Coaching und Mediation weiter. Dann kehrte sie vor vier Jahren in die Amtskirche zurück, um beim Pilotprojekt "Pastoraler Dienst im Übergang" mitzuarbeiten.

Es wurde 2012 von den evangelischen Kirchen im Rheinland und Westfalen auf die Schiene gesetzt, nach amerikanischem Vorbild. Das Konzept beruht darauf, Gemeinden, in denen eine Vakanz entstanden ist oder die aus anderen Gründen in eine Notsituation geraten sind, einen Weg aus der Krise aufzuzeigen. Für eine Übergangsphase bekommen sie einen Interimspfarrer, der die akute Problemlage managt, in enger Zusammenarbeit mit dem Presbyterium.

Niehl sei ihr vierter Einsatz, sagt Schneider. Schon während der Amtszeit des Vorgängers Eberhard Matthieß hatte sich die Notwendigkeit einer Reform abgezeichnet. Matthieß, der Anfang des Jahres in den Ruhestand trat, hatte deshalb etwa eine Befragung der Gemeindemitglieder zur Zukunft durchgeführt. "Mein Vorteil ist jetzt", sagt Schneider, "dass ich neu bin in der Gemeinde und viele Dinge neu wahrnehme, ich kann alte Gewohnheiten in Frage stellen. In den ersten Wochen habe ich erst einmal nur beobachtet, viel gefragt." Derzeit entwirft sie den Zeitplan, macht sich auch schlau über den kommunalpolitischen Hintergrund. "Ich habe mich mit der Sozialraumanalyse der Stadt für Niehl befasst, da fand ich einiges erstaunlich", erzählt sie. Das Durchschnittsalter der Bewohner beträgt 42 Jahre. 40 Prozent sind Mitglied in einer christlichen Kirche, zwölf Prozent evangelisch. "Die Zahl der Christen geht auch in Niehl kontinuierlich zurück, auch wenn insgesamt unsere Kultur als stark christlich geprägt erlebt wird", stellt sie nüchtern fest.

Im Niehler Pfarrhaus hat Schneider nur eine provisorische Schlafgelegenheit eingerichtet. Mit ihrem Mann bleibt die Mutter zweier erwachsener Kinder in Düsseldorf wohnen. Wie ist das, jedesmal nach kurzer Zeit wieder Abschied nehmen zu müssen? "Traurig ist es schon, es hat sich meistens eine Vertrautheit eingestellt", sagt Schneider. "Weil ich aber weiß, dass ich wieder gehe, bringe ich mich emotional möglichst nicht so stark ein, auch die Gemeinde hält automatisch Abstand." Diese innere Distanz sei die Voraussetzung für eine erfolgreiche Arbeit. Die Gemeinde könne sich auf sich selbst konzentrieren und in Ruhe an der Lösung ihrer Probleme arbeiten. Zum 1. Januar 2020 soll die Neuordnung vollzogen sein, auch auf juristischer Ebene.

Eine Versammlung

Am Sonntag, 24. September, ist um 10.45 Uhr in der Niehler Petrikirche, Schlenderhaner Straße 34, der Erntedankgottesdienst. Im Anschluss findet eine Gemeindeversammlung statt, dort wird das Zukunftskonzept vorgestellt. (kaw)...Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta