Beispiele zeigen: So wird China den Automarkt in Europa aufmischen

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Nio bietet seinen Kunden einen Akku-Tausch in nur zehn Minuten an.
Nio bietet seinen Kunden einen Akku-Tausch in nur zehn Minuten an.

Der europäische Automarkt gehört zu den härtesten der Welt. Der Markt ist seit Jahren gesättigt, Käufer sehr hohe Qualitätsstandards gewohnt. Einfach mal ein günstiges Fahrzeug auf den Markt werfen, so wie es die Japaner in den 80er und 90er-Jahren gemacht haben? Unmöglich. Die Europäer erwarten mehr und das zu einem guten Preis. Auch deshalb verbessern vor allem chinesische Autohersteller ihre Fahrzeuge seit Jahren stetig. Bisher hielten sie sich mit Produktoffensiven aber noch zurück.

Aus gutem Grund: Denn Deutschland erhebt eine Einfuhrsteuer von zehn Prozent chinesische Fahrzeuge. Konkurrenzfähige Preise in der Mittelklasse lassen sich so kaum realisieren. Anders sieht das im Bereich ab 50.000 Euro aus. Hier schauen Kunden nicht allzu streng aufs Geld und geben bereitwillig mehr aus. Daher hat China das Premiumsegment als Einfallstor für den EU-Markt entdeckt.

Den Anfang wollte eigentlich der Hersteller Byton um den einstigen BMW-Chefentwickler Carsten Breitfeld machen. Doch das Projekt scheiterte, noch bevor ein erstes Serienfahrzeug vom Band rollte. Jetzt wagt ein zweiter Hersteller einen neuen Versuch – und könnte mehr Erfolg haben.

Nio ist ein 2014 gegründetes Startup aus China, das über jede Menge Kapital verfügt. Von Anfang an setzte Gründer William Li auf Elektrofahrzeuge und neue Technologien. Nio baut nicht nur die Fahrzeuge, sondern entwickelt mit den Tech-Giganten Tencent und Baidu auch eigene Soft- und Hardware. 2018 sammelte Nio bei seinem Börsengang in New York knapp zwei Milliarden Dollar ein. Weitere zwei Milliarden Dollar sollen demnächst bei einem zweiten Börsengang in Asien zusammenkommen.

Batterietausch in zehn Minuten

Mit so viel Geld in der Tasche wagt das Unternehmen jetzt auch den Sprung in die EU. Als Einstiegsmarkt wurde Norwegen gewählt, da es hier den am weitesten entwickelten Markt für Elektrofahrzeuge in Europa gibt. Bei einem Fahrzeug allein soll es dabei nicht bleiben: Nio will auch mit Innovationen bei der Ladetechnik punkten. So lässt sich die leere Batterie des Fahrzeugs nach Firmenangaben in unter zehn Minuten gegen eine volle tauschen. Dafür stellt Nio eigene Tauschstationen entlang neuralgisch wichtiger Verkehrsknotenpunkte auf. Lange Wartezeiten an der Ladesäule sollen so entfallen.

Während Nio auf neue Technologien aus eigenem Haus setzt, setzen andere chinesische Hersteller auf Kooperationen. Geely zum Beispiel: Das Unternehmen ist schon länger in Deutschland aktiv, da es die schwedische Marke Volvo 2010 für gerade mal 1,3 Milliarden Euro übernommen hat. Dieses Jahr bringt Geely zu dem ein elektrisches Smart-Modell auf den Markt. Daimler, das bisher hinter der Marke stand, liefert nur noch das Design, die Herstellung und den Vertrieb übernimmt Geely komplett.

Mieten statt kaufen

Auch an anderer Stelle fällt der Hersteller mit Innovationen auf. Unter der Marke Lynk & Co. bietet Geely einen Plugin-Geländewagen im Abonnement an. Für 500 Euro im Monat erhalten Kunden neben dem Fahrzeug und einer entsprechenden Versicherungen auch einen Satz Winterreifen. Da Abonnement lässt sich wie bei Netflix monatlich kündigen. Außerdem ist Carsharing in dem Angebot integriert. Kunden können ihr Fahrzeug also privat weitervermieten. Lynk stellt dafür eine App zur Verfügung.

Die Idee dahinter ist, dass private Pkw über 90 Prozent ihrer Lebenszeit nur geparkt sind. In der Zeit lassen sich die Autos auch an Personen vermieten, die kurzfristig ein Auto benötigen. Wird das Fahrzeug an zehn Tagen für 50 Euro am Tag weitervermietet, haben Kunden ihre Monatsrate wieder drin – zumindest rechnerisch. Oben drauf kommen dann nur die Spritkosten. Bisher ist der Erfolg der Marke hierzulande allerdings überschaubar. Denn in diesem Jahr haben sich nach Firmenangaben erst 500 Käufer dafür entschieden. In China verkaufte man allerdings schon mehr als 220.000 Autos.

Erfolg mit Elektrobussen

Einen dritten Weg beschreitet BYD. Der chinesische Mischkonzern stellt zwar auch Pkw her, den wirtschaftlich größten Erfolg hat das Unternehmen aber mit mit E-Bussen. Auch in Europa sieht man BYD-Busse mittlerweile regelmäßig. Diese sind deutlich günstiger als viele Konkurrenzmodelle. Für viele notorisch klamme Verkehrsbetriebe ein wichtiger Faktor. Aktuell bemüht sich BYD darum, ein Händler- und Werkstattnetz in Europa aufzubauen. Das könnte perspektivisch auch den Verkauf der hauseigenen Pkw antreiben. Bislang konzentriert sich BYD jedoch fast komplett auf Elektrobusse.

Die drei Beispiele zeigen, dass die chinesische Autoindustrie den EU-Markt im Visier hat. Die Strategien von Nio und Lynk sind dabei die spannendsten. Nio möchte seinen Kunden eine eigene Infrastruktur anbieten und kopiert damit das Erfolgsrezept von Tesla. Lynk wiederum wendet sich gleich ganz vom Thema Autobesitz ab und lockt all jene an, die ein Auto vielleicht nur selten benötigen, sich aber nicht auf das Carsharing verlassen wollen. Das könnte der deutschen Autoindustrie durchaus einheizen.

Zum einen gibt es einen Trend hin zum flexiblen Autobesitz. Zum anderen tun sich die Hersteller noch schwer damit, eine eigene Ladeinfrastruktur aufzubauen. Ob die neuen Ideen ausreichen, die traditionellen skeptischen Autokäufer in Europa zu überzeugen? Das bleibt abzuwarten.

Don Dahlmann ist seit über 25 Jahren Journalist und seit über zehn Jahren in der Automobilbranche unterwegs. Jeden Montag lest Ihr hier seine Kolumne „Drehmoment“, die einen kritischen Blick auf die Mobility-Branche wirft.

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