Beim Kredit hört die Freundschaft auf

Das Kreditgeschäft gilt als letzte Bastion der Banken. Kooperationen mit Fintechs werden hier selten gewünscht, zeigt eine Studie von PwC. Derweil verkündet das Portal Smava zum zehnten Geburtstag erstaunliche Erfolge.


Kooperationen mit innovativen Finanztechnologie-Start-ups stehen bei Banken eigentlich hoch im Kurs. Wenn es ums Kreditgeschäft geht, möchten viele traditionelle Geldhäuser aber lieber nicht mit den jungen Wilden zusammenarbeiten. Das zeigt eine Studie der Unternehmensberatung PwC, die dem Handelsblatt vorliegt.

Demnach setzt nicht einmal jedes zehnte Institut auf strategische Kooperationen mit Fintechs. Nur 14 Prozent haben solche jungen Unternehmen zumindest teilweise in ihre Digitalstrategie im Privatkundengeschäft eingebunden – im Firmenkundengeschäft sind es immerhin 33 Prozent. Tatsächlich können Fintechs den Banken aber in unterschiedlichen Bereichen nützlich sein.


Seit einigen Jahren bringen sie Schwung in die Finanzbranche. Viele charakterisieren sich dadurch, dass sie die Bedürfnisse des Kunden in den Fokus stellen und ihr Angebot danach ausrichten. In der alten Finanzbranche ging es dagegen meist darum, die vorhandenen Produkte zu verkaufen. Inzwischen findet auch in den Banken ein Umdenken statt.

Neben dem Aufbau eigener Innovationslabore und zahlloser Digitalinitiativen gilt auch die Zusammenarbeit mit Fintechs als probates Mittel, um angestaubte und komplizierte Prozesse digital und nutzerfreundlich zu machen. Besonders beliebt sind Kooperationen mit Fintechs, die als reine Dienstleister für Banken oder auch andere Fintechs daher kommen.


Hierzu zählen etwa Kontowechselservices, Schnittstellenanbieter oder Identifikationsdienste. Eine wachsende Zahl von Banken lässt sich inzwischen auch bei Angeboten zur digitalen Vermögensverwaltung von Fintechs unterstützen oder integriert Zinsportale wie Deposit Solutions oder Weltsparen in ihr Angebot. Der Ansturm auf Finanz-Start-ups im Kreditsegment blieb bisher aber aus.

Zu den wenigen bekannten Kooperationen zählt etwa jene zwischen dem Kreditmarktplatz Auxmoney und der Smartphone-Bank N26. Wie Auxmoney-Chef Raffael Johnen kürzlich im Gespräch mit dem Handelsblatt sagte, sind weitere Partnerschaften mit Privatkundenbanken in der Planung. „Mit Auxmoney können Banken auch Menschen einen Kredit anbieten, die sie bislang ablehnen müssen“, lautet sein Argument. In den vergangenen zehn Jahren hat Auxmoney nach eigenen Angaben 500 Millionen Euro an Kreditnehmer ausgezahlt.


Großer Einfluss von Fintechs


Auch Tomas Rederer, Partner bei PwC und Experte für Kreditprozesse und die Digitalisierung von Banken-Geschäftsmodellen, hält diese Art der Partnerschaft für sinnvoll. „Auf diese Weise lassen sich Lücken im eigenen Angebot schließen.“ Allerdings dürften Banken das Produkt des Fintechs nicht einfach in ihre Palette einreihen. Sie müssten es aktiv mit anderen Produkten und Services verknüpfen und gemeinsam weiterentwickeln. Das größte Potenzial von Banken-Fintech-Kooperationen im Kreditgeschäft sieht PwC-Partner Rederer jedoch im Vertrieb – ebenso wie die befragten Institute selbst.

So rechnet im Privatkundengeschäft jedes dritte Institut mit vergleichsweise hohen Auswirkungen von Fintechs auf die Vertriebskanäle. Der PwC-Berater meint dabei insbesondere unabhängige Plattformen, auf denen Kunden Kreditangebote vergleichen können. Der Klassiker im Bereich Baufinanzierung sei Interhyp. „Wenn Banken auf solchen Portalen präsent sind, erhöhen sie ihre Reichweite und das Volumen – jedoch auf Kosten der Marge und einer differenzierenden Marktpositionierung“, so Rederer.


Zu den Kreditvergleichsplattformen zählt auch Smava. Das Fintech feiert in diesem Jahr sein zehnjähriges Bestehen und gibt zu diesem Anlass einen Einblick hinter seine Kulissen: „Wir sind profitabel und wachsen pro Jahr mit mehr als 80 Prozent“, sagt Alexander Artopé, Mitgründer und Geschäftsführer, dem Handelsblatt. In diesem Jahr werde das vermittelte Kreditvolumen bei mehr als einer Milliarde Euro liegen. Insgesamt seien dann drei Milliarden Euro vermittelt worden. Außerdem hat Smava inzwischen 300 Mitarbeiter, von denen jeder Dritte ein Kundenberater sei.

Nur als Vertriebskanal für Banken möchte Artopé Smava nicht verstanden wissen. „Wir sehen uns in erster Linie als Service-Plattform für Verbraucher, auch, wenn die Banken uns für die Kreditvermittlung vergüten.“ Bei Smava können Verbraucher momentan 70 Ratenkredite von 25 Banken vergleichen und abschließen. „Bei einer Kreditsumme von 10.000 Euro können Verbraucher mit unserer Hilfe bis zu 2000 Euro sparen“, sagt Artopé. „Dafür handeln wir mit unseren Partnerbanken auch Sonderkonditionen aus, die Kunden nur über unsere Plattform erhalten.“



Gestartet war Smava als Kreditplattform, die Kredite zwischen Privatleuten vermittelt. Inzwischen ist dieser Teil des Geschäfts aber in den Hintergrund getreten. „Ganz aufgegeben haben wir das nicht, aber es macht weniger als zehn Prozent unseres Gesamtgeschäfts aus“, so Artopé.


Ehrgeizige Ziele bei Smava

Für die Zukunft hat er sich ein ehrgeiziges Ziel gesteckt: „Wenn Kunden einen Kredit haben wollen, sollen sie sofort an Smava denken – so wie man beispielsweise mit Taschentüchern sofort die Marke ‚Tempo’ in Verbindung bringt.“ Weiteres Wachstum erwartet der Fintech-Gründer durch die zunehmende Digitalisierung. „Momentan werden etwa zehn Prozent der Kredite online abgeschlossen. Ich rechne damit, dass der Anteil in den nächsten zehn Jahren auf 50 Prozent steigt.“ Nach Einschätzung von Rederer ist der eigene Online-Auftritt auch für Banken von zentraler Bedeutung.

„Um nicht zu einem reinen Produktanbieter degradiert zu werden, sollten Banken selbst eine Plattform aufbauen, auf der sie auch Leistungen anbieten, die über das reine Banking hinausgehen“, so der Berater. In Verbindung mit einem Kredit sollten das Services sein, „die das Kundenproblem ganzheitlich lösen.“


In Zusammenhang mit Baufinanzierung könne das etwa ein Ökosystem von Maklern, Energieanbietern, Umzugsunternehmen oder Notaren sein. Noch ist nach Rederers Beobachtung aber nicht in allen Geldhäusern angekommen, was Digitalisierung überhaupt bedeutet. „Sie wird noch zu oft als ein Aufhübschen alter Strukturen missverstanden“, kritisiert Rederer.

Vielmehr gehe es aber darum, komplett neue Angebote zu schaffen und mit den Kunden auf neue Art in Kontakt zu kommen. Laut der Studie von PwC, für die 43 deutsche Universalbanken, Sparkassen, Volksbanken und Spezialbanken befragt wurden, tun sich insbesondere kleine Institute mit Fintech-Kooperationen schwer.


„Für kleinere Sparkassen oder Volksbanken ist es grundsätzlich effizienter, sich einer Lösung ihrer Verbände anzuschließen als sich individuell um Kooperationen zu bemühen“, erklärt Rederer. Allerdings brauchen die Lösungen wegen des großen Abstimmungsbedarfs dann oft mehr Zeit.

Umgekehrt sei auch für Fintechs die Zusammenarbeit mit einer großen Bank lohnender, weil dadurch auf einen Schlag mehr potenzielle Kunden erreicht würden und die Marke der Bank oft „positiv abstrahlt“, so Rederer. Doch von dieser grundsätzlichen Regel gibt es in der Praxis etliche Ausnahmen.

So haben auch kleine Institute bereits Fintech-Partnerschaften geknüpft – allerdings kaum im Kreditsegment. „Kredite sind die letzte große Bastion der Banken. Zum Teil liegt das an regulatorischen Hürden. Ich gehe aber davon aus, dass Fintechs auch in diesem Segment an Bedeutung gewinnen – wie schon im Wertpapiergeschäft oder im Zahlungsverkehr.“

KONTEXT

So sparen die Deutschen

Geldvermögen

Das Geldvermögen der deutschen Bürger beträgt insgesamt 5,6 Billionen Euro. Auf verschiedene Anlageklassen ist es wie folgt verteilt:

Stand Dezember 2016

Quelle: Bundesverband deutscher Banken, Bundesbank

Versicherungen und Pensionskassen

2,15 Billionen Euro

Spar-, Sicht- und Termineinlagen

2 Billionen Euro

Investmentfonds

518 Milliarden Euro

Aktien

373 Millionen Euro

Bargeld

166 Milliarden Euro

Schuldverschreibungen

127 Milliarden Euro

Sonstige Sparanlagen

218 Milliarden Euro

KONTEXT

Europas Banken und ihre faulen Kredite

Faule Kredite

Rund 1000 Milliarden Euro - die Summe der faulen Kredite in den Büchern der europäischen Banken ist schwindelerregend. Das Problem ist eine Altlast der großen Wirtschafts- und Finanzkrise, aber auch riskanter Bankstrategien, die staatliche Aufseher nicht ausreichend unter Kontrolle brachten. Nun wollen die EU-Länder mit einem "Aktionsplan" gegensteuern

Was sind eigentlich faule Kredite und woher kommen sie?

Offiziell spricht man von notleidenden Krediten, auch "non-performing loan" (NPL). Gemeint ist, dass der Kreditnehmer mit Zins oder Tilgung in Rückstand gerät und das Darlehen, beispielsweise durch wirtschaftliche Not, möglicherweise nicht zurückzahlen kann.

Wo sitzen die faulen Kredite?

Faule Kredite kommen besonders in südeuropäischen Krisenländer vor: Griechenland meldete Ende Dezember 2016 einen Anteil von gefährdeten Krediten - gemessen am Gesamtbestand von Darlehen - von 46 Prozent, Zypern 45, Portugal 19,5, Italien 15,3 Prozent. In Deutschland waren es 2,5 Prozent. Der EU-Durchschnitt lag bei 5,1 Prozent, immerhin deutlich unter den 6,5 Prozent vom Dezember 2014. Aber die Summe der faulen Kredite von rund einer Billion Euro entspricht rund 6,7 Prozent der Wirtschaftsleistung der Europäischen Union.

Warum ist das ein Problem?

Die faulen Kredite sind nicht nur Folge einer wirtschaftlichen Krise - Ökonomen sehen sie auch selbst als Hemmnis für Wachstum. Die Bank muss Kapital als Vorsorge vorhalten, die Darlehenskosten steigen oder Kredite werden zurückhaltender vergeben. Das wirke wie eine Konjunkturbremse in der ganzen Eurozone. Außerdem wächst das Risiko, dass Banken unter der Last ins Wanken geraten und gestützt werden müssen. Jüngstes Beispiel ist die italienische Traditionsbank Monte dei Paschi di Siena, die Italien mit einer Kapitalspritze aus Steuergeldern weitgehend verstaatlichte.

Was wollen die EU-Länder nun tun?

Den EU-Wirtschafts- und Finanzministern geht es mit ihrem "Aktionsplan" um einheitlicheres Vorgehen. So sollen die Bankenaufsicht bei der Europäischen Zentralbank und die Europäische Bankbehörde EBA Vorgaben für den Umgang mit NPLs aufsetzen. Die EU-Kommission soll bis zum Jahresende eine "Blaupause" zur Gründung nationaler Bad Banks entwerfen. Das sind Institutionen, die faule Kredite übernehmen, managen und Geschäfte damit machen. Die EU-Länder wollen, dass sich "Sekundärmärkte" für die notleidenden Kredite entwickeln.

Worüber gab es Streit?

Eine EU-weite Bad Bank, wie sie EBA-Chef Andrea Enria im Januar ins Gespräch brachte, stieß auf heftigen Widerspruch. Schäuble sagte dazu: Die Gründung einer europäischen Bad Bank würde missverstanden "als Versuch, die Lasten der Bankensanierung zu vergemeinschaften".