Bei Maybrit Illner macht Cem Özdemir schon mal den Vizekanzler

Bald Vizechef einer Jamaika-Koalition? Für Cem Özdemir wäre das Regieren neu. (Bild: ZDF/Jule Roehr)

Wie es aussieht, steuert Deutschland erstmals auf eine Vierer-Koalition aus CDU, CSU, FDP und Grünen zu. Vertreter aller vier Parteien waren am Donnerstag bei Maybrit Illner zu Gast. Cem Özdemir gab sich staatstragend – und ein anderer Diskutant las der SPD die Leviten.

Nimmt man die Sendung vom Donnerstag als Gradmesser, ob ein Vierer-Bündnis in Zukunft dieses Land führen kann, dann lautet die Antwort überraschenderweise: Ja! Denn bei Maybrit Illner taten die Vertreter der Unionsparteien, von Grünen und FDP alles dafür, sich gegenseitig nicht in die Wolle zu kriegen. Stattdessen machte man sich über AfD und die Sozialdemokraten her.

Dementsprechend ironisch der Titel der Sendung: „Wenn vier sich streiten – mit Jamaika in die Zukunft?“ Gestritten wurde praktisch kaum, dafür aber verbal eingeprügelt auf die SPD. Geladen waren Gesine Schwan (SPD), Armin Laschet (CDU), Wolfgang Kubicki (FDP), Joachim Herrmann (CSU) und Cem Özdemir (Bündnis90/Grüne).

Gleich zu Beginn äußerte sich Gesine Schwan, Vorsitzende der SPD-Grundwertekommission. Sie gestand fatale Fehler ihrer Partei in den vergangenen Wochen und Monaten ein.

„Das ist eine kontinuierliche Abwärtsbewegung der Sozialdemokratie“, sagte sie über den stetigen Verlust an Wählerzuspruch. Das habe strukturelle als auch inhaltliche Gründe. Am schlechten Wahlergebnis sei nicht Kanzlerkandidat Martin Schulz alleine Schuld. Schwan fügte dennoch bissig hinzu: „Ein Corby wäre vielleicht überzeugender gewesen.“ Zur Erinnerung: Der im Gegensatz zum gemäßigten Schulz ultra-linke Jeremy Corbyn holte bei den britischen Parlamentswahlen im Juni 40 Prozent – ein für viele Beobachter überraschend gutes Ergebnis.

Die Illner-Runde war ein Lackmustest für eine zukünftige Jamaika-Koalition. (Bild: ZDF/Jule Roehr)

Eine Gangart härter dann FDP-Mann Wolfgang Kubicki: „Die SPD hat einen Strukturfehler. Sie kann nicht erklären, dass Deutschland ungerechter geworden ist, obwohl sie 15 Jahre mitregiert hat, in NRW 50 Jahre.“ Die SPD habe in drei aufeinanderfolgenden Bundestagswahlen den gleichen strategischen Fehler gemacht und lerne daraus nichts, so Kubicki. „Wenn die SPD sich erneuern will, muss sie die Köpfe komplett austauschen.“

Als Cem Özdemir von den Grünen schließlich an der Reihe war, gab er sich auffällig staatstragend: „Mir gefällt diese Häme gegen die SPD gerade nicht“, sagte der 51-Jährige, der in einer Jamaika-Koalition schon bald Vizekanzler der Bundesrepublik sein könnte. Özdemir präsentierte sich an dem Abend auch weiterhin als Mediator. Der Dauerstreit in der Politik führe zu nichts. Und im Hinblick auf den Einzug der Rechtspopulisten in den Bundestag: „Demokratische Parteien müssen angesichts des Erstarkens der AfD miteinander gesprächsfähig sein.“

Kratzbürstig wird es dann erst wieder, als Gesine Schwand der CSU unterstellt, am rechten Wählerrand nach Stimmen zu fischen. Für Bayerns Innenminister Joachim Herrmann ist das „grober Unfug“. „Wo bin ich in irgendeiner Weise auf einer Linie mit der AfD? Wenn ich dafür eintrete, dass Rechtsbrecher hinter Gitter gehören, dann hat das doch überhaupt nichts mit rechtem Gedankengut zu tun!“

Auch in dieser Situation markiert Cem Özdemir wieder den Streitschlichter. „Vielleicht können wir ja eine Verständigung erzielen zwischen den beiden?“

Armin Laschet, CDU-Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, bemühte sich über die komplette Sendungslänge indes, das schlechte Wahlergebnis seiner Partei schönzureden: Der Wähler habe gesprochen, mit diesem Ergebnis müsse man jetzt arbeiten. Auf die Frage der Moderatorin, ob Laschet die Meinung wie 60 Prozent der deutschen Bürger teile, dass Angela Merkel mit ihrer Politik zum Aufstieg der AfD beigetragen habe, antwortete dieser nur lapidar: „Ich seh das nicht so.“

Fazit: In der Sendung wurde klar, welchen Kurs die Parteien und ihre Vertreter derzeit anstreben. Die SPD sucht nach Gründen für das Wahldebakel und muss sich neu sortieren. Grüne, FDP und Union stimmen eine Zusammenarbeit an: Die Kritik richtet sich nunmehr auf die SPD und AfD.