„Bei der Flüchtlingskrise vermischte sich Aktivismus mit Journalismus“ – Journalistin Mekhennet bei „Markus Lanz“

Lanz im Talk mit Johann Lafer, Souad Mekhennet, Felix von der Laden und Sigmund Gottlieb (v.l.n.r.) (Bild: Screenshot/ZDF)

Flüchtlingskrise, Terrorismus, Rente, AfD und das Leben eines Starkochs: Dieser bunte Themenmix stand am Mittwoch bei „Markus Lanz“ auf dem Programm.

Als ersten Gast begrüßte Lanz die Journalistin („Washington Post“) und Buchautorin Souad Mekhennet. Mekhennet sorgte kürzlich mit einer Publikation für Aufsehen, in der sie das Innenleben des „Islamischen Staat“ beleuchtete – der Fokus des Gesprächs lag jedoch zuerst auf dem Thema Flüchtlingskrise und Asylmissbrauch.

Die Journalistin, die verschiedene Akzente des Arabischen spricht, reiste 2015 während der Flüchtlingskrise nach Österreich und unterhielt sich mit Geflüchteten. Bereits damals stellte sie fest, dass viel Asylmissbrauch betrieben werde: „So kam es, dass ich anfing, nordafrikanische Akzente rauszuhören oder bei Leuten, die aus dem Irak kamen, dass sie Mitglieder von Milizen waren“, erzählte Mekhennet. „Oder wir hatten auch Fälle, dass wir Leute hatten, die aus Gebieten kamen, in denen der IS herrschte und die den IS ganz toll fanden.“

Ein anderer Gesprächspartner habe Mekhennet erklärt, dass er mehrere Morde begangen habe und eingereist sei, nach dem er gehörte hatte, dass die Grenzen geöffnet werden. Mekhennet habe auch Syrer getroffen, die sich beschwert hätten, was diese Leute hier zu suchen hätten: „Wir haben Familien getroffen, die darunter gelitten haben, weil sie mitbekommen haben, dass viele junge Männer unterwegs sind, die sich als Syrer zu erkennen gegeben haben und keine Syrer waren. Man hatte natürlich Angst, dass das langfristig zu einer schlechten Stimmung führen könnte in Deutschland und Österreich, jenen Ländern, die die Tür geöffnet haben.“ Mekhennet erklärte, dass es wichtig sei, dieses Problem zu benennen. Schließlich gäbe es Menschen, die um ihr Leben bangen müssen – und diese leiden unter jenen anderen, die das Asyl missbrauchen.

Buchautorin Souad Mekhennet äißerte ebenfalls ihre Meinung zum Thema Flüchtlingskrise. (Bild: WENN.com)

Während der Flüchtlingskrise bemerkte sie eine mangelhafte journalistische Objektivität. „Es vermischte sich Aktivismus mit Journalismus. Ich bin fest angestellte Journalistin bei der Washington Post, beim National Security Desk, und es gibt eine klare Ansage, dass wir uns auch nicht mit einer guten Sache gemein machen dürfen. Wir dürfen zum Beispiel nicht als Aktivist für Flüchtlingshilfen oder andere Dinge einstehen.“

Diese Grenzen, so der Eindruck der Journalistin, sei damals in Deutschland etwas verschwommen gewesen. „Das Problem damit ist eben – und deshalb haben wir diesen Artikel geschrieben – dass es Menschen und Gruppen gibt […], die gegen alle jene Stimmung machen, die diese Hilfe auch wirklich brauchen.“ Es gelte, nichts zu verheimlichen. „Es kamen Tausende von Menschen in diesen Zügen an. Es gab ein Chaos an den Grenzen. Es gab viele europäische Staaten, die Deutschland und Österreich teilweise im Stich gelassen haben mit dem, was da passierte an den Außengrenzen Europas.“

Gutmensch oder Nazi?

Kritisch hinterfragte Lanz: „Man muss doch trotzdem mal selbstkritisch anmerken: Das, was Sie gemacht haben, entschuldigen Sie, das hätte doch jeder machen können. Hingehen und schlicht und ergreifend mal gucken, wer sind die Leute, die dort ankommen. Es gibt doch auch genügend Menschen, die Arabisch sprechen und man könnte doch mit deren Hilfe mal herausfinden, welche Leute im Zweifel kommen“, so Lanz. Das Dilemma, so der Moderator in Bezug auf ein Gespräch mit Stephan Grünewald, sei derzeit, dass einen die Politik mit zwei Extremen alleine lassen würde: „Bist du Gutmensch oder bist du Nazi?“

Im Anschluss erzählte Mekhennet von ihrem neuen Buch „Nur wenn du allein kommst“, in dem sie hinter die Kulissen des Dschihads blickte und mit Mitgliedern diverser Terrororganisationen – unter anderem des IS und der Al Kaida – sprach. Dabei begab sie sich in Lebensgefahr und sprach sogar mit einem hochrangigen IS-Mitglied – dem Chef von „Jihadi John“, der unter anderem für den Mord am US-amerikanischen Journalisten James Foley verantwortlich war. Dies war Mekhennet damals noch nicht bewusst – ansonsten wäre ihr auch von der „Washington Post“ keine Erlaubnis für dieses Gespräch erteilt worden.

Johann Lafer ist an einer Renten-WG interessiert. (Bild: WENN.com)

Mit dem 23-jährigen deutschen Youtube-Star Felix von der Laden sprach Lanz über dessen ZDF-Dokumentation „#Felix fragt“. Laden reist für seine Mini-Doku quer durch Deutschland und spricht über aktuelle Themen mit Menschen aus der Bevölkerung, die diese Themen besonders betreffen. So besuchte er unter anderem eine Rentner-WG und sprach mit ihnen über ihre Situation und künftige Rentenmodelle. Für Starkoch Johann Lafer käme das Modell einer Renten-WG durchaus infrage, sollte er die richtigen Leute finden. „Ich glaube, dich würde keiner aufnehmen, weil sich keiner trauen würde, zu kochen“, scherzte der Moderator.

Laden war auch in Pforzheim unterwegs, einer AfD-Hochburg. In einer Videoeinspielung sprach der Youtuber mit AfD-Wählern: „Wirkliche Flüchtlinge, denen soll geholfen werden. Aber Wirtschaftsflüchtlinge, das geht so nicht, da muss man sagen: Da braucht man halt ein Einwanderungsgesetz, das fehlt noch“, erzählte eine Frau. Auf die Wichtigkeit eines Einwanderungsgesetzes berief sich auch ein zweiter Befragter. Ladens Fazit: „Ich habe das Gefühl, die AfD versteckt sich hinter vielen konservativen Positionen und hat dazwischen ihre ganz radikalen Ansichten.“ Zudem stelle sich die Partei im Gespräch stets auf ihr Gegenüber ein und gäbe sich im ZDF beispielsweise weniger radikal.

„Es kann doch nicht sein, dass eine so relativ bedeutende Zahl […] von Menschen einer Partei die Stimme gibt, die diese braunen Inseln, die sie hat und die größer werden – sie werden eindeutig größer –, nicht austrocknet, sondern weiter bewässert“, entgegnete Sigmund Gottlieb, Journalist und langjähriger Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks. „Rechts von der Union darf es keine politische Partei geben“, zitierte Lanz den ehemaligen CSU-Chef Franz-Josef Strauß – und legte nach, „Wie konnte das passieren?“ Gottliebs Antwort: „Wie konnte das passieren? Indem eben die etablierten Parteien […] aber natürlich auch die Oppositionen, Teile dieses Themas nicht angemessen behandelt haben. […] Wir fordern unendlich viel. Ein solcher Prozess mit fast einer Million ankommender Menschen[…], das erfordert natürlich eine Kraftanstrengung vom Staat, von Behörden, von Institutionen sondergleichen. Das geht nicht über Nacht.”

Selbstkritik: Medien verursachen Zeitdruck

Der ehemalige BR-Chefredakteur weiter: „Wir als Medienmenschen bauen einen unglaublichen Zeitdruck, was Lösungszwänge von Problemen angeht, auf. Wir beschleunigen. Wir sagen: ‚Wenn morgen dieses Thema nicht gelöst ist, dann werden wir ganz kritisch darüber berichten.’ Das schlägt sich natürlich nieder in der Stimmung des Publikums. Auch Sie, meine Damen und Herren, werden jeden Tag ungeduldiger. Weil Sie sagen: ‚Wieso ist das noch nicht gelöst? Warum dauert das so lange? Warum ist das mit der Abschiebung so schwierig?’ […] Ich plädiere dafür, geduldiger zu arbeiten, auch wir als Medienleute.“

Zum Abschluss sprach Lanz noch mit Starkoch Johann Lafer, der demnächst seinen 60. Geburtstag feiert. Der gebürtige Steirer sprach über Verluste – unter anderem dem Tod seiner Schwester und seines Schwiegervaters. Seinen Geburtstag wolle er im kleinen Kreis verbringen. „Einer meiner Erfolge ist, anderen Menschen etwas Gutes zu tun, die damit glücklich zu machen. Das ist ja auch meine Tugend, was mich immer motiviert hat, Leistung zu bringen.“ Mit dem Alter, so Lafer, werde man etwas gelassener, souveräner – schließlich habe man einiges mitgemacht und über sich ergehen lassen müssen. „Man lernt, bestimmte Dinge einzuordnen. Heute kann ich mit Dingen viel, viel besser umgehen als früher.“ Früher habe er sich über Kritik an seinem Essen vierzehn Tage lang Gedanken gemacht – heute habe er einen entspannten Umgang für sich gefunden, mit Fehlern umzugehen.

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