Bei der AfD versammeln sich die größten Mathematiker

Jan Rübel
Freier Journalist
Nach den Ausschreitungen wurde die Polizeipräsenz auf dem Stadtfest in Schorndorf erhöht (Bild: dpa)

Rechnen ist komplizierter als gedacht, besonders für Politiker. Denn Zahlen wiegen schwerer als Luft. Nur die AfD hat die rechte Optik – wenn es um Flüchtlinge geht.

Eine Satire von Jan Rübel

Zahlen unterliegen den Gesetzen der Schwerkraft. Irgendwann sinken sie zu Boden und sind für jeden sichtbar, das mögen Politiker nicht, denn sie müssen viel reden – Zahlen erscheinen da zuweilen als zu umfahrendes Gestrüpp. Kriegt man einfach nicht weg, dieses Grünzeug.

Bei der AfD allerdings, da versammeln sich die Meister der Rechenkunst, man ist kurz davor sich in „Algebraiker für Deutschland“ umzubenennen. Denn in der Partei pflegt man den rechten Knick in der Optik.

Jüngstes Beispiel ist der Umgang der AfD mit einem Stadtfest, da wurde randaliert. In Schorndorf, im beschaulichen Rems-Murr-Kreis, also dem Remstal in Baden-Württemberg, welches als schönstes Tal Deutschlands gemeinhin Bekanntheit feiert, eskalierte es am Wochenende. Junge Leute hatten ordentlich gefeiert und gebechert. 1000 versammelten sich nächtens und wollten einfach nicht aufhören, es gab den Schuljahrabschluss, die Aussicht auf eine schlechte Trollingerernte und heiß war es auch gewesen in den letzten Tagen.

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Man kennt es, ein Anlass ist rasch gefunden, und als die Polizei einen besonders Tollwütigen abführte, griff die Meute, und nichts anderes ist solch eine Ansammlung junger Männer, die Beamten an. Schritt Nummer Zwei: Massenschlägerei, Schritt Nummer Drei: Vandalismus. Die Polizei erklärte rasch die Zahlen: Rund 1000 Teilnehmer gab es. Darunter ein Anteil von Leuten mit „Migrationshintergrund“, also Deutschtürken und jüngst nach Deutschland Geflüchtete, die zusammen gerechnet weniger als 50 Prozent der Meute ausmachten. Auch zwei Fälle von sexueller Belästigung gab es, vier Afghanen und ein Iraker gelten als Tatverdächtige. Deutschtürken im Ländle, das sind Schrebergartenbesitzer und Kehrwochenfanatiker, geborene Schwaben oft in zweiter Generation. Der „Hintergrund“ der Migration ihrer Eltern oder Elterneltern erscheint mir stärker im Vordergrund zu stehen als die Realität es als angemessen bezeichnete – aber in Zeiten wie diesen, wo man schnellstens jeden Verdacht der politischen Überkorrektheit von sich abzuwaschen hat und bloß keinen Argwohn aufkeimen lassen sollte, man sehe über strafbares Verhalten von Nichtbleichgesichtern aus Gutmenschenmanier hinweg, in diesen Zeiten sind wir alle Hobby-Ethnologen.

Zum Glück führen die Algebraiker von der AfD die Zahlen für uns zusammen. Beatrix von Storch, gefürchtete Kurzsatzlegerin mit Hang zum pointierten Satzpunkt, schrieb: „1000 Migranten. Auf Straßenfest. In Schorndorf. Mit erheblichem Aggressionspotenzial. Läuft.“ Ihr assistierte der AfD-Politiker Maximilian Krah: „1000 Migranten randalieren, ziehen in Gruppen von 30-50 durch Kleinstadt, belästigen Frauen – CDU-Politik.“

Dazu in aller Kürze: 500 minus X = Anteil der „Migranten“ = weniger als 1000. Egal, läuft, dachte sich von Storch, lassen wir Fünfe mal gerade sein. Und schickte eine wissende Frage hinterher: „Wann es Zeit ist AfD zu wählen? Wenn selbst aus dem Dorffest eine islamische Grabschparty wird.“

Wörter, mit Händen zu greifen

In diesem Satz steckt Musik für eine ganze Symphonie. Schorndorf trägt zwar den Titel eines kleineren Fleckens im Namen, aber als Dorf lässt sich der 39.172-Einwohner-Ort mit ein bisschen Abrundung sicherlich bezeichnen, und daher als Ausrichter eines „Dorffests“. Klar, wer kein Bleichgesicht ist, muss Muslim sein, das „islamische“ muss einfach in jeden zweiten AfD-Kadersatz, schließlich steht dessen postulierte Gefahr im Wahlprogramm. Da sollen sich die paar Westafrikaner und christlichen Araber von der Schorndorfer Randale nicht anstellen, und erst recht nicht jene, denen Religion abhanden gekommen ist, die AfD findet sie gern für sie wieder; ein Blick in die Mottenkiste genügt. Und für die nötige Deftigkeit wird gegrabscht. Merke: „Dorf“, „islamisch“ und „Grabschen“ sind drei Ingredienzen, die einfach wirken, im Wortsinn. Ein genialer Schachzug von den Algebraikern für Deutschland.

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Der Lügenpresse wollte ich natürlich nicht vertrauen, daher studierte ich den örtlichen Polizeibericht und musste feststellen, dass es im Remstal zur Sache geht. Bis ich die Meldung zur Schorndorfer Festkeilerei lesen konnte, musste ich Neuigkeiten zu einer Prügelei unter Eltern, einer gesprengten Hundetoilette, aufgesprühten Hakenkreuzen, Diebstahl, Brandstiftung, zerkratzten Autos und Vandalismus vernehmen. Handfest, diese Schwaben, die lassen sich nicht lumpen. Verstehe gar nicht, warum der Volksmund das Remstal das „Tal der Pietkong“ nennt, so fromm geht es da wohl nicht immer zu. Ach ja, bleiben noch die zwei Fälle der sexuellen Belästigung, welche multipliziert zur Grabschparty wuchsen. Eine weitere Meldung der Polizei betrifft einen Vorfall im 20 Kilometer von Schorndorf entfernten Alfdorf, da wurde eine Frau auf einem Fest gleich zwei Mal hintereinander von Männern sexuell belästigt. „Bei den beiden Männern hatte es sich, dem Aussehen und der Sprache nach, um Deutsche gehandelt.“ Das lässt sich sicher heraus subtrahieren.

Die AfD kennt in Sachen Mathematik nur einen Lehrmeister, das ist die CSU. Gefühlte Lichtjahre hat sie eine „Obergrenze“ für nach Deutschland Fliehende gefordert. Von diesem Baum kletterten die Christsozialen nun hinab, niemand redet mehr von einer Koalitionsbedingung. Aus einem Dogma zimmerte man flugs eine Floskel. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer: „Jetzt wollen wir erstmal die Wahl gewinnen.“ Alles andere stehe nach dem Wahltag an. Solch eine Geschmeidigkeit schafft nicht einmal die AfD.

Mehr über die Übergriffe in Schorndorf im Video: