Behörden dementieren einen angeblich impfkritischen Abschiedsbrief eines Klinikchefs in Chemnitz

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Zehntausende User haben seit Mitte Oktober eine Behauptung auf Facebook und Telegram verbreitet, wonach ein Chemnitzer Klinikchef vor seinem Tod einen impfkritischen Abschiedsbrief hinterlassen habe, der der Polizei bekannt sei. Darin habe dieser erklärt, dass es sich bei Impfungen um einen "Biokampfstoff" handele und er den "Betrug an Patienten und Geimpften" nicht weiter mittragen könne. Weder der Polizei noch der Stadt Chemnitz ist so ein Abschiedsbrief bekannt. Auch AFP fand keine Hinweise auf dessen tatsächliche Existenz.

Dutzende Facebook-User haben seit dem 10. November die Behauptung mit einem Textbild geteilt (hier, hier, hier). Auf Telegram erreichte die Behauptung rund 150.000 Nutzerinnen und Nutzer (hier, hier).

Die unbelegte Behauptung: Die User teilen eine Bild-Schlagzeile zum Tod eines Chemnitzer Chefarztes sowie den Screenshot eines längeren Facebook-Texts. Darin heißt es unter anderem, dass "aus Polizei-Kreisen" einen Abschiedsbrief bekannt sei, "worin er bestätigt, das ständige Belügen und Betrügen an den Patienten und Geimpften, dass Impfungen ungefährlich seien, das Impfen mit experimentellen tödlichen Covid-19-Impfstoffe an die Bevölkerung verurteilt, es sich in Wahrheit um einen Biokampfstoff handelt". Der Bürgermeister der Stadt Chemnitz habe das Schreiben aber unterschlagen.

Facebook-Screenshot der unbelegten Behauptung: 15.11.2021

Am 2. November wurde der Geschäftsführer des Chemnitzer Klinikums tot am Krankenhaus aufgefunden. Laut Medienberichten stürzte er vom Dach der Klinik und starb noch vor Ort (hier, hier, hier). Die "Freie Presse" berichtete am 10. November, dass ein Fremdverschulden von der Polizei bereits frühzeitig ausgeschlossen worden sei. Auch auf einen Unfall gebe es keine Hinweise.

Kennt die Polizei den angeblichen Abschiedsbrief?

AFP hat bei der Polizei und dem Rathaus in Chemnitz am 15. November 2021 nach dem Schreiben gefragt. In einer E-Mail antwortete Polizeisprecher Philipp Rauthe:

"Uns ist im Zusammenhang mit dem suizidalen Geschehen kein Abschiedsbrief bekannt."

Auch Stadtsprecherin Antje Becher sagte gegenüber AFP, dass dem Rathaus kein solcher Brief bekannt sei. AFP hat auch in der betroffenen Klinik nachgefragt. Ein Klinik-Sprecher wollte sich nicht zu den Gerüchten äußern. In den Mitteilungen der Stadt Chemnitz, die auch auf der Internetseite der Klinik verlinkt sind, ist nirgends ein Hinweis auf einen Abschiedsbrief oder eine Kritik am Impfgeschehen zu finden (hier, hier, hier).

In einer älteren Mitteilung vom 31. August 2021 sprach sich der jetzt verstorbene Klinik-Chef für die Impfungen aus. "Impfen reduziert die Gefahr einer Infektion und einer schweren Erkrankung an SARS-CoV-2 ganz erheblich. Deshalb bieten wir diese niedrigschwellige Möglichkeit zur Impfung gern an", heißt es dort.

AFP hat intensiv nach dem Ursprung der Behauptung über den angeblichen Brief recherchiert und auch den im Account genannten Urheber Ralph Müller angeschrieben. Weder gab es bis zur Veröffentlichung eine Antwort, noch fand AFP andere Anhaltspunkte für die Echtheit des Abschiedsbriefs.

Fazit: Weder der Polizei, aus deren Reihen der Hinweis auf den Brief stammen soll, noch der Stadtverwaltung Chemnitz ist ein Abschiedsbrief des verstorbenen Chemnitzer Klinik-Chefs bekannt. Der Arbeitgeber, an den der Brief gerichtet sein soll, äußerte sich nicht. Es gibt nirgends Hinweise darauf, dass ein solcher Abschiedsbrief tatsächlich existiert.

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