Bedingungsloses Grundeinkommen: Ein Weg ins Glück oder in die Katastrophe?

(Bild: ddp images)

Die frischgebackene Jamaica-Koalition in Schleswig-Holstein hat ein weitreichendes gesellschaftliches Experiment im Programm: Die Norddeutschen sollen als erstes deutsches Bundesland ein bedingungsloses Grundeinkommen testen. Der Versuch wird sicher nicht von heute auf morgen stattfinden, zumal in der neuen Landesregierung noch über die Umsetzung diskutiert wird. Wir fragen uns dennoch schon mal: Was würde passieren, wenn diese Art der sozialen Absicherung tatsächlich in Deutschland ankäme? Yahoo! Deutschland hat mit Experten über dieses Szenario gesprochen.

Nein, erfunden haben die Schweizer sie diesmal nicht, die Idee vom bedingungslosen Grundeinkommen. Und doch war die Alpenrepublik mit einer – wenn auch gescheiterten – Volksabstimmung im Juni 2016 Vorreiter in der weltweiten Diskussion darüber, ob ein solches Konstrukt die Gesellschaft insgesamt vorwärts bringen oder nur den Müßiggang derjenigen befeuern würde, die noch nie viel vom Leistungsprinzip gehalten haben. 80 Prozent stimmten am Ende dagegen. Und dennoch ist es ein interessantes Gedankenspiel auch für Deutschland: Wie würde sich die Gesellschaft verändern und was wären die Folgen für den Einzelnen?

Anerkennung und Lob würden an Bedeutung gewinnen

„Die Unternehmen müssten sich auf jeden Fall massiv anstrengen und viel mehr für die Zufriedenheit ihrer Angestellten tun“, sagt der Ökonom und Glücksforscher Prof. Dr. Karlheinz Ruckriegel von der Technischen Hochschule in Nürnberg im Interview mit Yahoo! Deutschland. Ein bedingungsloses Grundeinkommen nach dem Schweizer Vorbild, das bei uns etwa 1100 Euro pro Person im Monat entsprechen würde, würde den Menschen gerade mit geringem bis mittlerem Einkommen eine viel größere Wahlfreiheit einräumen. „Die Menschen fingen an, zu überlegen: Was ist mir das, was ich mache, wert?“, so Prof. Ruckriegel. Arbeiten, die die Leute nicht gerne machen, müssten dann zumindest attraktiver bezahlt werden. Und Anerkennung, Lob und konstruktives Feedback seitens der Unternehmensführung würden ganz klar an Bedeutung gewinnen. „Eine klassische Win-win-Situation“, so der Wissenschaftler. Denn: Wer Wertschätzung erfährt, motiviert ist und seine Arbeit als sinngebend empfindet, der ist auch um ein Vielfaches produktiver.

Kinder betreuen statt für wenig Geld schuften?

Die Befürchtung, dass viele Leute die Arbeit im Falle eines bedingungslosen Grundeinkommens ganz hinschmeißen würden, hält er für unbegründet. Denn der persönliche Zufriedenheitsgrad des Einzelnen hängt neben gelingenden sozialen Beziehungen und Gesundheit zu einem wesentlichen Teil von einer befriedigenden Tätigkeit ab. „Das Gros der Menschen käme nie auf die Idee, nur zuhause zu bleiben und fernzusehen. Wer glücklich sein will, der muss die Zeit, die er zur Verfügung hat, sinnvoll füllen.“ Und wenn das dann darin besteht, sich statt einer schlecht bezahlten Tätigkeit lieber sozial zu engagieren, die Fußballmannschaft der Kinder zu betreuen oder einen hilfsbedürftigen Verwandten, so hat auch das einen positiven Effekt auf die Gesellschaft.

Der Grundgedanke des bedingungslosen Grundeinkommens findet sich bereits im 16. Jahrhundert im Roman „Utopia“ von Thomas Morus und im 19. Jahrhundert bei John Stuart Mill, der in der Grundversorgung eine Voraussetzung für die Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten sah. „Wenn man davon ausgeht, dass dem Menschen durch soziale Ungleichheit die Möglichkeit zu einem selbstbestimmten Leben genommen wird, dann ist ein bedingungsloses Grundeinkommen ein denkbares Mittel, um Freiheit erst zu ermöglichen“, sagt Dr. Frauke Höntzsch, Politikwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Politische Theorie an der Universität Augsburg im Gespräch mit Yahoo! Deutschland.

Einen Grund, weshalb die Idee Befürworter über die Grenzen politischer Lager hinweg fände, sieht sie in der Versöhnung liberaler und sozialistischer Vorstellungen. „Das bedingungslose Grundeinkommen zielt darauf ab, soziale Ungleichheiten zu minimieren, beziehungsweise abzufedern, ohne dabei die Freiheit des Einzelnen zu beschränken.“ Will heißen: Es würde die gleiche Freiheit für alle bringen, ganz unabhängig vom sozialen oder ökonomischen Status. Der Wegfall des Arbeitszwangs würde gleichzeitig die Stigmatisierung von Bedürftigen beenden, die Ausgangschancen wären für alle dieselben. Zumindest in der Theorie.

Für einen Gesellschaftswandel braucht es mehr als Geld

In der Praxis gäbe es natürlich immer noch die, die für ihre Arbeit mehr bekommen als andere oder Menschen, die etwa durch eine Erbschaft finanziell besser dastünden. Und noch ein Punkt muss berücksichtigt werden, meint die Soziologin Dr. Almut Peukert von der Humboldt-Universität in Berlin: „Heute läuft die gesellschaftliche Anerkennung vor allem über die Erwerbsarbeit, die ein hohes Maß der Selbstdefinition und der Wertschätzung durch die Gesellschaft ausmacht. Ob andere Arbeiten wie zum Beispiel Familienarbeit mit dem Hintergrund eines bedingungslosen Grundeinkommens dann einen höheren gesellschaftlichen Wert hätten, nur, weil sie auch bezahlt würden, muss man zumindest bezweifeln.“

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Einen richtigen Wandel der Gesellschaft könnte es ihrer Meinung nach nur geben, wenn die Wertigkeiten jenseits der Geldfrage neu definiert würden. Und zwar auch innerhalb der Erwerbsarbeit. „Gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels sollte man auch darüber diskutieren, ob es noch angemessen ist, dass ein Bankmanager so viel mehr verdient als eine Krankenschwester oder ein Altenpfleger.“ Dass das Wegfallen von Existenzängsten einen positiven Effekt hätte, sieht auch sie. Allerdings sehr eingeschränkt. „Es könnte passieren, dass sich die Zwänge durch einen höheren Lebensstandard einfach nach oben verschieben und auf einem höheren Niveau stattfinden.“

Die Folgen sind unabsehbar

„Das Problem ist, dass es unmöglich ist, die Folgen vorauszusagen“, sagt auch Prof. Dr. Martin Kocher, Verhaltensökonom und experimenteller Wirtschaftsforscher an der LMU München, zu Yahoo! Deutschland. Die Auswirkungen auf die Löhne, die Preise auf den Märkten, Verhaltensänderungen bei den Menschen – alles Variablen, die sich nicht seriös berechnen lassen. Auch er sieht das Argument, ein gesichertes Grundeinkommen würde die Unterschiede zwischen den sozialen Schichten abschwächen, kritisch:

„Angenommen, es würde jeder 1100 Euro bekommen. Dann würde für weniger keiner mehr arbeiten, für viele Tätigkeiten müssten die Löhne erhöht werden. Dadurch würden die Preise steigen, auch für die Güter des täglichen Bedarfs. Und dann wächst auch die Schattenwirtschaft.“

Wie genau sich das bedingungslose Grundeinkommen auswirken würde, kann niemand sagen. Zu wenig aussagekräftig sind die Modellversuche, die es dazu in Kanada, den Niederlanden und Finnland bislang gab. Aber träumen von Utopia wird man ja noch dürfen.

(Text und Interviews: Ann-Catherin Karg)