Was das Katalonien-Beben für den Fußball bedeutet

Kerry Hau

Für Pep Guardiola war es auch aus der Ferne ein Muss, Flagge zu zeigen. 

"Wissen Sie, Spanien ist ein tolles Land. Die Literatur, der Sport, die Städte. Die Menschen sollen nicht denken, dass uns Spanien nicht gefällt. Sie müssen aber verstehen, dass wir ein kleines Dorf sind, das über seine Zukunft entscheiden möchte", erklärte der Trainer von Manchester City dem Radiosender RAC1, warum in seiner Heimat am Sonntag zwei Millionen Menschen für eine Unabhängigkeit Kataloniens stimmten.

Guardiola beteiligte sich per Briefwahl an dem Referendum. Eine im Nachhinein kluge Maßnahme, denn auf den Straßen Barcelonas spielten sich hässliche, fast schon bürgerkriegsähnliche Szenen ab.

Polizisten schlugen brutal auf friedliche Demonstranten ein, rissen den Helfern auf überzogene Art und Weise die Wahlurnen aus den Händen. Als Reaktion darauf riefen mehrere Gewerkschaften für Dienstag zu einem Generalstreik in Katalonien auf. Auch der FC Barcelona beteiligt sich daran.


Guardiola schimpft über Geisterspiel

Das von der spanischen Regierung in Madrid schon lange zuvor für verfassungswidrig erklärte Bestreben der Abtrünnigen aus dem Nordosten verkam zu einer Farce.

"Was wir gestern in unserem Land beobachtet haben, war inakzeptabel. Wir fordern Respekt für die Katalanen und werden wieder ihren Volksvertreter zur Seite stehen", sagte Barca-Präsident Josep Bartomeu am Montagabend. "Wir Katalanen haben das Recht, gehört zu werden. Als eines der führenden Unternehmen im Land appellieren wir an eine politische Lösung, unter Berücksichtung der Wünsche der Menschen."

Wegen des Referendums sah sich der FC Barcelona am Sonntag gezwungen, sein Heimspiel gegen UD Las Palmas (3:0) vor leeren Rängen auszutragen.

Barca-Präsident Josep Bartomeu wollte die Partie wegen der gewaltsamen Konflikte und aus Angst vor einem Platzsturm sogar komplett absagen, doch die spanische Liga drohte dem Klub mit sechs Punkten Abzug.

Das Starensemble um den fünfmaligen Weltfußballer Lionel Messi und den deutschen Nationalkeeper Marc-Andre ter Stegen pochte deshalb vehement auf den Anpfiff - zum Leidtragen und Ärger der über 90.000 Fans, die nicht nur aus der Umgebung angereist waren. 


"Ich hätte das Spiel nicht ausgetragen. Und wenn, dann mit Zuschauern und allen möglichen Konsequenzen", schimpfte Ex-Barca-Coach Guardiola.

Ihm wäre es wohl ähnlich schwer gefallen wie Gerard Pique, nach den Vorkommnissen in der Stadt gegen den Ball zu treten.

Pique bricht in Tränen aus

Der in Barcelona geborene Abwehrchef brach nach dem Geisterspiel in Tränen aus. Am Vormittag hatte er noch in einer Schule gewählt - und anders als der Großteil seiner Gleichgesinnten unter friedlichen Bedingungen.


"Ich bin und fühle mich als Katalane, heute mehr denn je. In den vielen Jahren unter Francos Diktatur konnten wir nicht wählen, und ich denke, das ist ein Recht, das wir mit jedem möglichen Gesetz verteidigen müssen. Wir sind keine bösen Leute", sagte der schluchzende Pique mit einer Mischung aus Stolz und Verbitterung.

Genauso schlimm wie die vielen verletzten Bürger dürfte für ihn die Tatsache sein, dass das Wahlergebnis von angeblich 90 Prozent für ein unabhängiges Katalonien wegen des offiziellen Verbots und den Umständen höchst fragwürdig ist.

Premier-League-Szenario utopisch

Auch wenn das letztlich gescheiterte Referendum die Unabhängigkeitskämpfer nicht von ihrer Idee abbringen wird, drohen dem spanischen Fußball keine unmittelbaren Konsequenzen.

Neben Barca wären in der Primera Division auch noch Espanyol Barcelona und der FC Girona direkt betroffen. 

Doch das Szenario einer Ausgrenzung dieser Klubs aus der spanischen Liga und einem "Umzug" in ein anderes Land - wie beispielsweise England - ist mindestens für diese Saison unrealistisch.

"Mit Barca wäre es auf jeden Fall noch schwieriger, die Premier League zu gewinnen", sagte der mit der Idee des katalanischen Sportministers Gerard Figuera konfrontierte Arsenal-Trainer Arsene Wenger:

"Aber dazu wird es mit Sicherheit nicht kommen."

Tritt Pique wirklich zurück?

Keineswegs auszuschließen ist dagegen ein vorzeitiger Rücktritt von Gerard Pique aus der spanischen Nationalmannschaft. Nach dem Spiel gegen Las Palmas bot der Innenverteidiger an, schon vor seinem geplanten Abschied nach der WM 2018 in Russland die Reißleine zu ziehen.

Pique muss aufgrund seiner politischen Gesinnung regelmäßig Pfeifkonzerte bei Länderspielen über sich ergehen lassen.

Obwohl sich Nationaltrainer Julen Lopetegui für einen Verbleib des erfahrenen Leistungsträgers einsetzt, scheint das Tischtuch zwischen dem Großteil der Spanier und dem Ur-Katalanen seit dem 1. Oktober endgültig zerschnitten.

Und auch in der Primera Division könnte es nach der Länderspielpause bei Spielen der katalanischen Teams, vor allem bei Barca, aufgrund der aufgepeitschten Atmosphäre zu hässlichen Szene auf den Rängen und möglicherweise auch auf dem Platz kommen.