Beauty weltweit: Wie Myanmars Traditionen zum Tourismus-Gag verkommen

Andere nennen sie Giraffenfrauen oder Padaung – sie selbst wünschen sich Kayan genannt zu werden.

Während hierzulande Beautytrends schneller wieder out sind als man sein Monatsgehalt für sie ausgeben kann , überdauern in anderen Ländern modische Traditionen Jahrhunderte. So zum Beispiel bei einem kleinen Bergvolk in Myanmar – bis Geschäftsleute sich die Tradition zu Nutze machten.

Einst lebten die Kayan im bergigen Südosten Myanmars. Vier Clans gehören zu ihrer Gruppe – nach heutigen Schätzungen waren es etwa 7000 Menschen. Ihr Gebiet war kaum 20 mal 20 Kilometer groß. Kayan – so bezeichnen sich die Clans selbst. Andernorts und in Reiseführern sind sie besser bekannt als „Padaung“, was eine Anspielung auf den traditionellen Schmuck der Frauen des Bergvolkes darstellt. Es bedeutet so viel wie „mit glänzendem Metall umwickelter Mensch“. Von den Kayan wird der Begriff als negativ und abschätzig empfunden, ebenso wie die noch schlimmere Bezeichnung „Giraffenfrauen“, mit denen Geschäftsleute für sie werben.

Denn die Kayan leben seit Beginn der militärischen Übergriffe auf den Lebensraum der Bergvölker Myanmars nicht mehr in ihren Heimatorten. Sie sind, ebenso wie andere Minderheiten geflohen, viele von ihnen nach Thailand. Dort leben zurzeit etwa 1000 von ihnen in Flüchtlingslagern und in touristischen Schaudörfern.

Mit fünf Jahren bekommen die Kayan häufig ihren ersten Halsschmuck. Ringe an Armen und Beinen sind nicht mehr üblich. Foto: David Iliff

Mit fünf Jahren die erste Spirale

Aber was macht die Kayan so besonders? Es ist ihr Halsschmuck, der massenweise Touris in die extra dafür eingerichteten Dörfer zieht. Ihre erste Halskette erhalten die Mädchen etwa mit fünf Jahren. Zehn Zentimeter hoch ist die Spirale und wird von geübten älteren Frauen in einem rituellen Akt angelegt. Wenn die Mädchen wachsen, werden ihnen alle zwei bis drei Jahre neue Spiralen angelegt, die mehr Windungen besitzen. Mit etwa 15 Jahren kommt auch noch eine vier-bis sechsgängige Schulterspirale hinzu. Sie ist flacher als die Halsspirale und hat einen größeren Durchmesser. Durch den Druck auf die Schultern, werden diese nach unten verformt.

Meist behalten die Frauen ihren Halsschmuck ein Leben lang. Diese Tradition wird nicht nur von alten Clanangehörigen praktiziert, sondern auch von jungen Menschen. Allerdings verzichten die heutzutage häufig auf die Schulterpirale und auch auf den früher zusätzlich angelegten Arm- und Beinschmuck.

Mit schließlich 20 bis 25 Windungen um den Hals kann das Metall bis zu zehn Kilogramm wiegen. Es erschwert nicht nur die Bewegungsfreiheit – manche Frauen müssen auch tagsüber ihren Kopf auf einem Stuhl ablegen – sondern auch die Hygiene und das Schlucken. In der Mittagshitze schieben sich die Frauen einen Lappen zwischen Metall und Hals, um den Schweiß aufzusaugen, da sonst die Haut wund gerieben wird. Häufig erschlaffen die Halsmuskulaturen der Frauen und ihre Stimmen klingen heiser.

Wie Zootiere zur Schau gestellt

Nun mag man diesen Beauty-Trend grausam und wenig zeitgemäß finden, aber dabei darf man nicht außer Acht lassen, dass es sich hier einerseits um eine fast 1000 Jahre alte Tradition handelt und andererseits, dass es auch zahlreiche Schönheitsideale in Deutschland gibt, die mehr als fragwürdig sind. Als Beispiel seien nur der Wahn nach brauner Haut genannt und nach einem nicht nur sportlichen, sondern teilweise gesundheitsgefährdend dünnen Körper. Nachgewiesenermaßen hat der Körperschmuck der Kayan übrigens keinen Einfluss auf ihre Lebenszeit.

Eine schlimme Entwicklung hat jedoch dieser Beauty-Trend des myanmarischen Bergvolks für sie selbst zur Folge gehabt: Sie wurden von Touristenführern ausgestellt wie Zootiere. In den späten 1980ern wurde  in der thailändischen Provinz Mae Hong Son das erste „Long Neck“ – Schaudorf eröffnet. Statt untätig im UN-Flüchtlingscamp auf eine mögliche Rückkehr nach Myanmar zu hoffen, zogen die Frauen lieber in dieses Dorf und verdienten so Geld für ihre Familien.

Schnell entstanden weitere Schaudörfer – mittlerweile sind es acht Stück. Mittlerweile nimmt das Vorführen der „Tradition“ skurrile Züge an: Die Bewohner werden per Handy informiert, wenn eine Touristengruppe im Anmarsch ist, damit sie sich schnell umkleiden können und ihre Waren auslegen. Die Frauen verkaufen dort nicht nur ihren Schmuck an Touristen, sondern machen auch Selfies mit ihnen oder glänzen von Postkarten. Für ein wenig extra Cash müssen sie auch ihren Rücken frei machen und ihre deformierte Schulterpartie zur Schau stellen.

Protest gegen widrige Bedingungen

Gegen diese Art der Behandlung und ihren unklaren Rechtsstatus als Flüchtling in Thailand protestierten viele Frauen. Obwohl Neuseeland ihnen Asyl anbot, wurde den Frauen die Ausreise aus Thailand verweigert. Die Regierung verwies darauf, dass alle Flüchtlinge gleich behandelt werden müssen. Manche Frauen nahmen daraufhin ihren Körperschmuck ab und wurden aus den Schaudörfern wieder zurück ins Flüchtlingscamp geschickt. Aus Angst vor einem wegbrechenden Geschäftszweig wurden später die Ausreiseverbote von der Regierung gelockert.

Auch in Afrika gibt es unter dem Volk der Ndebele die Tradition pompösen Halsschmuck zu tragen. Hier sind es jedoch einzelne Ringe und keine Spiralen.

Warum die Kayan übrigens diesen Halsschmuck tragen – darum ranken sich bis heute viele Mythen. Eine eindeutige Erklärung für den langanhaltenden Trend gibt es nicht. Fest steht jedoch: Nicht nur die Kayan in Asien tragen derartigen Schmuck. Auch die Ndebele, ein Volk in Afrika, ist berühmt für ihre vielen Ringe am Hals. Und auch sie leben teilweise in Schaudörfern.

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