Deutsche Industrie hält Klimaschutz ohne Wohlstandseinbußen für möglich

Unternehmen fordern einem Bericht zufolge bessere Klimaschutzregeln

Die Einhaltung der deutschen Klimaschutzziele für 2050 ist auch ohne Wohlstandseinbußen möglich. Das ist die Kernerkenntnis einer Studie, die der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) am Donnerstag in Berlin vorstellte. Um 80 Prozent weniger Treibhausgase bis zum Jahr 2050 gegenüber dem Jahr 1990 auszustoßen, müsste die Volkswirtschaft demnach rund 1,5 Billionen Euro investieren.

Die Studie "Klimapfade für Deutschland" wurde federführend von den Beratungsgesellschaften Boston Consulting Group und Prognos im Auftrag des BDI erstellt. Darin werden verschiedene Szenarien durchgerechnet, wie es mit dem Klimaschutz in Deutschland weitergehen kann und welche volkswirtschaftlichen Auswirkungen das hätte.

Würde Deutschland seine bisherigen Anstrengungen fortführen, würde es demnach das Ziel einer Treibhausgasminderung von 80 bis 95 Prozent bis 2050 verfehlen. Erreichbar sei so nur eine Einsparung von 61 Prozent bei Kosten von 500 Milliarden Euro. Davon seien bis 2015 schon 28 Prozent erreicht worden. Die künftig größten Einsparungen gebe es durch die Energiewende sowie effizientere Gebäude und Fahrzeuge.

Um eine 80-prozentige Reduktion zu erreichen, müsste eine zusätzliche Billion Euro investiert werden. Dazu müssten bestehende Maßnahmen laut Studie beschleunigt werden: Deutschland müsste noch stärker auf Strom aus erneuerbaren Quellen setzen - bis 2050 müssten so 88 Prozent aus Erneuerbaren stammen. Die Energiesparmaßnahmen müssten deutlich verschärft werden. Dabei dürften Industrien im internationalen Wettbewerb allerdings nicht zu stark belastet werden, damit sie nicht abwandern.

Wenn es gelingt, das umzusetzen, dann könne die Volkswirtschaft den Wandel mit einer "schwarzen Null" schaffen, schreiben die Autoren. Höhere Produktionskosten wegen Umweltschutzmaßnahmen würden etwa durch Einsparungen beim Import von fossilen Energieträgern wie Öl ausgeglichen - sogar dann, wenn Deutschland mit seinen Klimaschutzbemühungen alleine dastünde.

Um sogar 95 Prozent der Treibhausgase gegenüber 1990 einzusparen, wären weitere 800 Milliarden Euro nötig. Dafür dürften die Sektoren Energie, Verkehr, Gebäude und industrielle Wärmeerzeugung quasi keine Treibhausgase mehr produzieren. Die dafür nötigen Maßnahmen wären aber "an der Grenze absehbarer technischer Machbarkeit und heutiger gesellschaftlicher Akzeptanz", heißt es in der Studie. Nur wenn die Weltgemeinschaft mitziehe, sei eine solche Einsparung realistisch.

BDI-Präsident Dieter Kempf forderte einen "Investitionsturbo". Es brauche marktorientierte und technologieoffene Anreize für weitere Investitionen, erklärte Kempf und warnte vor einer "Fehlsteuerung" durch die Politik. "Nach wie vor viel zu hohe Stromkosten, das Schneckentempo bei der energetischen Gebäudesanierung und eine fehlende gemeinsame Vision der zukünftigen Mobilität beunruhigen die deutsche Industrie."

Der Wandel sei aber nicht nur eine Herausforderung, sondern auch wirtschaftliche Chance: "Nachhaltiger Klimaschutz eröffnet vielen unserer Unternehmen langfristig Chancen auf dem wachsenden Weltmarkt für klimaschonende Produkte und Prozesse", erklärte Kempf.

Die Umweltschutzorganisationen Greenpeace und Germanwatch lobten diese Sichtweise. "Das ist das Signal an die nächste Bundesregierung, dass die Zeit des Ausspielens von Klimaschutz gegen wirtschaftlichen Erfolg zu Ende geht", erklärte der Politische Geschäftsführer von Germanwatch, Christoph Bals. Andree Böhling von Greenpeace forderte: "Statt mutlosem Stückwerk muss die nächste Bundesregierung einen klaren Plan vorlegen, wie ein modernes, sauberes Deutschland schrittweise ohne Kohle, Öl und schließlich Gas auskommt."