Was Nagelsmann "sehr, sehr glücklich macht"

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Julian Nagelsmann startet mit dem FC Bayern die Vorbereitung für die kommende Saison. Dem 33-Jährigen stehen dabei einige große Aufgaben bevor.

Julian Nagelsmann startet in seine erste Saison als Bayern-Trainer. (Bild: Getty Images)
Julian Nagelsmann startet in seine erste Saison als Bayern-Trainer. (Bild: Getty Images)

Neuer Trainer, neues Glück - so könnte das Motto des FC Bayern für die kommenden Tage lauten.

Der Grund: Julian Nagelsmann ist endlich an der Säbener Straße angekommen und wird am Mittwoch um 14.30 Uhr zum ersten Training bitten.

19 Spieler sind dann dabei, darunter Nagelsmanns bisheriger Schützling Dayot Upamecano, der seinen Vertrag bei RB noch rechtzeitig auflösen konnte und bereits am Montag - ebenso wie Neuzugang Omar Richards - in München vorstellig wurde.

Nagelsmann selbst überzeugte in den vergangenen Tagen mit guter Laune und jeder Menge Selbstvertrauen, als er seinen neuen Arbeitsplatz in Augenschein nahm und dem hauseigenen Sender ein groß angelegtes Interview gab.

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"Ich bin jetzt quasi wieder in der Heimat", erklärte Nagelsmann bei FC Bayern TV. "Und dann bei einem der größten Klubs in Europa arbeiten zu dürfen, ist natürlich eine außergewöhnliche Kombination, die mich sehr, sehr glücklich macht."

Fünf Wochen hat der 33-Jährige nun Zeit, die Bayern auf Kurs zu bringen, bis das erste Pflichtspiel im Pokal gegen den Bremer SV ansteht (6. bis 9. August). Die kardiologisch-internistische Untersuchung bei Team-Arzt Prof. Dr. Roland Schmidt stand für die Mannschaft indes schon am Montag an.

Nagelsmann unter Erfolgsdruck

Nagelsmann wird spüren, dass die Last des jüngsten Erfolgs auf seinen Schultern ruht. Vorgänger Hansi Flick holte nicht weniger als sieben Titel in eineinhalb Jahren - eine Zahl, die zweifellos länger über der Säbener Straße schweben wird, im guten wie im schlechten Sinne.

Beim Rekordmeister mag man sich an 2013 erinnern, als Pep Guardiola von Jupp Heynckes übernahm und das Triple der Maßstab war, den es zu erfüllen galt; Guardiola konnte es nicht.

Doch jetzt alle Uhren auf Anfang. Nagelsmann, der schon in Kindheitstagen in Bayern-Bettwäsche geschlafen hatte, legt los und muss eine Reihe von Aufgaben bewältigen. 

Dafür will er "den erfolgreichen Weg der Vergangenheit weiterführen" und nicht "alles auf den Kopf stellen". Es gehe darum, "diese Qualität, die in der Mannschaft steckt, jeden Spieltag ideal zu wecken".

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So weit, so gut. Eine erstes große Hürde offenbarte sich bereits in der Abwehr, als am Sonntag bekannt wurde, dass Lucas Hernández unters Messer musste. Grund: ein Einriss des Innenmeniskus; die notwendige Operation ist inzwischen erfolgt, auf eine Rückkehr ist jedoch frühestens in einigen Wochen zu hoffen.

Ausgerechnet also Hernández, der nach den Abgängen von David Alaba, Jérôme Boateng und Javi Martínez fest eingeplant war, ob links hinten oder in der Innenverteidigung.

Hinzu kommt, dass Niklas Süle und Benjamin Pavard nach der EM auch erst mal nicht zur Verfügung stehen, frühestens am 22. Juli wieder ins Training einsteigen. Alphonso Davies weilt ab dem 10. Juli mit Kanada beim Golf Cup, könnte im schlimmsten Fall bis zum 1. August fernbleiben.

Nagelsmann muss also zunächst mit wenigen Kräften auskommen, einen neuen Abwehrchef finden und zugleich viel improvisieren. Gerade dieser Umstand scheint gar nicht zu passen, da der Ex-Hoffenheimer mit einer Dreierkette liebäugelt, wie er sie bereits bei Leipzig hat spielen lassen.

Salihamidzic: "Klare wirtschaftliche Limits"

Ob Bayern auf dem Transfermarkt noch einmal zuschlägt, bleibt indes offen. Zwar erklärte Sportvorstand Hasan Salihamidzic zuletzt auf der klubeigenen Homepage, dass man "den Transfermarkt wie immer bis zum Schluss sehr genau beobachten" wird, schob jedoch hinterher: "Wegen Corona haben wir in diesem Sommer klare wirtschaftliche Limits und können uns auch nur innerhalb dieser Limits bewegen."

Wo genau diese Limits liegen, umriss am Montag Präsident Herbert Hainer bei der Bayern-Pressekonferenz: "Wir haben jetzt eineinhalb Jahre Pandemie, haben das letzte Mal am 8. März 2020 richtig vor Zuschauern gespielt. Wir gehen Pi mal Daumen von einem Umsatzverlust von 150 Millionen aus."

Nicht zuletzt deshalb sagte auch Vorstands-Boss Oliver Kahn, dass der Klub "sehr überzeugt von dem Kader" sei, und verwies auf die Rückkehrer Joshua Zirkzee und Chris Richards, die beide ausgeliehen waren: "Wir erwarten von Nagelsmann, auch solche Spieler zu entwickeln. Wir haben unsere Hausaufgaben früh gemacht. Unser Kader ist im Moment sehr gut aufgestellt."

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Wenn Kahn von "wir" spricht, ist Nagelsmann noch nicht eingeschlossen, ganz im Gegenteil: der Bayern-Boss erhöht den Druck auf den gebürtigen Landsberger, der nun beweisen muss, dass er die Jungen fördern und zugleich eine schlagkräftige Truppe bilden kann, die für die ganz großen Aufgaben gerüstet ist.

Denn Kahn erklärte auch: "Natürlich ist es weiterhin unser Ziel, in München absoluten Weltklasse-Fußball zu zeigen. Wir wollen etwas schaffen, das noch nie jemandem gelungen ist: Dass es einer Mannschaft gelingt, zehn Mal in Folge Meister zu werden."

Bei dieser Mission verzichtet Bayern diesmal sogar auf ein Trainingslager, wird komplett an der Säbener Straße bleiben und nicht einmal zum Tegernsee reisen. Grund sind zum einen die Corona-Bedingungen, zum anderen die späte Rückkehr der EM-Fahrer, die alle drei Wochen Urlaub bekommen, Robert Lewandowski sogar bis zum 26. Juli.

Muss sich Nagelsmann anpassen?

Wie es scheint, war Nagelsmann in diese Entscheidung involviert. Der 33-Jährige muss sich den Bedingungen in München dennoch anpassen, mehr als in Leipzig oder Sinsheim, wo er freie Hand hatte; vielleicht betrifft das bald auch seinen öffentlichen Auftritt.

Denn sowohl bei der TSG als auch bei RB war Nagelsmann für einen durchaus saloppen Ton bekannt, ironisch unterlegt, manchmal auch voller Sturm und Leidenschaft. Ob er auch bei Bayern so weitermachen kann, wird sich zeigen, zumal der Gegenwind in München schnell deutlich stärker ausfällt, auch vonseiten der Presse.

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"Ich bin ein junger, emotionaler Trainer", sagte er selbst zu der Thematik. "Das werde ich sicherlich nicht ganz abstellen können. Bei Bayern werden sich ein paar Dinge sicherlich anpassen. Aber ich werde trotzdem emotional bleiben."

Wohin die Reise fußballerisch geht, das scheint Nagelsmann indes sehr genau zu wissen.

So werde er versuchen, "einen offensiven, variablen und mitreißenden Fußball zu spielen, auch für die Fans, die dann hoffentlich bald wieder ins Stadion dürfen."

Was auch passiert – Nagelsmann weiß, worauf er sich einlässt. Und vermutlich hat er auch ein paar Trümpfe in der Hinterhand, um die ersten großen Aufgaben zu bewältigen.

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