Bayern in Sevilla: Eine Leistung wie gegen Dortmund, sonst...

Der FC Bayern München kämpft am Dienstagabend (20.45 Uhr) im Champions-League-Viertelfinal-Hinspiel beim FC Sevilla nicht nur gegen den Spanien-Fluch. Selbstvertrauen haben die Bayern reichlich, doch jeder weiß: Das wird eine verdammt harte Nummer. 

Aus Sevilla berichtet Patrick Strasser

Abschlusstraining am Ostermontag: Die Bayern in Sevilla

Die bayerischen Spanier zu Gast in Spanien. Natürlich waren Thiago, Juan Bernat und insbesondere Javi Martínez besonders gefragt am Montagnachmittag nach der Landung in Sevilla.

Der gebürtige Baske Martínez beeindruckte die einheimischen Reporter im Stadion Ramón Sánchez Pizjuán mit seinen Deutsch-Kenntnissen. Der Mittelfeldspieler erklärte seinen Landsleuten die Sicht des FC Bayern auf dieses Viertelfinal-Duell in der Champions League mit dem FC Sevilla: “Vielleicht ist Sevilla nicht so bekannt wie Real und Barca. Wir haben uns ihre Spiele angeschaut, es ist ein wirklich starker Gegner, wir müssen 100 Prozent geben, um das Halbfinale zu erreichen.”

Die Bayern sind klarer Favorit in diesem Viertelfinale. Das 6:0 vom Samstag im deutschen Clásico gegen Borussia Dortmund, die deftige Klatsche für den einstigen Rivalen war schnell verarbeitet, nur durch plötzlich auftretendes Mitleid in der zweiten Halbzeit (Thomas Müller: “Man kennt ja einige Spieler ganz gut”) wurde das Ergebnis nicht auf eine zweistellige Demütigung nach oben geschraubt.

“Im Champions-League-Viertelfinale warten ganz andere Kaliber”, sagte Trainer Jupp Heynckes, “meine Mannschaft weiß, dass wir eine überdurchschnittliche Leistung brauchen, um eine gute Ausgangsposition zu erreichen.” Mats Hummels definierte es so: “Mit allem unter einer verdammt starken Leistung werden wir dort verlieren.”

Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Viertelfinal-Hinspiel:

Droht trotzdem ein Unterschätzen der Andalusier, die nicht zu den Top drei in Spanien (Real, Barca, Atlético) gehören?

Nein. Nicht unter Jupp Heynckes. “Wir bereiten uns so optimal wie möglich vor und haben allergrößten Respekt vor dieser Mannschaft”, sagte er am Abend in Sevilla. “Natürlich ist Sevilla in der Champions League nicht so oft im Viertelfinale gestanden, der Name FC Bayern ist da natürlich klangvoller”, hatte Thomas Müller vor dem Abflug nach Andalusien gesagt.

Ob Favorit oder nicht – “unterm Strich ist es mir egal, wie wir weiterkommen”, meinte der Bayern-Kapitän, der die Seinen nach dem 6:0 gerüstet sieht: “Der Eindruck ist gut, die Zutaten sind vorhanden. Wir wissen, dass Sevilla eine Aufgabe und Herausforderung wird.”

Kann Bayern den Spanien-Fluch überwinden?

Gegen die Europa-League-Spezialisten, die von 2014 bis 2016 drei Mal hintereinander den kontinentalen 1B-Wettbewerb gewannen, wollen die Bayern ihren Spanien-Fluch besiegen. In den letzten vier Spielzeiten scheiterte man jeweils an einer Mannschaft aus der Primera Division: 2014 an Real Madrid, 2015 am FC Barcelona, 2016 an Atlético Madrid – jeweils im Halbfinale – und vergangenen Saison wieder an Real, bereits im Viertelfinale. Doch Heynckes verwies auf seine Erfahrungen in Spanien, sagte: “2012 und 2013 sind wir über Real Madrid und ein Jahr später über den FC Barcelona ins Finale eingezogen, das sind die beiden besten Mannschaften der Historie in Spanien.” Will sagen: Spanien-Fluch? Nicht mit mir! Martínez sagte: “Das ist Vergangenheit, wir denken nicht mehr an diese Spiele. Wir haben jetzt eine andere Situation, eine andere Form.”

Wie ist der FC Sevilla in Form? 

Dass man in Sevillas Estadio Ramon Sanchez Pizjuan nicht Laissez-faire spielen darf, zeigt den Bayern das Gastspiel von Tabellenführer FC Barcelona in der Primera Division am Samstag. Nach Treffern von Franco Vazquez (36.) und Luis Muriel (50.) retteten Luis Suarez (88.) und der eingewechselte Lionel Messi (89.) Barca doch noch das 2:2. Sevilla, in Spanien aktuell Sechster, brachte Barcelona an den Rand einer Niederlage. “Sevilla spielt ein sehr gutes Spielsystem mit großer Willensstärke, sie sind sehr laufstark”, analysierte Heynckes. Er findet: “Ein absoluter Top-Gegner, der große Klasse besitzt.”

FC Sevilla: Echte Hölle – und was noch?

Welche Topstars müssen bei den Bayern auf die Bank? 

Arjen Robben droht wie im Achtelfinal-Hinspiel gegen Besiktas Istanbul (5:0) ein Platz auf der Bank, da Jupp Heynckes wohl lieber ein stabiles defensives Mittelfeld aufstellt und dafür Arturo Vidal in der Startelf bringen wird. Der Chilene war wegen einer Oberschenkelprellung gegen den BVB ausgefallen. “Arturo hat wie auch Bernat am Sonntagmorgen ganz normal trainiert. Vidal hat wohl keine negative Reaktion gezeigt, steht zur Verfügung”, sagte Heynckes in Sevilla, “auch Bernat ist bereit. Das sind gute Nachrichten für uns.” Im Mittelfeld wird der zuletzt bärenstarke James Rodríguez den Vorzug vor Thiago erhalten.

Welche Ausgangsposition wünschen sich die Bayern?

Heynckes erinnerte an das Ausscheiden von Manchester United gegen den FC Sevilla. Die Briten hatten auswärts 0:0 gespielt, “das kann immer ein trügerisches Ergebnis sein”, so Heynckes. Zu Hause im Old Trafford verlor ManU dann 1:2. “Ich wünsche mir kein Ergebnis, ich wünsche mir einen Sieg“, erklärte der Bayern-Trainer mit Blick auf das Rückspiel am Mittwoch nächster Woche. In Sevilla erwartet die Münchner “ein sachverständiges, heißblütiges Publikum”, so Heynckes. Der 72-Jährige weiter: “Wir werden ähnliche Verhältnisse wie in Istanbul. In der Tradition des FC Bayern haben wir Erfahrung in solchen Stadien, da kann uns nichts mehr erschüttern.”

Sind die Bayern wirklich zum ersten Mal in Sevilla?

Nein. Im Herbst 1992 reiste man für ein Freundschaftsspiel nach Andalusien. Der Grund: Der große Diego Armando Maradona, mit herrlichster Vokuhila-Frisur. Der Weltstar gab mit diesem Spiel im Stadion Ramón Sánchez-Pizjuán sein Debüt für Sevilla und gleichzeitig sein Comeback.

Warum in Sevilla? Der Hero der 80er Jahre wurde im Frühjahr 1991 positiv auf Kokain getestet, darauf von der Fifa für 15 Monate gesperrt und musste seine Zeit als Stadtheiliger beim SSC Neapel mitten in der Saison abbrechen. Wer wollte diesen Maradona? Wer konnte ihn sich leisten? Es gab damals tatsächlich Kontakte zum Hamburger SV (ernsthaft!), die jedoch im Sande verliefen.

Dank Diegos Freundschaft zu Lothar Matthäus kickte Bayern in Sevilla und der Spiegel schrieb, dass “eine demonstrative Verbrüderungsszene der Altstars in der Hotelhalle mehr Schlagzeilen als die Partie machte”. Olaf Thon verwandelte einen Freistoß zum 1:0 für Bayern, nach der Pause drehten Maradona & Co. die Partie – 3:1.