Bayern schalten in den Triple-Modus: Reif für den erneuten Coup?

Tommy Gaber
Editor Yahoo Sports

Die deutsche Meisterschaft ist eingetütet, zwei weitere Titel sollen folgen. Der FC Bayern München schwört sich auf das Triple ein. Kann der Coup wie 2013 in diesem Jahr erneut gelingen? Yahoo Sport prüft die wichtigsten Faktoren und zieht einen Vergleich. 

Der FC Bayern München strebt in diesem Jahr das erneute Triple an

Am vergangenen Donnerstag versammelte Jupp Heynckes seine Spieler vor dem Training in der Kabine, um ihnen ins Gewissen zu reden. “Ich habe eine Grundsatzrede gehalten und der Mannschaft gesagt, dass wir ohne absoluten Teamgeist keine Chance haben würden”, verriet Heynckes im kicker: “Wir müssen optimal zusammenarbeiten, ohne jeden Egoismus. Ich habe das Gefühl, ich habe sie erreicht.”

Langsam aber sicher schaltet Heynckes in den Triple-Modus. 2013 gelang dem Coach dieses einmalige Kunststück und nach dem vorzeitigen Gewinn der deutschen Meisterschaft schwört sich der Verein auf die Wiederholung dieses historischen Erfolgs ein. Sind die Bayern auch 2018 dazu in der Lage? Der Yahoo Sport-Vergleich.

Motivation

2013 entstand die Triple-Gier in erster Linie aus dem verlorenen Finale dahoam gegen Chelsea 2012. Das Elfmeter-Drama im Champions-League-Finale im eigenen Stadion hinterließ tiefe Spuren. Doch nach einer kurzen Phase der Trauer wurde das Trauma in zusätzliche Motivation umgemünzt. Matthias Sammer kam als neuer Sportvorstand, Javi Martinez als Rekordtransfer (40 Millionen Euro Ablöse).

Der Generation Philipp Lahm/Bastian Schweinsteiger lief die Zeit davon, endlich den großen internationalen Titel zu gewinnen. “Es hieß, dass es für sie die letzte Möglichkeit wäre”, erinnert sich Heynckes.

Auch im heutigen Kader stehen viele Stars, die national alles mehrfach gewonnen haben, denen der Big Deal auf internationalem Terrain aber noch fehlt: Mats Hummels, Arturo Vidal oder Robert Lewandowski.

Eine große Motivation ist auch der Trainer: Jupp Heynckes hört am Saisonende auf. Wie 2013. Damals wollten die Spieler ihren Coach mit dem größtmöglichen Triumph verabschieden. Wie 2018. “Der Trainer ist wie ein Vater für uns. Wir wollen, dass er wieder durchs große Tor geht”, sagte Javi Martinez.

Ausgangslage

Auch hier gibt es Parallelen. 2013 stand der FC Bayern am 28. Spieltag als Meister fest, in diesem Jahr am 29. Spieltag. Die Münchner beherrschten die Liga nach Belieben und schossen ihre Gegner im Frühjahr regelrecht ab: 9:2 (HSV), 6:1 (Hannover und Wolfsburg). Im Vergleich die Ergebnisse aus den letzten Wochen: 6:0 (HSV und Dortmund), 4:1 (Augsburg).

Die wahre Stärke der Bayern wurde 2013 aber erst im Viertelfinale der Champions League gegen Juventus Turin mit zwei souveränen 2:0-Siegen sichtbar. Ein Einschätzung, wie gut die Bayern in diesem Jahr sind, lässt sich nur erahnen. CL-Gegner FC Sevilla hat nicht das Gardemaß der Alten Dame von 2013. Und dass die Bayern anfällig sind, zeigte die Niederlage in Leipzig, die erste Halbzeit in Sevilla und die Anfangsphase in Augsburg.

Ein erster echter Härtetest dürfte das Pokalhalbfinale in der kommenden Woche bei Bayer Leverkusen werden. Ein K.o.-Spiel, auswärts bei einem starken Gegner, wie die Bayer-Elf beim 4:1 in Leipzig am Montag bewiesen hat.

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Qualität der Mannschaft

2013 hatte Heynckes eine klare erste Elf: Neuer – Lahm, Boateng, Dante, Alaba – Martinez, Schweinsteiger – Kroos, Müller, Ribery – Mandzukic. In der Liga rotierte der Coach, in den großen Spielen stellte sich die Mannschaft aber von alleine auf. Im CL-Viertelfinale gegen Juve verletzte sich Toni Kroos, wodurch Arjen Robben in die Mannschaft gespült wurde.

Die Verletzung eines Schlüsselspielers als “Segen” für die Mannschaft? Klingt surreal, war aber so. Robben musste nicht länger Frust auf der Ersatzbank schieben, ein atmosphärisches Problem war somit gelöst.

2018 hat Heynckes eine höhere individuelle Qualität, vor allem in der Breite. Sein Stamm umfasst nicht wie 2013 zwölf, sondern 15, 16 Spieler. Einzig die Positionen in der Viererkette (Kimmich, Hummels, Boateng, Alaba) sowie die Stürmerposition (Lewandowski) sind fest vergeben. In Sevilla saß mit James der beste Bayernspieler der Saison erstmal draußen. Martinez, Vidal und Thiago kämpfen um zwei Plätze im zentralen Mittelfeld und auf den Flügeln stehen Müller, Ribery und Robben zur Verfügung, wobei maximal zwei spielen können.

Bleibt das Problem im Tor. 2013 war Manuel Neuer unumstritten einer der besten Torhüter der Welt, ob er in dieser Saison noch zum Einsatz kommt und wie gut er dann überhaupt ist, steht weiter in den Sternen. Sven Ulreich hat sich sehr gut entwickelt, aber es bleiben Zweifel, ob er die nötige Klasse hat, um auch gegen Real Madrid oder den FC Barcelona zu bestehen.

Qualität der Gegner

In der Champions League der entscheidende Unterschied im Vergleich zu 2013. Damals schleppte sich Lionel Messi im Halbfinal-Hinspiel in München angeschlagen über den Platz, im Rückspiel kam er gar nicht zum Einsatz. Barca hat individuell keine bessere Mannschaft als 2013, aber sie haben einen gesunden Messi in Topform und sind damit per se stärker als 2013.

Real Madrid gelingt es seit mehreren Jahren, in der Königsklasse zwei Gänge hochzuschalten. Drei Titel seit 2014 sprechen Bände, Real hat sich zu einer Siegermaschine entwickelt und die Motivation ist ungebrochen. Das hochgelobte Paris Saint-Germain hatte im Achtelfinale null Chance und Juventus musste im Viertelfinale eine 0:3-Heimklatsche einstecken.

“Wie hoch das Niveau in diesem Jahr in der Champions League ist, hat man im anderen Spiel heute abend gesehen”, sagte Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge im Anschluss an den mühevollen 2:1-Sieg der Münchner in Sevilla mit Blick auf die Ronaldo-Gala in Turin.

Hinzu kommt als möglicher Halbfinal-Gegner wahrscheinlich der FC Liverpool, den Jürgen Klopp zu einem Titelanwärter in der Champions League geformt hat. Die erste Halbzeit beim 3:0 gegen Manchester City war mit das Beste, was eine Mannschaft in der K.o.-Phase der Königsklasse in den letzten Jahren abgeliefert hat.

Fazit

Es gibt erstaunliche Parallelen zur Triple-Saison 2013. Allerdings wirkt der FC Bayern trotz einer höheren Qualität im Kader nicht so gefestigt wie damals und die Konkurrenz im Kampf um den Champions-League-Titel ist deutlich höher. Heynckes hat Recht, wenn er sagt, dass “das Triple in diesem Jahr einer Sensation” gleichkäme. Die Bayern gehören erneut zu den Topklubs in Europa, für den Gewinn der Champions League muss aber ALLES zusammenkommen.