Bayern hat ein Müller-Dilemma

Tommy Gaber
Editor Yahoo Sports

Er hat kein gutes Jahr hinter sich und trägt als Führungsspieler und Identifikationsfigur des FC Bayern eine schwere Last auf den Schultern. Thomas Müller steht vor seiner wichtigsten Saison. Doch es droht neues Konfliktpotential.

Thomas Müller spielt seit 2009 für die erste Mannschaft des FC Bayern München

Mitte 2015 bekam Karl-Heinz Rummenigge einen Anruf aus Manchester. Am Ende der Leitung erkundigte sich ein Vertreter von Manchester United nach Thomas Müller. Es war keine zaghafte Anfrage, ob es denn irgendwie möglich sei, mit den Bayern hinsichtlich eines Transfers von Müller auf die Insel ins Gespräch zu kommen. United überbrachte ein Angebot – mit konkreten Zahlen. 100.000.000 Euro war Müller den Red Devils wert.

Rummenigge machte aber unmissverständlich klar, dass Müller für kein Geld der Welt zu haben ist. Der Spieler selbst beschäftigte sich dagegen sehr wohl mit dem Interesse aus Manchester. “Wenn eine Anfrage kommt, beschäftigt man sich automatisch damit. Eine Anfrage eines großen Klubs ist eine Ehre und eine Honorierung, dass die eigene Leistung gut ist”, sagte Müller seinerzeit.

Das Urgestein des FC Bayern hatte zu diesem Zeitpunkt eine schwierige Saison hinter sich. Seinen Wert für die Mannschaft hatte er zwar erneut mit zahlreichen Toren und Vorlagen dokumentiert, die Beziehung zu Trainer Pep Guardiola war aber inzwischen abgekühlt. 22 Mal hatte Guardiola Müller frühzeitig vom Platz geholt, zudem waren Spieler und Trainer in Trainingseinheiten mehrfach aneinandergeraten.

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Auf Lebenszeit unverkäuflich

Die Folge-Saison lief für Müller ähnlich, er wurde für Guardiola mehr und mehr entbehrlich. Im Champions-League-Halbfinal-Hinspiel bei Atletico Madrid saß er die ersten 70 Minuten auf der Bank.

Nach Saisonende bat Müller die Bayern-Bosse um ein Gespräch. Es ging um seine Perspektive im Verein. Rummenigge und Co. überzeugten Müller, den Weg gemeinsam weiterzugehen. Der Vorstandsvorsitzende betonte mehrfach öffentlich den hohen Stellenwert Müllers als Identifikationsfigur des Vereins. Als oberbayrisches Unikat, der aus der Region stammt und daher perfekt geeignet ist als Publikumsliebling. Rummenigge erklärte ihn auf Lebenszeit für unverkäuflich.

Doch unter dem neuen Trainer Carlo Ancelotti geriet Müller immer weiter ins Abseits. Zwar kam er in der Bundesliga regelmäßig zum Einsatz und machte 20 Spiele über die volle Distanz. In den wichtigen K.o.-Spielen war er jedoch außen vor. Ganze vier Minuten spielte er in beiden CL-Achtelfinalspielen gegen Arsenal, im DFB-Pokal-Halbfinale gegen Dortmund zehn Minuten. Gegen Real Madrid stand er nur in der Startelf, weil Robert Lewandowski verletzt war. Im Rückspiel saß er wieder 75 Minuten auf der Bank.

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Rummenigge erhöht den Druck

Müller ist nicht mehr unantastbar beim FC Bayern und der Druck wurde kürzlich noch erhöht. “Er wird eine stärkere Saison hinlegen müssen. Die Konkurrenz auch auf seinen Positionen ist stark”, sagte Rummenigge dem Münchner Merkur.

Zu diesem Zeitpunkt war James Rodriguez noch nicht da. Durch die Verpflichtung des Kolumbianers dürfte sich Müllers Situation noch schwieriger darstellen. James fühlt sich wie Müller als hängende Spitze oder auf der Zehnerposition am wohlsten. Er hat wie Müller die Gabe, sich zwischen den Linien zu bewegen und die freien Räume zu erkennen. Beide sind schwerlich in ein System zu pressen, die Spieler leben von ihrer Intuition.

Der Unterschied liegt in ihrer Präsenz auf dem Platz: James reißt das Spiel an sich, ist auf der Zehnerposition mit zwei Sechsern im Rücken und zwei Flügelspielern Dreh- und Angelpunkt. Bei Real Madrid verzeichneten in der abgelaufenen Saison nur Toni Kroos und Isco mehr Ballaktionen als James, proportional zu den Einsatzzeiten gerechnet. Zudem hat James einen entscheidenden Vorteil gegenüber Müller: Als absoluter Wunschspieler genießt er einen Bonus bei Ancelotti.

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Erhöhtes Konfliktpotential

Mit 27 Jahren steht Thomas Müller vor seiner vielleicht wichtigsten Saison. Er ist Führungsspieler und Leitfigur beim FC Bayern und muss diesem Anspruch gerecht werden – nach dem Abgang von Philipp Lahm mehr denn je. Auf seinen Schultern lastet ein enormer Druck, er verkörpert den Verein als Spieler wie kein anderer.

James Rodriguez erhöht die Qualität der Mannschaft, gleichzeitig aber auch das Konfliktpotential im ganzen Verein. Die Rolle von Thomas Müller kann sich schnell zu einem Politikum entwickeln, sollte er erneut zwischen Platz und Bank pendeln und in den entscheidenden Spielen nicht zur Stammelf gehören.

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