Bayern-Dusel in Sevilla: So gewinnt man die Champions League nicht

Tommy Gaber
Editor Yahoo Sports

Der FC Bayern München hat sich mit dem glücklichen 2:1-Sieg in Sevilla eine glänzende Ausgangsposition für das Erreichen des Champions-League-Halbfinals geschaffen. Doch der Dusel-Sieg in Spanien darf nicht über die Defizite hinwegtäuschen – vor allem im Vergleich zu den absoluten Topteams. 

Der FC Bayern München steht vor dem Einzug ins Champions-League-Halbfinale

Aufstellung

Jupp Heynckes entschied sich im Mittelfeld für Kompaktheit und Zweikampfstärke. Javi Martinez, Thiago und Arturo Vidal sollten ein Netz spannen, in dem sich Sevilla verfängt. Für die defensivere Variante opferte der Coach James Rodriguez, den besten Spieler des FC Bayern in dieser Saison. Der beste Mann sitzt in einem Champions-League-Viertelfinale auf der Bank. Würde Real Madrid Cristiano Ronaldo in so einem Spiel draußen lassen? Oder der FC Barcelona Lionel Messi?

Heynckes’ Plan ging in der ersten Halbzeit nicht auf. Thiago spielte viele Fehlpässe und kam nicht in die Zweikämpfe. Vidal spürte früh einen Stich im ohnehin schon lädierten Oberschenkel und musste nach 36 Minuten raus. James kam und leitete mit seiner ersten Ballberührung das 1:1 ein…

Zudem war Bernat als Ersatz für den verletzten David Alaba auf der Linksverteidigerposition eine Fehlbesetzung. Der Spanier kam gerade erst von einer vierwöchigen Verletzung zurück. Sein naives Verhalten vor Sevillas Führungstreffer war dann auch Heynckes zu viel – Bernat musste zur Pause raus. Mit Rafinha standen die Bayern in der zweiten Halbzeit stabiler, obwohl der Brasilianer eher rechts hinten zuhause ist.

Probleme mit Sevillas Spielweise

Nach vernünftigen zehn Minuten begannen die Bayern Fehler zu machen. Die Ballsicherheit ging flöten, das Positionsspiel nach den Ballverlusten war mangelhaft. Angestachelt vom enthusiastischen Publikum attackierte Sevilla die Bayern tief in deren Hälfte, sodass den Münchnern oft nur der Rückpass auf Torhüter Sven Ulreich blieb. Sevillas aggressive Spielweise provozierte eine Reihe von einfachen Ballverlusten der Bayern.

Wir haben uns sehr oft auskontern lassen. Wir haben leichtfertig die Bälle hergegeben. Wenn wir das Spielfeld breit machen, müssen wir auch sehr ballsicher sein, ansonsten wird es gefährlich”, sagte Mats Hummels. 

Im Lauf der zweiten Halbzeit ging Sevilla allerdings die Puste aus, was die Bayern ihrerseits nutzten für deutlich mehr Spielkontrolle, Präsenz und Dominanz im Mittelfeld.

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Wo war Lewandowski?

Er will zu Real Madrid und soll die Bayern-Bosse schon um die Freigabe gebeten haben. Und am Dienstagabend hatte man das Gefühl, dass Robert Lewandowski bereits mit seiner Zeit in München abgeschlossen hat. Ganze fünf Ballkontakte in der ersten Halbzeit, schlechter Bewegungsradius, kein Zug zum Tor. Dafür ständiges Lamentieren und Diskutieren mit dem Schiedsrichter und nur ein einziger Torschuss kurz vor Schluss. Wenn Lewandowski zu den besten Stürmern der Welt gehören will, und das ist schließlich sein Anspruch, muss er in einem CL-Viertelfinale eine ganz andere Körpersprache an den Tag legen. Lewandowski war praktisch 90 Minuten lang unsichtbar.

Die Bayern sind in den Highlight-Spielen der Saison auf ihre Nummer neun angewiesen. Mit einem Lewandowski in Topform ist viel möglich, mit dem Lewandowski aus dem Sevilla-Spiel nichts.

Thiagos Probleme in Topspielen

Mit der spanischen Nationalmannschaft nahm Thiago letzte Woche Vize-Weltmeister Argentinien auseinander und war sogar Torschütze. Doch wenn es im Verein in die großen Spiele geht, bekommt der Spanier die Bremsen nicht gelöst. Seit Thiago in München spielt – das sind mittlerweile fast vier Jahre – ist er den Beweis schuldig geblieben, dass er ein Spieler für die Crunchtime ist.

Mit seiner begnadeten Fähigkeit, die Bälle im Zentrum anzusaugen und zu verteilen, ist Thiago der Bayern-Spieler, der den Rhythmus bestimmt und das Spiel beruhigt, wenn es den Münchnern zu entgleiten droht. Genau das hat in Sevilla in der ersten Halbzeit aber überhaupt nicht funktioniert. Im Gegenteil: Thiago war Unsicherheitsfaktor.

Immerhin war er maßgeblich am Siegtreffer beteiligt und steigerte sich in der zweiten Halbzeit. In einem möglichen Halbfinale gegen Real, Barca, Liverpool oder ManCity muss Thiago aber endlich mal von Anfang an liefern.

Bayern bangt um Bernat und Vidal

Das sollte den Bayern Mut machen

Bei aller Kritik bleiben auch positive Erkenntnisse. Die Bayern drehten auswärts einen Rückstand und verließen den Platz als Sieger. Die Mentalität der Mannschaft stimmt, Rückschläge werden angenommen. “Es ist ein gutes Zeichen, dass wir auch mal zurückkommen können”, sagte Thomas Müller.

Zudem überzeugten vor allem drei Spieler. Jerome Boateng stand defensiv sicher und leitete den Ausgleich mit einem Weltklasse-Pass auf Müller ein. Der Weg zum Siegtreffer begann mit einem Diagonalball von Boateng auf Ribery. Das Aufbauspiel des Weltmeisters ist kaum zu toppen.

Im Mittelfeld hielt Javi Martinez den Laden einigermaßen zusammen. Seine Antizipationsfähigkeit und Zweikampfstärke sind unverzichtbar für den FC Bayern. Beim Stand von 1:1 grätschte er Sevillas Ben Yedder im letzten Moment den Ball vom Fuß, bevor der die Kugel über die Linie schiebt. 2013 war Martinez einer der wichtigsten Säulen auf dem Weg zum Triple. Er hat die Erfahrung und den nötigen Biss in den großen Spielen.

Und dann wirbelte auf der linken Seite noch ein 34-jähriger Franzose. Franck Riberys Auftritt in Sevilla war beste Werbung für eine Vertragsverlängerung. Er dribbelte und sprintete mit dem Ball am Fuß wie zu besten Zeiten, zog stets zwei Gegenspieler auf sich und war entscheidend an beiden Bayern-Treffern beteiligt.

“Frankie ist ein klasse Kicker”, schwärmte Teamkollege Sven Ulreich. “Er tut der Mannschaft unendlich gut. Wenn er seine Läufe und seine Dribblings ansetzt, ist das brutal wichtig für uns – und das mit seinen 35 Jahren. Er ist auf jeden Fall noch fit und kann in solchen Spielen den Unterschied machen.”

Müller stimmte seinem Keeper zu: “Er hat alles reingehauen, was er hatte. Er ist ein aktiver Spieler, der immer wieder den Ball haben will. Wir profitieren von seinen kreativen Momenten.”

Doch Riberys starke Leistung ist (mal wieder) mit einem Makel zu versehen. bei seinem unnötiges Tete-a-tete mit Ben Yedder ging er einmal mehr das Risiko ein, sein Team durch eine Unbeherrschtheit in einem großen Spiel entscheidend zu schwächen. Wie im CL-Finale 2013 gegen Dortmund. Wie in gefühlt 100 anderen Fällen. 

Ribery ist ein Hitzkopf. Daran wird sich nichts mehr ändern. Doch er sollte die Mätzchen sein lassen, die Bayern brauchen seine fußballerischen Fähigkeiten.

 

Fazit

Mats Hummels sagte nach dem Spiel: “Es war ok, aber so gewinnt man die Champions League nicht.” Widerstand zwecklos. Die Bayern werden nächste Woche Mittwoch in die Runde der letzten Vier einziehen. Viel mehr ist in diesem Jahr auch nicht drin. Dafür ist die Konkurrenz aus Madrid, Barcelona oder Manchester zu stark für diesen FC Bayern.