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«Es bauscht sich auf»: Soziale Medien schüren Eltern-Ängste

Nürnberg (dpa) - Ein fremder Mann, der Kindern auf dem Schulweg auflauert, ihnen Süßigkeiten schenkt und dann in ein Auto zerrt. Ein solches Szenario ist der Alptraum vieler Eltern - und gefühlt ist diese Gefahr ganz nah und lauert theoretisch überall. Denn über die sozialen Medien machen regelmäßig Berichte die Runde, dass sich jemand Kindern auf suspekte Art genähert hat oder ein verdächtiger Transporter vor einer Schule gesichtet wurde. Das verunsichert die Eltern und hat zum Teil auch Folgen für die Polizeiarbeit.

Beispiel Nürnberg: Bei der Polizei melden sich im Februar vermehrt Eltern, weil fremde Männer Kinder auf dem Schulweg angesprochen und ihnen zum Teil Süßigkeiten angeboten haben sollen. Die Whatsapp-Gruppen vieler Eltern laufen heiß, Gerüchte verbreiten sich, Schulen schreiben E-Mails an die beunruhigten Eltern, die Polizei fährt verstärkt Streife. Die Polizei ermittelt eigenen Angaben nach schließlich drei Männer, die für etwa ein Dutzend der Fälle verantwortlich sein sollen. Zu Straftaten kam es demnach aber nicht.

Doch auch danach werden bei der Polizei noch verstärkt Verdachtsfälle gemeldet - aus dem ganzen Stadtgebiet bis ins angrenzende Fürth. «Das kommt immer in Wellen. Das ist ein Phänomen, das uns immer begleitet», erläutert Kriminalhauptkommissar Martin Richter, der bei der Polizei Mittelfranken für Prävention zuständig ist. Die Eltern alarmierten sich gegenseitig über die sozialen Medien, und dabei könne sich dann auch mal der Ort des Geschehens ändern.

«Oft handelt es sich um Missverständnisse»

Beispiel Celle (Niedersachsen): Der Polizist Dirk Heitmann weiß als Vater selbst nur zu gut, welche Eigendynamik in den sozialen Medien entstehen kann, wenn Eltern um ihre Kinder fürchten. Letztens explodierten seine Whatsapp-Gruppen nahezu. Mal hieß es, ein Kind sei in Celle angesprochen worden, mal hieß es, dass es in ein Auto gezogen worden sei. «Es bauscht sich auf. Zum Teil werden aus einem Fall irrtümlicherweise mehrere. Aus einem Ansprechen wird Anschreien oder Ins-Auto-Ziehen.»

In dem Fall wurde ein Achtjähriger im Februar auf dem Rückweg von der Schule von einem Autofahrer angesprochen. Der Junge trat in die Pedale und fuhr schnell nach Hause. Einen zweiten, ähnlichen Fall in der Zeit konnte die Polizeiinspektion nach Angaben von Heitmann aufklären: Ein Autofahrer hatte bei strömendem Regen einem 14-Jährigen angeboten, ihn nach Hause zu bringen. Da der Mann früher in der Straße gewohnt habe, habe er gedacht, der Junge habe ihn erkannt, erzählt Heitmann. «Viele Fälle können wir tatsächlich auflösen. Oft handelt es sich um Missverständnisse.»

«Die Motivation, Kinder anzusprechen, ist vielfältig. Selten ist die Intention eine sexuelle», berichtet der Nürnberger Polizist Richter. Dass ein Kind überfallartig in ein Auto gezerrt werde, sei extrem selten. Sexuelle Gewalt geschehe eher im Nahbereich. «Meist geht der Täter in Beziehung zum Kind, baut diese zum Teil über Monate auf.» Auf Infoabenden an Schulen klären er und sein Team die Eltern über die tatsächlichen Gefahren auf - und appellieren auch an diese, sich an die Polizei zu wenden statt Verdachtsfälle, Gerüchte oder gar eigenständig verfasste Fahndungsaufrufe über die sozialen Medien zu teilen.

Steigende Anzahl an Verdachtsfällen erschwert Polizeiarbeit

Denn die Anzahl derjenigen, die diese Warnungen lesen, steige exorbitant an, berichtet die Polizei im Oberbergischen Kreis in Nordrhein-Westfalen. «Problematisch daran ist, dass Kinder, Eltern und Erzieher plötzlich überall eine Gefahr befürchten und auch alltägliche Begebenheiten dann als potenzielle Gefahr eingestuft werden.» Die Telefone bei der Polizei stehen demzufolge dann nicht mehr still.

«Das erschwert uns die Arbeit, weil es Kapazitäten bindet, auch den Phantommeldungen nachzugehen», betont Richter. Außerdem sei es für die Ermittler mitunter kaum noch möglich, nachzuverfolgen, wo es tatsächlich eine Häufung von Fällen gebe.

Die Polizei in Celle wägt deshalb jedes Mal genau ab, ob sie mit einem Fall von verdächtigem Ansprechen - wie es in der Polizeisprache heißt - an die Öffentlichkeit geht. «Das ist ein schmaler Grat», sagt Heitmann. Einerseits wolle man keine Welle lostreten. Andererseits müsse man auch schauen, wie viel dazu schon in den sozialen Medien unterwegs sei, um Falschinformationen gegebenenfalls einzufangen. Nach den beiden Fällen im Februar wandte die Polizei sich deshalb mit einem allgemeinen Aufruf an Eltern, Lehrkräfte und Kindergarten-Personal, um diesen wichtige Verhaltensregeln bei einem Verdacht an die Hand zu geben.

Eltern überwachen ihre Kinder vermehrt

Die Verunsicherung vieler Eltern wirkt sich auch auf den Alltag und die Entwicklung der Kinder aus. Viele Eltern bringen ihre Kinder morgens zur Schule und holen diese später wieder ab, berichtet Julia Möstl von KidsPro, die im Großraum Nürnberg Kinderschutztraining in Schulen und Kindergärten anbietet. Zur Einschulung bekommen manche Kinder außerdem ein Smartphone oder eine Smartwatch, damit die Eltern die Kinder immer erreichen und zum Teil dank Ortungsdienste sogar sehen könnten, wo sich diese gerade aufhielten, sagt sie.

Die Expertin hält davon wenig. «Das wiegt die Eltern und Kinder in falscher Sicherheit», meint sie. Außerdem lerne das Kind dadurch nicht, selbstständig zu sein.

Holger Hofmann vom Deutschen Kinderhilfswerk sieht das ähnlich. «Es dient dem Kind nicht, wenn Eltern es Schritt für Schritt an die Hand nehmen.» Kinder mit GPS-Tracker, Smartwatch oder Smartphone auszustatten, damit Eltern ein besseres Gefühl haben, hält er für bedenklich. «Das finden wir aus kinderrechtlicher Sicht nicht in Ordnung.» Es gehe darum, die Kinder zu stärken und ihnen beizubringen, wie sie bei einer möglichen Gefahr reagieren sollten. «Das tue ich aber eben nicht, indem ich ihnen immer folge.»