Bauernpräsident Joachim Rukwied spricht Klartext in der Dürre-Krise

Bauernpräsident Joachim Rukwied fordert angesichts bedrohlicher Einbußen durch die Trockenheit in vielen Regionen Deutschlands rasche Nothilfen.


Wenn Joachim Rukwied, 56, über seinen Berufsstand spricht, redet er gern von „unseren Bauernfamilien“. Seit sechs Jahren ist der Schwabe nun quasi ihr Oberhaupt – als Präsident des Deutschen Bauernverbands. Geht es der „Familie“ schlecht, geht er in die Offensive.

In diesen Tagen steht Rukwied vor einer ganz besonderen Herausforderung: Das trockene und heiße Wetter könnte massive Ernteausfälle zur Folge haben. Rukwied redet denn auch nicht lange drumherum: Manche Bauern schrieben bereits „tiefrote Zahlen“, sagt er im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Die Dürre ist ein Schadensereignis nationalen Ausmaßes.“ Die Politik sei jetzt gefragt.

An diesem Dienstag könnten womöglich erste Weichen gestellt werden. In Berlin treffen sich Vertreter von Bund und Ländern für eine erste Bestandsaufnahme zu den Auswirkungen der Dürre für die Landwirtschaft. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) will das Kabinett dann am Mittwoch über das Ergebnis informieren.

Rukwied selbst nimmt nicht am „Dürregipfel“ teil – er wurde nicht eingeladen. Dabei hätte der oberste Landwirt der Republik, der selbst einen 290-Hektar-Hof in Eberstadt bei Heilbronn bewirtschaftet, den Referatsleitern aus den einzelnen Fachministerien viel über die Lage berichten können.

„Besonders in Nord- und Ostdeutschland, wo es seit Wochen nicht mehr geregnet hat, ist die Dürre existenzbedrohend“, erzählt der studierte Agraringenieur. Das Problem: Getreide vertrocknet am Halm, Mais bildet gar nicht erst Kolben aus, die Kartoffelernte bricht weg.


Er spricht von Ernteausfällen in der Größenordnung von 30 bis 70 Prozent. „Manche Futterbaubetriebe sind schwer getroffen, weil sie keinen zweiten und dritten Schnitt einfahren konnten“, beschreibt er die Situation nüchtern. Und dort, wo der Mais im Moment nur kniehoch sei, verkümmere er.

Die Folge: Tierhalter fragen sich, wie sie ihre Tiere noch ernähren können. Die Preise liegen inzwischen etwa 15 Prozent höher als im Vorjahr. Vor allem viele der kleinen und mittleren Betriebe haben keine Rücklagen mehr.

Schaden in Milliardenhöhe

Die Schäden beziffert er alleine bei Getreide auf etwa 1,4 Milliarden Euro. Hinzu kämen die Herbstkulturen und der fehlende Futteraufwuchs. Wünschenswert wäre daher rund eine Milliarde Euro an Unterstützung für die Landwirte.

Doch staatliche Soforthilfen vom Bund wird es nicht geben. Bundesministerin Klöckner ist zwar „sehr besorgt“ über die Folgen der Dürre. In Deutschland zeichne sich aber ein sehr unterschiedliches Bild ab.

Während Winzer mit einem sehr guten Jahrgang rechnen dürften, sorgten sich andere um ihre Existenz. Deshalb werde man erst nach der Erntebilanz Ende August ein „klares, aussagekräftiges Bild“ haben, um über mögliche Hilfen zu entscheiden.


Für die zögerliche Haltung hat Rukwied, der von Freunden wie Kritikern als geradlinig, konsequent und ehrlich charakterisiert wird, wenig Verständnis. „Wir brauchen schnell Unterstützung für die Betriebe“, mahnt er. „Hier müssen in den nächsten Wochen Entscheidungen fallen, da brauchen wir nicht auf eine endgültige Erntestatistik zu warten.“

Zumal jetzt schon klar sei: „Es geht deutlich ins Minus.“ Der Bauernverbandspräsident fordert, jetzt den Notstand zu erklären, damit eine gesetzliche Grundlage für Bundeshilfen gegeben sei. Geholfen werden soll dann den Betrieben, deren Ernten mehr als 30 Prozent unter dem Schnitt der letzten Jahre liegen.

Immerhin: In der Unions-Fraktion drückt man bereits aufs Tempo, weil gerade kleine und mittlere Betriebe Probleme haben. Die SPD dagegen bremst, weil sie mit speziellen Hilfen keinen wirtschaftspolitischen Präzedenzfall schaffen will.

Bei Rukwied dürften solche Ansagen für Kopfschütteln sorgen, sieht er sich doch als „Ackerbauer und Landwirt mit Leidenschaft“. Deshalb will er nur eines: die Krise schnell meistern.