BASF IM FOKUS: Gibt es genug Gas für den Chemiekonzern?

LUDWIGSHAFEN (dpa-AFX) - Der Chemiekonzern BASF <DE000BASF111> hat die infolge des Ukraine-Krieges gestiegenen Rohstoff- und Energiepreise zuletzt noch recht gut weggesteckt. Trotz der sich eintrübenden Konjunkturaussichten hob der Dax-Konzern <DE0008469008> Ende Juli sogar die Ziele für 2022 an. Im Fokus steht aber vor allem der drohende Gasmangel. Was bei BASF los ist, was Analysten sagen und was die Aktie macht.

DAS IST LOS BEI BASF:

Nachdem 2020 vor allem die schwache Nachfrage der Auto- und Luftfahrtbranche den Konzern in den Anfangszeiten der Corona-Pandemie schwer belastet hatte, läuft es seit vergangenem Jahr für den Ludwigshafener Chemiekonzern dank einer höheren Nachfrage und gestiegener Absatzpreise wieder besser.

Im zweiten Quartal 2022 machte BASF dank Preiserhöhungen und des schwachen Euro mehr Geschäft und Gewinn, auch wegen eines höheren Beteiligungsergebnisses bei der Gas- und Ölfördertochter Wintershall Dea.

Im Fokus steht mittlerweile aber ein drohender Gasmangel, sollte Russland seine Lieferungen nach Europa weiter reduzieren oder ganz stoppen. Momentan fließt nur wenig russisches Gas über die Ukraine-Pipeline nach Deutschland. BASF rechnet aber auch bei Ausrufung der letzten Gas-Notstandsstufe mit genügend Erdgas für den Weiterbetrieb des Stammwerks in Ludwigshafen - zumindest in eingeschränktem Umfang.

"Sollte die Bundesregierung die dritte und letzte Notstandsstufe ausrufen, gehen wir derzeit davon aus, dass BASF noch ausreichend Erdgas erhalten würde, um den Betrieb am Standort Ludwigshafen mit reduzierter Last aufrechtzuerhalten", sagte Konzernchef Martin Brudermüller bei Vorlage der Halbjahreszahlen.

Der Chemiekonzern gehört zu den Gas-Großverbrauchern in Europa. Der Erdgasverbrauch in Ludwigshafen betrug 2021 in etwa 37 Terawattstunden, davon wurde etwa die Hälfte für die Strom- und Dampferzeugung verwendet, die Hälfte aber auch als Rohstoff.

BASF habe bereits einige Maßnahmen ergriffen, um das Risiko zu mindern, hatte der Firmenlenker erläutert. Die Vorbereitungen, um Erdgas etwa durch Heizöl zu ersetzten, kämen - soweit technisch möglich - voran. Bei Anlagen, die große Mengen an Erdgas benötigen, werde BASF die Produktion reduzieren. Dazu zählten etwa die Ammoniakanlagen. Dies sei eine gängige Praxis in der chemischen Industrie, etwa bei unwirtschaftlichen Margen.

Die Mehrkosten für die europäischen BASF-Standorte beliefen sich Brudermüller zufolge im Vergleich zum Vorjahr im zweiten Quartal auf 800 Millionen Euro.

Insgesamt lief es im ersten Halbjahr aber noch gut für das Unternehmen, das daher den Ausblick anhob. Dabei wurde aber auch betont, dass hohe Energie- und Rohstoffpreise sowie mit Blick auf die Gasversorgung denkbare Produktionsunterbrechungen in Europa zusätzlich belastet könnten.

DAS SAGEN DIE ANALYSTEN:

Von den 19 seit Vorlage der Zahlen zum zweiten Quartal im Juli von dpa-AFX erfassten Experten empfehlen elf die Aktie zum Kauf. Sieben raten zum Halten, einer empfiehlt den Verkauf. Im Schnitt liegt das Kursziel bei knapp 58 Euro. Allerdings weisen die Schätzungen mit 37 bis 80 Euro eine große Spanne auf. Aktuell kosten die Papiere knapp 45 Euro.

Nach Einschätzung von Analyst Chetan Udeshi von der US-Bank JPMorgan dürfte das zweite Halbjahr für den europäischen Chemiesektor schwächer verlaufen. Die Nachfrage lasse nach und die im vergangenen Jahr noch hohen Preise dürften sich abschwächen. Hinzu komme Gegenwind von hohen Energiepreisen. Analyst Gunther Zechmann von Bernstein Research geht davon aus, dass BASF an der Preisschrauben drehen wird, um verlorene Gewinne wiedergutzumachen. Er rechnet weiterhin mit steigenden Preisen für chemische Produkte.

Analyst Andreas Heine vom Analysehaus Stifel weist darauf hin, dass die neue Prognose auf einem reduzierten makroökonomischen Ausblick basiere. Jedoch würden in den Jahreszielen weder die Auswirkungen der Gasknappheit noch zusätzliche Lockdowns in China berücksichtigt. Dabei sei die Energieknappheit für BASF jedoch ein Risiko, was in den ersten zwei Quartalen des Jahres mit steigenden Kosten einhergegangen sei. Andererseits bereite sich der Konzern auf die Gasknappheit vor und könne mit Gegenmaßnahmen den Gasverbrauch am wichtigsten Standort Ludwigshafen reduzieren. Darüber hinaus könne die BASF die Produktion an den europäischen Standorten optimieren.

Ferner hob Heine Aussagen des Managements hervor, laut denen sich der positive Trend des zweiten Quartals auch im Juli fortgesetzt hatte. Die Marktdaten zeigten, dass die Margen im Upstream-Bereich, dazu zählen etwa Basischemikalien, weiterhin gut seien. Zudem wirke sich der schwächere Euro positiv aus.

Da sich die Verfügbarkeit von Erdgas und konjunkturelle Risiken weiterhin negativ auswirkten, rechnet Analyst Oliver Schwarz vom Analysehaus Warburg Research im kommenden Jahr mit sinkenden Ergebnissen. Obwohl BASF in der Zwischenzeit viele Maßnahmen ergriffen habe, um Erdgas sowohl als Rohstoff als auch als Quelle für die Energieerzeugung einzusparen, sei es nach wie vor schwierig abzuschätzen, wie viel Gas BASF nach Beginn der Zuteilung erhalten werde.

Belastend käme das Niedrigwasser im Rhein hinzu. Dies beeinträchtige stark die Kosten und Verfügbarkeit von Massengütern, die per Schiff zum und vom wichtigen BASF-Standort Ludwigshafen transportiert werden. Trotz der Maßnahmen, die nach der Dürre von 2018 ergriffen wurden, erwartet der Experte einen Anstieg der Transportkosten.

BASF ist laut Analyst Alexander Jones von der Bank of America einzigartig unter den diversifizierten Chemieunternehmen, da das Unternehmen durch seine knapp 73-prozentige Beteiligung an Wintershall in Öl- und Gasfelder rückwärts integriert sei. Auch ohne die Produktion aus Russland fördere Wintershall Dea mehr als 300 000 Barrel pro Tag an Gas und Öl in anderen Teilen der Welt, vor allem in Norwegen.

Bei den derzeitigen Rohstoffpreisen könnte Wintershall Dea aus den nicht-russischen Vermögenswerten einen freien Barmittelzufluss (Cashflow) von über drei Milliarden Euro netto für BASF generieren. Sollte eine mangelnde Verfügbarkeit von Gas oder unwirtschaftliche Preise den Dax-Konzern dazu zwingen, seinen wichtigsten Chemiestandort in Ludwigshafen zu schließen, dann könnte der Cashflow aus den Öl- und Gasfeldern der Wintershall dies effektiv kompensieren.

DAS MACHT DIE AKTIE

Die Corona-Krise hat der BASF-Aktie in der ersten Phase der Pandemie vor mehr als zwei Jahren ordentlich zugesetzt. Der Kurs rutschte innerhalb weniger Wochen um mehr als 40 Prozent ab. Mitte März 2020 kostete das Papier mit 37,36 Euro so wenig wie seit 2009 nicht mehr. Zwischenzeitlich konnte sich der Kurs deutlich erholen, bis auf fast 73 Euro im Frühjahr 2021.

Aber vom Krieg in der Ukraine, Lockdowns in China und Lieferkettenproblemen gezeichnet, trübte sich der Kurschart der BASF in den vergangenen Monaten deutlich ein. Mit dem jüngsten Fall bis unter die 40-Euro-Marke im vergangenen Juli näherte sich der Kurs wieder dem Corona-Crash-Tief aus dem März 2020.

Mit einem Jahresminus von 27 Prozent haben die Papiere bislang überdurchschnittlich stark verloren. Beim Dax ist der Verlust mit 15 Prozent geringer. Auch mittelfristig haben die Aktionäre wenig Freude. Seit dem Rekordhoch bei 98,80 Euro Anfang 2018 hat sich der Aktienkurs der BASF mehr als halbiert.

Auf Sicht von zehn Jahren verloren die Papiere rund ein Drittel an Wert, während sich der Kurs des Dax und auch des europäischen Branchenindex Stoxx 600 Chemie <EU0009658608> in diesem Zeitraum nahezu verdoppelt haben.

Aktuell beträgt der Börsenwert des Konzerns rund 40 Milliarden Euro. Damit liegt BASF auf dem 14. Rang im Dax. Zur Amtsübernahme Brudermüllers im Mai 2018 hatte BASF mit ungefähr 80 Milliarden noch auf dem sechsten Platz gelegen.