Bas: Erste Würdigung queerer Opfer im Bundestag ist Mahnung auch für Gegenwart

Erstmals legt der Bundestag dieses Jahr beim Holocaust-Gedenken den Fokus auf die Verfolgung sexueller Minderheiten durch das NS-Regime. "Mir ist diese Gruppe wichtig, auch weil sie heute immer noch von Diskriminierung und Anfeindung betroffen ist", sagte Bundestagspräsidenten Bärbel Bas (SPD) in einem Interview der Nachrichtenagentur AFP. Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, lobte im AFP-Interview die "absolut gute Themensetzung".

Die Gedenkstunde für die queeren NS-Opfer sei für sie auch ein "persönliches Anliegen", sagte Bas. Es solle ein Zeichen gegen die Diskriminierung gesetzt werden - bis in die Gegenwart hinein.

Zentralratspräsident Schuster sagte AFP: "Wir müssen uns im Klaren sein: Die Hauptopfergruppe im Nationalsozialismus waren die Juden, aber sie waren nicht die einzige Gruppe." Vielleicht werde durch den gewählten Schwerpunkt des Gedenkens "manchen Menschen klarer, dass es eben nicht nur die Juden betroffen hat", fügte Schuster hinzu. "Es wird deutlich, dass solche Entwicklungen wie zu Zeiten des Nationalsozialismus im Prinzip fast alle Bevölkerungsgruppen betreffen können."

Positiv äußerte sich auch der Leiter der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, Dani Dayan. Er habe "keinerlei Bedenken" gegen die Schwerpunktsetzung der Gedenkstunde im Bundestag, sagte er AFP. "Wir respektieren und ehren alle Opfer der Schoah." Auch Dayan hob zugleich die Einzigartigkeit des jüdischen Leids während der NS-Zeit hervor.

Bas verwies im AFP-Interview darauf, dass die Verfolgung sexueller Minderheiten mit dem Ende des Nationalsozialismus nicht vorüber war. Vor allem schwule Männer, aber auch lesbische Frauen und Transsexuelle mussten mit strafrechtlicher Verurteilung und gesellschaftlicher Ächtung rechnen. Auch dieses Unrecht soll laut Bas in der Gedenkstunde thematisiert werden.

"Wir ziehen in der Gedenkstunde eine Parallele zu dem sogenannten 'Schwulenparagrafen', der erst sehr spät aufgehoben wurde", sagte die Bundestagspräsidentin. "Bis es Entschädigungszahlungen gab, haben viele schon gar nicht mehr gelebt."

Bas wird die Gedenkstunde am Freitag mit einer Ansprache eröffnen. Die Gedenkrede wird die Holocaust-Überlebende Rozette Kats halten. Weiterer Redner ist Klaus Schirdewahn, der 1964 wegen sexueller Beziehungen zu einem anderen Mann verurteilt worden war. Der Schauspieler Jannik Schümann und die Schauspielerin Maren Kroymann werden Texte über zwei Opfer vortragen, deren Lebensgeschichten exemplarisch für die Verfolgung sexueller Minderheiten während des Nationalsozialismus sind.

Der 27. Januar wird in der Bundesrepublik seit 1996 als Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus begangen. Das Datum verweist auf die Befreiung der Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau durch Soldaten der Roten Armee im Jahr 1945.

Schuster betonte in dem AFP-Interview, das institutionalisierte Gedenken wie am Freitag im Bundestag sei "jetzt wieder besonders wichtig angesichts des wachsenden Antisemitismus in der Gesellschaft". Er finde das ritualisierte Gedenken "ganz und gar nicht schlecht", sagte Schuster: "Dieses geballte Eingehen auf dieses Thema gerade an festgesetzten Daten ist ganz wichtig. Das wird dann zum Beispiel auch genutzt, um im schulischen Bereich das Thema anzusprechen, und das ist mir das Allerwichtigste."

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