Barcelonas Patentrezept gegen Terrorangst


Die Spanier haben auf die Terrorattentate von Barcelona und Cambrils mit Größe, Menschlichkeit und sogar Humor reagiert. „Barcelona wird sich nicht beugen und bleibt stolz auf seine Vielfalt“, sagte die Bürgermeisterin Ada Colau am Tag nach den Terrorangriffen. Sie sprach damit aus, was in den Tagen nach dem Terror von vielen Anwohnern in den Straßen zu hören war. Die weltoffene Stadt am Meer verteidigt ihre Diversität an Kulturen, Religionen und Nationalitäten. Und zwar nicht nur mit Worten, sondern mit vielen bewegenden Momenten voll menschlicher Größe.

Am 17. August war um kurz vor 17 Uhr in der weltberühmten Fußgängerzone Las Ramblas ein Lieferwagen in die Menschenmenge gerast und hatte 14 Menschen getötet und mehr als 100 verletzt. Der Fahrer entkam im Chaos, erstach kurz darauf einen jungen Spanier und klaute dessen Auto. Nachts um ein Uhr töteten fünf Terroristen derselben Gruppe im Küstenort Cambrils eine Frau, das 16. Opfer, und verletzten sechs weitere Menschen bei dem Versuch, einer Polizeikontrolle zu entkommen. Fast alle Täter hatten marokkanische Wurzeln, ebenso wie die Angreifer der letzten islamistischen Attentate in Spanien, bei denen im März 2004  durch Bomben in Nahverkehrszügen in Madrid 191 Menschen starben.



In anderen Ländern hätte das womöglich zu einer Welle von Ausländerfeindlichkeit geführt, in Spanien war das bis auf ganz vereinzelte Ausnahmen Fehlanzeige. In den Fernseh-Sendungen kamen ausführlich Freunde der Terroristen und Mitglieder der Moschee zu Wort, in der ein Iman offenbar elf junge Männer aus einer kleinen Gemeinde in Katalonien radikalisiert hat. Bei kaum einem anderen Attentat der vergangenen Jahre in Europa gingen anschließend so viele Muslime auf die Straßen und protestierten gegen Gewalt.

Spanien hat in den Zeiten des Wirtschaftsbooms Millionen an Einwanderern aufgenommen – viele davon aus Marokko - ohne dass das je zu größeren  Konflikten geführt hätte. Das Land gehört zu den ganz wenigen Nationen in Europa, in denen es keine rechtsradikale Partei gibt. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass viele Spanier selbst in den sechziger Jahren als Gastarbeiter ausgewandert sind. Viele von ihnen verstehen deshalb, wie es ist, wenn man sich in einem unbekannten Land zurecht finden muss. Zwar sind auch in Spanien Einwanderer nicht genauso integriert wie Einheimische – Muslime etwa beklagen oft genug ihre Randstellung. Aber verglichen mit anderen Ländern ist die spanische Gesellschaft sehr offen.

Nach den Attentaten wogte eine Welle von Solidarität durch das Land – mit den Opfern und deren Familien, aber auch mit den Muslimen, die man keinesfalls unter Generalverdacht stellen wollte. So umarmte der Vater eines dreijährigen Jungen, der auf den Ramblas getötet wurde, eine Woche nach dem Anschlag bei dem Trauermarsch innig und lange einen Imam, dem dabei die Tränen rannen.

Ein muslimischer Taxifahrer in Barcelona wurde zur kleinen Berühmtheit, weil er in der Nacht der Anschläge Fahrgäste umsonst chauffierte – um zu zeigen, „dass wir nicht alle gleich sind“. Es sind solche Gesten – große wie kleine – von denen es viele gab in den Tagen nach den Anschlägen. Sie zeigen ein Land, das trotz Wirtschaftskrise, horrender Arbeitslosigkeit und niedriger Löhne mit sich selbst im Reinen ist und sich ein besonderes Maß an Menschlichkeit bewahrt hat. 



Selbst der Humor ist den Spaniern nicht abhandengekommen: Wenige Tage nach den Angriffen machte ein Droh-Video des IS die Runde, in dem ein Kämpfer im Militäranzug auf Spanisch weitere Anschläge ankündigt. Sein Bild mit dem drohend erhobenen Zeigefinger wurde zum Hit bei Twitter und in immer wieder neuen Versionen verspottet:  Ein Beitrag etwa lautete: „...und damit beende ich meine Drohung. Wenn Sie ihnen gefallen hat, geben sie mir bitte ein ‚like‘“. Ein anderer montierte das Foto des Terroristen in die Kulisse einer bekannten Partnersuche-Sendung mit der Selbstbeschreibung „fröhlich, aber nicht allzu sehr“.

Der Spott zeigt, was Hunderttausende in der Schweigeminute am Tag nach den Attentaten und bei dem Trauermarsch eine Woche später riefen: „Wir haben keine Angst!“ Auch wenn das womöglich mehr ein Wunsch als Realität ist, so ist es doch die einzig richtige Reaktion angesichts der Angriffe. Die haben genau das zum Ziel: Angst verbreiten und einen Kampf der Religionen befördern. Beides hat in Spanien nicht funktioniert.