Barcas harter Fall aus dem Fußballhimmel

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Barcas harter Fall aus dem Fußballhimmel
Barcas harter Fall aus dem Fußballhimmel
Barcas harter Fall aus dem Fußballhimmel

Als Fan des FC Barcelona ist man derzeit wahrlich nicht zu beneiden.

Natürlich ist in dieser Saison noch längst nicht alles verloren. In der Champions League ist das Weiterkommen trotz der beiden herben Niederlagen gegen den FC Bayern München und Benfica Lissabon noch möglich, auch in La Liga ist nach sieben Spieltagen der Rückstand noch aufzuholen. (DATEN: Ergebnisse von La Liga)

Dennoch ist nach dem ersten Saisonviertel klar: Die Katalanen sind zurzeit kein Spitzenklub. Die ersten beiden Härtetests in dieser Saison in der Königsklasse gingen klar verloren, am Samstagabend unterlag Barca zudem auch Meister Atlético Madrid mit 0:2.

Es ist vor allem die Art und Weise des Barca-Spiels, die für Anhänger des spanischen Traditionsklubs nur schwer zu ertragen sein dürfte. Komplett chancenlos war Barcelona weder gegen Benfica noch gegen Atlético. Und doch war vor allem im direkten Vergleich mit dem Ligakonkurrenten ein großer Unterschied sichtbar.

Atlético nimmt Barcelona spielerisch auseinander

Mit einfachsten spielerischen Mitteln schraubte das Team von Diego Simeone die hoffnungslos überforderte Barca-Defensive auseinander. Das 2:0 des in Barcelona ausgemusterten Luis Suárez passte thematisch ins Bild.

Die Magie, die den Mythos Barca über die vergangenen Jahre und Jahrzehnte passend zum Motto „Mehr als ein Klub“ umtrieb, sucht man aktuell vergeblich. Dieser FC Barcelona ist ein ganz normaler Fußballklub mit ganz normalen Problemen.

Spätestens seit dem schmerzhaften aber finanziell notwendigen Abgang von Lionel Messi ist der Zauber der vergangenen 15 Jahre verflogen. Messi, Andrés Iniesta, Xavi – sie prägten die vielleicht erfolgreichste und dominanteste Phase der Klubgeschichte. Prägten.

Auch Suárez war ein Teil dieser Geschichte, der Uruguayer spielte von 2014 bis 2020 im Trikot der Blaugrana, erzielte in 283 Pflichtspielen für Barca 195 Tore. Im vergangenen Sommer wurde er vom Hof gejagt und revanchierte sich nun auf seine eigene Art.

Barca-Legende: Rückkehr zur Normalität „hart und unbequem“

Andoni Zubizarreta hat diese erfolgreiche Phase hautnah miterlebt. Der 59-Jährige stand von 1986 bis 1994 im Tor der Katalanen, gewann 1992 den Europapokal der Landesmeister. Dazu war er von 2010 bis 2015 Sportdirektor, in dieser Zeit sprangen immerhin zwei Champions-League-Titel heraus.

Zubizarreta schrieb in seiner Kolumne für El Pais nach dem Benfica-Spiel seine Gedanken zur aktuellen Situation auf – und traf den Nagel damit möglicherweise auf den Kopf. „In der Halbzeitpause fragte ich mich, ob ein Teil der Enttäuschung, in der Barca und damit auch seine Fans stecken, nicht von all dem Glück herrührt, das es zuvor gab“, schrieb er.

Es sei „hart, unbequem, zu dieser Normalität zurückzukehren, nachdem wir so lange Zeit im Himmel gelebt haben, auch wenn es nur der Fußballhimmel war.“ Er ergänzte: „Ich habe darüber nachgedacht, wie viel von der enormen Frustration der aktuellen Culé (Barca-Fans, Anm. d. Red.) nicht von der Tatsache herrührt, dass wir jetzt so sind wie unsere Gegner vor fünf, sieben, zehn Jahren.“ Barca ein Klub wie alle anderen – dieser Gedanke dürfte die Fans besonders schmerzen.

In seiner Hochzeit hätte Barca aus der Hälfte der Chancen, die die Mannschaft gegen Benfica hatte, genug Tore gemacht, um das Ergebnis zu ihren Gunsten ausfallen zu lassen, erklärte Zubizarreta. Das habe der Mannschaft genug Selbstvertrauen gegeben. Das Spiel gegen die Portugiesen sei „interessant, aber zu naiv“ gewesen.

Liga zwingt Barcelona zum Sparen

Der schleichende Niedergang der einstigen Großmacht ist ein Prozess, der bereits mit dem Abschied von Xavi und Iniesta begonnen hat. In den vergangenen Jahren versuchten die Barca-Verantwortlichen mit überteuerten Transfers wie Antoine Griezmann oder Philippe Coutinho diesen aufzuhalten – und ritten den Klub immer tiefer in die finanzielle Misere, die schlussendlich zum Abschied von „La Pulga“ führte.

Wie eng Barcelona den Gürtel schnallen muss, verdeutlichen folgende Zahlen: Wie nun bekannt wurde, dürfen die Katalanen in dieser Saison nur noch 98 Millionen Euro an Spielergehältern auszahlen - 284 Millionen weniger als noch in der vergangenen Saison.

Zum Vergleich: Konkurrent Real Madrid darf in dieser Saison seinen Spielern 737 Millionen zahlen. In Spanien setzt die Liga für jedes Team eine Gehaltsobergrenze abhängig von der jeweiligen finanziellen Situation fest. Barca ist mit 1,3 Milliarden Euro hochverschuldet.

Das Team steckt mitten Umbruch. Das betonte auch Trainer Ronald Koeman in seiner bizarren Pressekonferenz vor einigen Wochen, bei der er seinen Monolog von einem Zettel ablas. „Die finanzielle Situation des Vereins ist schwierig, was bedeutet, dass wir den Kader umbauen müssen, ohne große Investitionen tätigen zu können. Fußball braucht Zeit, junge Spieler können in zwei Jahren groß werden“, erklärte der Niederländer und zog eine Parallele, die den Fans Hoffnung machen soll: „Das Gute daran ist, dass junge Spieler Chancen bekommen können, wie sie Xavi und Iniesta zu ihrer Zeit hatten.“

Wie lange hält Laporta zu Koeman?

Spieler wie Pedri und der wiedergenesene Ansu Fati sollen den Klub in den kommenden Jahren prägen, auch andere La-Masia-Talente wie Gavi oder Nico González werden immer mal wieder hineingeworfen.

Der aktuelle Weg der Katalanen ist alternativlos. Dennoch ist eines unklar: Wie leistungsfähig ist dieses neue Barca überhaupt schon? Schließlich stehen neben den Nachwuchstalenten auch gestandene Spieler wie Coutinho oder der (wieder einmal) verletzte Ousmane Dembélé im Kader. Ein Neuzugang fehlt mit Sergio Agüero noch verletzt, Memphis Depay ließ sein Potenzial bereits aufblitzen.

Die Frage ist auch: Wie lange halten die Klubbosse noch zu Koeman? Der in der Kritik stehende Ex-Bondscoach genießt „ein gewisses Maß an Vertrauen“, betonte Präsident Joan Laporta vor dem Spiel gegen Atlético. Er erklärte auch, dass Koeman unabhängig vom Ergebnis gegen die Rojiblancos weiter Trainer bleiben werde. Spanische Medien berichten dagegen seit Tagen, dass die Ablösung des Niederländers beschlossene Sache sei. (DATEN: Tabelle von La Liga)

Koeman selbst ist auf jeden Fall weiter von der Qualität seiner Mannschaft überzeugt. „Wenn die verletzten Spieler zurückkommen, werden wir uns verbessern“, versprühte er nach der Niederlage gegen Atlético Optimismus.

Der Weg von den glorreichen Zeiten zurück zur Normalität war für die Fans äußerst schmerzhaft. Der Weg zurück wird dauern. Das dürfte inzwischen auch dem letzten Anhänger der Katalanen klar sein.

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