Banken droht der Infarkt


Kaum ein Außenstehender bekommt sie jemals zu Gesicht. Doch in atombombensicheren Rechenzentren entscheidet sich womöglich die Zukunft der Bankenbranche. Denn die oft jahrzehntealte Software vieler Institute kommt angesichts der fortschreitenden Digitalisierung an ihre Grenzen. „Wenn es die Banken nicht schaffen, die Fesseln einer veralteten Informatik zu lösen, werden sie durch agilere Anbieter ersetzt“, warnt Finanzrechtsexperte Hans Kuhn von der Universität Luzern. Viel Zeit bleibt nicht mehr, sagt ein Berater: „Die Banken haben noch drei bis fünf Jahre zum Handeln.“

Die Informationstechnik (IT) ist Analysten zufolge mit einem Anteil von 15 bis 25 Prozent der zweitgrößte Kostenblock der meisten Geldhäuser. Bei Großbanken geht das in die Milliarden. Bis zu 80 Prozent der IT-Kosten geben die Institute aber für den Unterhalt der bestehenden Technologie aus, schätzt Ben Robinson von der Bankensoftwarefirma Temenos. Damit bleibt oft zu wenig Geld für neue Angebote. Die IT-Budgets dürften in Zukunft deshalb eher noch aufgestockt werden. Temenos geht davon aus, dass viele Institute sich das Geld auf anderen Wegen zurückholen – etwa indem sie noch mehr Filialen schließen und Stellen abbauen. Sparprogramme laufen überall.

Viele Häuser sind für die Umwälzungen schlecht gerüstet. Hinzu kommt, dass einer Studie der Unternehmensberatung PwC zufolge sich immer mehr Deutsche für Alternativen zur Hausbank öffnen. Schon jetzt nutze jeder vierte Bundesbürger zwischen 18 und 39 Jahren Finanz-Apps, die nicht von der eigenen Bank kommen. Im Zuge der neuen sogenannten PSD2-Richtlinie, die Drittanbietern wie Fintechs – sofern der Kunde zustimmt – den Zugriffs aufs Konto ermöglicht, könnte sich diese Entwicklung noch beschleunigen.


„Für die Banken hat ein Wettlauf gegen die Zeit begonnen“, sagt PwC-Experte Peter Kleinschmidt. Die exklusive Hoheit über die Girokonten ihrer Kunden war bisher der große Wettbewerbsvorteil der Geldhäuser – ungeachtet ihrer teilweise veralteten IT. Fintechs, die neuen Konkurrenten der traditionellen Geldhäuser, versuchen genau in diese Lücke zu stoßen. Laut der PwC-Umfrage nutzt die große Mehrheit der Kunden die „fremden“ Finanz-Apps nicht etwa für Nischenservices wie zum Beispiel das sogenannte „Social Trading“ – sondern für Kerndienstleistungen des traditionellen Bankgeschäfts.

Von den Befragten, die grundsätzlich Apps von Drittanbietern verwenden, haben 63 Prozent ein Tool, mit dem sie unterwegs ihren Kontostand abrufen können. 50 Prozent tätigen Überweisungen, und immerhin 29 Prozent nutzen eine App, die es ermöglicht, mit dem Smartphone an der Kasse zu bezahlen. „PSD2 könnte damit zu einem Wendepunkt werden, was die Art und Weise angeht, wie die Menschen ihre persönlichen Finanzgeschäfte abwickeln – von der einfachen Überweisung über die Verwaltung des Wertpapierdepots bis hin zu Zahlungsdienstleistungen“, sagt Kleinschmidt.


„Große Finanzinstitute sind wie Museen der Technologie“, sagte einst der frühere Barclays-Boss Antony Jenkins. Das Rückgrat der Informationstechnik, das Kernbankensystem, das Konten verwaltet und Transaktionen abwickelt, stammt in vielen Fällen ursprünglich aus der Vor-Internet-Zeit, als Bankgeschäfte noch in Filialen gemacht wurden. Diese Software wurde im Laufe der Jahre nachgerüstet und mit immer mehr Anwendungen gekoppelt. Ältere Systeme haben inzwischen Hunderte von Verbindungen zwischen den einzelnen Komponenten. „Das kann man sich wie einen Topf voller Spaghetti vorstellen“, erklärt Martin Janssen, Chef der Softwarefirma Ecofin. „Ein solcher Aufbau der Informatik wird längerfristig nicht überleben.“

Denn die Systeme müssen immer mehr leisten. Einer Schätzung der Analysefirma IDC zufolge dürfte sich die Zahl der elektronischen Interaktionen zwischen einem Kunden und seiner Bank von 1,8 mal pro Monat 2004 auf über 50 mal im Jahr 2020 vervielfachen. Mit Smartphones als ständige Begleiter handeln die Kunden inzwischen unterwegs an der Börse oder bezahlen in Geschäften. Gleichzeitig erwarten sie eine Echtzeitverarbeitung. Das können viele Systeme nicht leisten, weil wichtige Schritte in dem Prozess hinter der elektronischen Fassade immer noch von Hand gemacht werden.



„Eine Operation am offenen Herzen“


Vielen Banken ist klar, dass sie kurzfristig massiv investieren müssen, um die Geschwindigkeit und die Leistungsfähigkeit der IT zu erhöhen. Am schnellsten haben Banken aus Skandinavien, angelsächsischen Ländern, Südostasien und Australien reagiert. „Die deutschen Institute liegen eher im Mittelfeld oder noch weiter zurück“, erklärt Klaus-Georg Meyer vom Technologie-Berater Capgemini.

Die Deutsche Bank arbeitet intensiv daran, ihre IT zu modernisieren. Vorstandschef John Cryan hatte die Computersysteme des größten deutschen Geldhauses kurz nach seinem Amtsantritt 2015 überaus deutlich als veraltet und „lausig“ kritisiert. Inzwischen haben die Frankfurter fast ein Drittel der damals 45 internen Betriebssysteme abgeschaltet und betreiben konzernweit noch 32. Der Umstieg auf professionellere, SAP-basierte Systeme macht Fortschritte.

Die skandinavische Bank Nordea ist dabei, ihr altes Kernbankensystem durch ein Produkt von der Stange von Temenos zu ersetzen. Für andere Großbanken ist eine komplette Ablösung keine Alternative, denn Experten schätzen die Kosten für den Prozess, der bis zu sieben Jahre dauern kann, auf mehr als eine Milliarde Euro. „Das Kernbankensystem ist das digitale Herz einer Bank“, sagt Christian Appel vom Hamburger Softwareberater PPI. „Wenn man das wechseln möchte, ist das eine Operation am offenen Herzen.“


Die Credit Suisse hat sich entschieden, einzelne Komponenten fortlaufend auszutauschen. „Denn ein Produkt, das heute führend ist, kann in ein paar Jahren schon wieder verschwunden sein“, erklärt IT-Chef Claude Honegger. Um zu sparen, lotet die Schweizer Großbank Partnerschaften mit anderen Instituten aus.

Schaffen die Banken keine grundlegende Modernisierung, könnten ihnen die Kunden davonlaufen, warnt McKinsey. Gefahr droht dem Strategieberater zufolge aber weniger von Fintech-Firmen als von Internetgiganten wie Amazon, die immer neue Märkte aufrollen. In diese Kategorie gehören auch chinesische Konzerne, die bereits ins Finanzgeschäft vorgestoßen sind. „Technologie-Riesen wie Alibaba und Tencent könnten sich in gewisser Weise als Banken der Zukunft positionieren“, sagt UBS-Manager Dirk Klee. „Gemessen an der Reichweite ihrer Plattformen sind sie größer als alle Banken zusammen.“