Warum Bankberater jetzt ihre Tattoos zeigen dürfen


Dynamisch und locker statt steif und traditionell: Nicht immer, aber immer öfter verzichten Unternehmenschefs auf eine Krawatte. Das gilt selbst für Topbanker: Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Christian Sewing, lässt den Binder schon einmal weg, genauso Jamie Dimon, der Chef des Wall-Street-Riesen JP Morgan.

Es ist nur ein Detail – aber eines, das zeigt, wie sehr sich die Finanzbranche verändert. Einst sollte der ehrbare Bankkaufmann, sauber gescheitelt und natürlich mit Krawatte, vor allem höchste Seriosität ausstrahlen. Heute wollen Banken auch Tech-Konzerne sein, mit Topmanagern, die agil und ähnlich dynamisch wirken wie die Vorbilder aus dem Silicon Valley. Eine Krawatte stört da nur.

Kein Wunder also, dass sich nicht nur Großbanken, sondern auch Sparkassen und Volksbanken zusehends von der Krawattenpflicht verabschieden und ihren Mitarbeitern mehr Freiheiten bei der Kleiderwahl zugestehen. Einzige Bedingung: Es muss auch den Kunden gefallen. Die Frankfurter Sparkasse, eine der größten Sparkassen in Deutschland, will deshalb demnächst ihre Kunden zur Krawattenfrage urteilen lassen.

Hamburger Pionier

Das Ziel der Frankfurter wie aller Banken ohne Krawattenzwang: Sie wollen Kundennähe demonstrieren und modern wirken. Nicht nur, um Kunden, sondern auch, um junge Mitarbeiter und Auszubildende zu gewinnen. Denn Banken konkurrieren nicht nur untereinander, sondern auch mit Finanz-Start-ups um Talente. Und bei vielen jungen Firmen können sich Mitarbeiter so kleiden, wie sie wollen und sich wohlfühlen, gerade wenn sie keinen Kundenkontakt haben. Jeans, T-Shirt und Kapuzenpulli sind also erlaubt.


Als Pionier unter den Sparkassen gilt die Hamburger Sparkasse (Haspa). Ihre fast 5.300 Mitarbeiter dürfen sich seit zwei Jahren etwas legerer kleiden: „Haspa Business Casual“ nennt die zweitgrößte deutsche Sparkasse ihren Stil. Das heißt zum Beispiel für Männer: dunkles Sakko über hellem Hemd, dazu eine Stoffhose und an den Füßen Schnürschuhe. Haspa-Mitarbeiterinnen können Stiefeletten oder Pumps zur Bluejeans und einen Blazer über dem schlichten Oberteil tragen.

Für die Haspa geht es um das große Ganze – und um ihr Image: „Mit dem Business Casual nutzen wir die Chance, ein neues Erscheinungsbild zu zeichnen und an unserer Unternehmensphilosophie des menschlichen Bankings neu auszurichten“, erklärt das Geldhaus.

Weitere der insgesamt 385 Sparkassen sind gefolgt. Die Sparkasse Fulda stellt es ihren Mitarbeitern seit September 2016 frei, „Krawatte und Anzug auch mal im Schrank zu lassen“. Dies gilt inzwischen auch für die Sparkasse Mainfranken Würzburg, die Kreissparkasse Saarlouis, die Sparkasse Mainz und die Sparkasse Neuss. „Ein betont formeller Kleidungsstil wird immer häufiger als antiquiert, distanziert und abgrenzend empfunden“, erklärt die Sparkasse Neuss. „Ziel ist es, dass uns unsere Kundinnen und Kunden als kompetent und sympathisch wahrnehmen.“

Die Sparkasse Bodensee wiederum will durch den neuen Dresscode auch attraktiver für junge Mitarbeiter werden. Sie erwähnt in ihren Stellenanzeigen explizit, dass der traditionelle Anzug nicht jeden Tag notwendig sei.

Noch einen Schritt weiter geht die Sparkasse Hochschwarzwald: Ihre Mitarbeiter dürfen auch kleine Tattoos „ohne politischen oder religiösen Hintergrund“ zeigen. „Sie müssen aber auch für das Gegenüber noch ästhetisch wirken“, sagt ein Sprecher der Sparkasse.


Was das allerdings heißt, ist schwierig zu bewerten. Denn schon was unter „Business Casual“ und „Smart Casual“ fällt, ist unter Stilexperten umstritten. Fest steht für Imageberaterin und Coach Christiane Dierks nur: „Kleidung am Arbeitsplatz muss generell ausstrahlen: ,Ich bin hier, um aktiv zum Unternehmenserfolg beizutragen.‘ Zu legere Kleidung wirkt gegenteilig“, warnt sie. Außerdem reiche es nicht, „die Krawatte wegzulassen, um ein wenig lässiger rüberzukommen. Das sieht nur aus, als ob da was fehlt“, erklärt Dierks.

Wer Stilvorgaben verändern will, sollte daher Orientierung geben – wie etwa die Kreissparkasse Göppingen. Sie hat für ihre Mitarbeiter den „Kleinen Stilberater“ parat. Kollegen standen Modell und ließen sich für die interne Broschüre ablichten. Sie erklärt, was geht und welcher Dress am Arbeitsplatz ein Tabu bleibt: kurze Hosen, T-Shirts mit Aufdruck, Flip-Flops und sehr kurze Röcke.