Warum Bangladesch trotz Coronakrise ein Wirtschaftswunder erlebt

Peer, Mathias
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Früher galt es als Asiens Armenhaus, jetzt wächst die Wirtschaft nirgendwo in Asien so stark wie in Bangladesch. Für deutsche Unternehmen gibt es neue Chancen.

Die Textilindustrie macht einen Großteil der Wirtschaftsleistung aus. Foto: dpa
Die Textilindustrie macht einen Großteil der Wirtschaftsleistung aus. (Foto: dpa)

Noch vor einem Jahrzehnt war es für Thomas Hoffmann schwer, in Bangladesch überhaupt einen Käufer für seine Strickmaschinen zu finden. Arbeitskräfte waren damals so billig, dass sich die Anschaffung für kaum eine Fabrik gelohnt habe, erinnert sich der Manager, der die lokale Niederlassung des baden-württembergischen Maschinenbauers Stoll in Dhaka leitet.

Doch die Geschäftslage hat sich gründlich geändert: Vor zwei Jahren wurde Bangladesch, gemessen an der verkauften Stückzahl, zum weltweit wichtigsten Absatzmarkt für das Unternehmen, das seine Maschinen in mehr als 70 Länder liefert. Hoffmann sieht weiterhin großes Potenzial: „Ich bin mir sicher, dass der Markt hier auch in den kommenden Jahren noch weiter wachsen wird“, sagt er.

Die Erfahrungen des deutschen Managers stehen im Widerspruch zu dem Bild von Bangladesch, das sich im Westen festgesetzt hat: Extreme Armut, Niedriglöhne und Naturkatastrophen haben lange Zeit die internationale Wahrnehmung des südasiatischen Staats geprägt.

Doch der Ruf als Asiens Armenhaus ist nicht mehr länger zutreffend: Bangladesch hat sich in den vergangenen Jahren zum Boom-Staat entwickelt. Auch in der Coronakrise wächst die Wirtschaft des Landes deutlich stärker als in anderen Teilen der Region. Für den Aufschwung sind die guten Geschäfte mit Deutschland mitverantwortlich. Nun wirbt die Regierung in Bangladesch gezielt um deutsche Investoren.

Höheres Pro-Kopf-Einkommen als Indien

Mit seiner jüngsten wirtschaftlichen Entwicklung präsentiert sich das 165-Millionen-Einwohner-Land vor internationalen Unternehmern als Klassenbester: Der Internationale Währungsfonds(IWF) rechnet für das Krisenjahr 2020 mit einem Wirtschaftswachstum von 3,8 Prozent in Bangladesch – der mit Abstand höchste Wert in ganz Asien.

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Zuvor hatte die Wirtschaftsleistung des Landes seit 2011 jedes Jahr um mehr als sechs Prozent zugelegt. 2019 waren es sogar mehr als acht Prozent. Dies führt dazu, dass die Vereinten Nationen im Februar empfehlen werden, Bangladesch von der Liste der am wenigsten entwickelten Länder zu streichen.

Auf dem indischen Subkontinent sorgt die Entwicklung für großes Aufsehen: Laut Daten des IWF überholte Bangladesch 2020 Indien beim Pro-Kopf-Einkommen. „Wenn ein Schwellenland sich positiv entwickelt, sind das natürlich gute Nachrichten“, kommentierte der aus Indien stammende frühere Chefökonom der Weltbank, Kaushik Basu. „Aber es ist schockierend, dass Indien, das vor fünf Jahren noch einen 25-prozentigen Vorsprung hatte, jetzt zurückliegt.“

Bangladesch ist nach China der größte Modehersteller der Welt. Foto: dpa
Bangladesch ist nach China der größte Modehersteller der Welt. Foto: dpa

Die Gründe für Bangladeschs erfolgreiche Aufholjagd sind vielfältig: Das Land profitiert von rund zehn Millionen Arbeitern im Ausland, die nach Schätzungen der Weltbank zuletzt insgesamt rund 20 Milliarden Dollar zurück in die Heimat schickten. Das entspricht fast sieben Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung.

Zudem gelten Investitionen in das Sozial- und Bildungssystem als wesentliche Faktoren für den wirtschaftlichen Aufstieg. Doch eine zentrale Rolle spielte auch eine vielfach gescholtene Branche: Bangladeschs Textilindustrie.

Bangladesch ist nach China der größte Modehersteller der Welt. Die Branche beschäftigte zuletzt rund vier Millionen – vorwiegend weibliche – Mitarbeiter und stand für mehr als 80 Prozent von Bangladeschs Exporten. Mit einem Anteil von mehr als 13 Prozent ist Deutschland der Hauptabnehmer – noch vor den USA.

Die Lieferungen gehen an Unternehmen wie Kik, Aldi, Lidl und Tchibo. Die Firmen stehen wegen schlechter Arbeitsverhältnisse bei ihren Lieferanten seit Jahren in der Kritik. Der Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza mit mehr als 1100 Toten im Jahr 2013 markierte einen Tiefpunkt.

2013 stürzte die Textilfabrik Rana Plaza zusammen. 1100 Menschen starben bei dem Unglück. Foto: dpa
2013 stürzte die Textilfabrik Rana Plaza zusammen. 1100 Menschen starben bei dem Unglück. (Foto: dpa)

Modeindustrie in Bangladesch: mehr Sicherheit

Der Druck europäischer Markenartikler auf die Fabrikbesitzer hat seitdem jedoch positive Veränderungen gebracht. „Ich glaube, seit 2013 sind große Fortschritte erzielt worden“, urteilte Dan Rees, der das „Better Work“-Programm der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) leitet.

Verbesserungsbedarf gebe es zwar immer noch. „Die Modeindustrie des Landes ist jetzt ein sicherer Ort, als er es früher war.“ Die Coronakrise führte in den vergangenen Monaten aber zum Verlust von Zehntausenden Arbeitsplätzen in der Branche: Die Hersteller leiden darunter, dass Kunden in Europa und Amerika während Lockdowns kaum neue Kleidung kaufen.

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Im April 2020 waren die Textilexporte des Landes um mehr als 80, im Mai um mehr 60 Prozent gesunken. Die zweite Coronavirus-Welle in Europa bescherte den Fabriken einen weiteren Auftragseinbruch.

Auch Stoll-Manager Hoffmann bekommt das zu spüren: „Seit April konnten wir so gut wie keine Maschinen verkaufen.“ Er zeigt sich mit Blick auf 2021 aber optimistisch: Nach einer monatelangen Durststrecke hätten Kunden nun bereits wieder Interesse an neuen Maschinen angemeldet.

„Wenn auch nur die Hälfte dieser Geschäfte realisiert wird, bin ich schon zufrieden“, sagt Hoffmann. Der wirtschaftliche Aufschwung im Land sei auch im schwierigen Corona-Jahr noch spürbar: „In Dhaka gibt es keine Ecke, an der nicht gerade gebaut wird“, sagt er. „Die Straßen werden von Jahr zu Jahr voller mit den Autos der wachsenden Mittelschicht.“

Ein großer Teil der Fahrzeuge wird importiert. Mit dem Ziel, das Geschäftsmodell ihres Landes zu diversifizieren, versucht die Regierung von Premierministerin Sheikh Hasina schon seit Längerem, Werke ausländischer Automobilhersteller anzulocken – und verhandelt darüber auch mit deutschen Unternehmen.

Der wirtschaftspolitische Berater der Regierungschefin, Salman F. Rahman, sagte Anfang Dezember, er habe mit Volkswagen über die Eröffnung einer Elektroauto-Fabrik in Bangladesch gesprochen. Um ein solches Prestigeprojekt zu gewinnen, würde sich die Regierung offenbar großzügig zeigen wollen, wie Rahman betonte: Das Land für die Fabrik bekäme Volkswagen umsonst.

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