Bürki: "Dann geht das ganze System nicht mehr auf“

Christoph Küppers
Roman Bürki spielt seit 2015 für Borussia Dortmund

Etwas verspätet erscheint Roman Bürki zum Interviewtermin. Das geheime Training hat ein bisschen länger gedauert, zuvor gab es bereits eine Videoanalyse des kommenden Gegners.

Am Freitag (ab 20.30 Uhr im LIVETICKER) tritt Bürki mit Borussia Dortmund beim VfB Stuttgart an.

Es geht um die Wende für das Team von Trainer Peter Bosz. Denn nach starkem Saisonbeginn ist die Borussia ins Tief gestürzt.

Das gilt auch für Bürki, dessen Vertrag zuletzt trotzdem verlängert wurde.

Im SPORT1-Interview spricht Bürki über die Krise, seine Kritiker, die WM-Qualifikation - und über eine große Respektperson.

SPORT1: Roman Bürki, herzlichen Glückwunsch nachträglich zu Ihrem gestrigen Geburtstag. Wie haben Sie gefeiert?

Roman Bürki: Ganz ruhig. Ich bin am Montag spät von der Nationalmannschaft zurückgekommen und habe mich dann gestern Vormittag im Trainingszentrum pflegen lassen und noch etwas für mich gemacht. Dann habe ich einen Kumpel aus der Schweiz getroffen, der mich überrascht hat. Es war ein schöner, aber auch ruhiger Tag.

SPORT1: Grund zum Feiern gab es ja schon vorher genug. Die Schweiz hat sich für die WM-Endrunde in Russland im kommenden Jahr qualifiziert. Ihr Land galt auch zuletzt bei Turnieren immer wieder als Geheimfavorit, konnte dieser Rolle aber nie gerecht werden. Was ist in Russland drin?

Bürki: Wenn wir die Qualifikation anschauen, dann haben wir nur gegen den amtierenden Europameister verloren – und auch nur auswärts. Die Qualifikation gegen Nordirland zu schaffen, war eine Pflichtaufgabe. Dennoch sind wir jetzt überglücklich, dass wir dabei sind. Ich denke, wir sind eine Turniermannschaft, die erst richtig aufblüht, wenn sie in einem Camp lange zusammen ist und man das Feeling vor einer WM spürt.

SPORT1: Welche Rolle sehen Sie dabei denn für sich vor? Bei den beiden letzten Turnieren mussten Sie Gladbachs Yann Sommer den Vorzug lassen...

Bürki: Ich bekomme von ganz vielen Leuten Zuspruch und weiß selbst, was ich kann und dass nicht viel fehlt. Yann macht das trotzdem sehr gut. Im Moment gibt es keinen Anlass, etwas zu wechseln. Ich nehme es so wie es kommt und fahre auch als zweiter Torwart zur WM. Denn sollte sich mein Status nicht ändern, zählt nur noch das Team und die gute Stimmung. Bei einem Turnier sollten sich alle gegenseitig unterstützen.


SPORT1: Was denken Sie eigentlich wenn Sie am Montag den Abschied eines großen Torwart-Kollegen wie Gianluigi Buffon verfolgt haben?

Bürki: In so einem Spiel seine internationale Karriere beenden zu müssen, ist natürlich schon traurig. Wenn man sieht, was er alles erreicht hat, was ein großer Sportsmann er ist. Das zeigt sich doch schon daran, dass er selbst nach diesem Spiel sofort zu den Schweden geht und sie beglückwünscht. Er hat einen Riesencharakter.

SPORT1: Klingt nach einer Menge Respekt vor Buffon...

Bürki: Definitiv. Er ist ja schon mit 17 Jahren zu Juventus gewechselt, ist immer beim Klub geblieben trotz diverser Angebote und hat ja auch den Zwangsabstieg mitgemacht. Das verdient sehr großen Respekt. Ich durfte ja auch schon mal in einem Freundschaftsspiel gegen ihn spielen. Das Trikot von damals werde ich mir definitiv einrahmen. Es wird einen sehr speziellen Ort in meiner Wohnung bekommen.

SPORT1: Zurück zu Ihnen. Bei der Schweiz durften Sie zuletzt feiern - hier in Dortmund eher weniger. Hand aufs Herz: Was läuft momentan schief?

Bürki: Bei unserer Idee Fußball zu spielen, muss alles klappen – nur dann funktioniert sie. Im Moment ist es aber so, dass wir häufig noch einmal zurückschauen auf den Spieler hinter uns – ob er seine Position hat. Wenn wir das tun, sind wir aber schon zwei Sekunden zu spät und laufen hinterher. Leider gilt das dann für das ganze System, das eben nicht mehr aufgeht. Wir Verteidiger leiden darunter ein bisschen, weil wir trotzdem nachrücken müssen, auch wenn wir zu spät sind. Sonst reißt das ein Riesenloch in unsere Mannschaft. So erkläre ich mir dann auch unsere Schwierigkeiten bei langen Bällen. Für uns fängt es deshalb ganz vorne an, wie wir verteidigen. Wir müssen wieder zum hundertprozentigen Vertrauen zurückfinden wie noch am Anfang der Saison.

SPORT1: Ihren Aussagen ist zu entnehmen, dass Sie aber nicht die Systemfrage stellen. Peter Bosz überfordert die verunsicherte Mannschaft also nicht mit seinen Vorstellungen?

Bürki: Nein, überhaupt nicht. Das sieht im Team auch niemand so. Wir wissen, dass wir dieses System spielen können. Uns fehlt aber im Moment eben das letzte bisschen Vertrauen, dass diese Idee aufgeht, wenn wir sie perfekt spielen. Es muss wieder bei jeder Aktion das oberste Ziel sein, nach vorne zu gehen, den Ball zu erobern und den Gegner zu Fehlern zu zwingen.

SPORT1: Sie wurden nach Fehlern in den vergangenen Wochen zum Teil selbst heftig kritisiert. Beschäftigen Sie solche Berichterstattungen denn gar nicht?

Bürki: Ich lese gar keine Zeitung, schaue in meiner Freizeit auch nicht oft Fernsehen oder ähnliches. Die Leute, die da sitzen, sind für mich keine Experten, sondern Menschen, die mal gut Fußball gespielt haben oder das auch nur meinen. Wenn mich ein aktueller oder ehemaliger Torwart bewertet, dann höre ich hin. Denn dann weiß diese Person, von was sie spricht. Sonst kann ich das Ganze nicht wirklich Ernst nehmen.


SPORT1: Aber es gab doch sicherlich auch Spiele, bei denen Sie sich selbst eine Mitschuld geben...

Bürki: So war das auch nicht gemeint: Ich möchte mich ganz und gar nicht aus der Kritik rausziehen. Im Gegenteil: Gerade das Tor gegen Nikosia oder die Entstehung eines Elfmeters, das sind ganz klar meine Fehler und meine Mitschuld. Da möchte ich mich nicht ausnehmen.

SPORT1: Sie haben Ihren Vertrag verlängert. Trotzdem werden weiterhin Keeper wie Trapp oder Onana von Ajax Amsterdam gehandelt. Tangieren Sie derartige Gerüchte?

Bürki: Nein. Wenn die wichtigen Leute, die hier beim BVB das Sagen haben und auf die ich auch höre, was verändern wollten, dann würden sie zu mir kommen und Klartext reden. Das ist aber nicht der Fall, also brauche ich mich nicht verunsichern zu lassen, nur weil irgendjemand ein Gerücht streut.

SPORT1: Viele Beobachter werfen dem Team ein Mentalitätsproblem vor. Fehlen beim BVB momentan Anführer, richtige Drecksäcke?

Bürki: Es kann sein, dass es in der jetzigen Situation so rüberkommt, dass einige Fans gerne mal einen Spieler hätten, der ein Zeichen setzt und der einen Gegner mal – nicht böse gemeint – über die Linie grätscht, um die Mannschaft wach zu rütteln. Ich verstehe, dass das von außen vielleicht so rüberkommt. Das ist aber ein schmaler Grat, wenn man nur aus Frust so ein Zeichen fordert und sich ein Spieler plötzlich eine rote Karte einhandelt. Das bringt auch nichts.

SPORT1: Stuttgart, Champions-League gegen Tottenham, Derby gegen Schalke: Ist die kommende Woche mit einem derartigen Programm nicht eigentlich prädestiniert, um den Turnaround zu schaffen?

Bürki: Gegen Stuttgart müssen wir jetzt erst einmal gewinnen – das ist ganz klar und würde dem Team dann auch mehr Selbstvertrauen geben. Die Champions League danach ist wieder ein ganz eigener und neuer Wettbewerb. Und auch das Derby ist für mich eine andere Sache. Die Fans haben schon vor der Länderspielpause über den Derbysieg gesungen. In diesem Spiel ist die Tabellenposition eigentlich egal. Da gilt: Reinhauen und gewinnen.