Böses Erwachen im Autoparadies


Am Rand von Bratislava steht der ganze industrielle Stolz der Slowakei: das Werk von Volkswagen. Es ist eine kleine Stadt innerhalb der Hauptstadt und Symbol des Autolandes Slowakei. Doch der Haussegen beim größten Arbeitgeber des osteuropäischen Landes hängt schief. Denn die Beschäftigten haben dort zum ersten Mal in der Geschichte von Volkswagen in der Slowakei die Arbeit niedergelegt.

Der Ausstand in Bratislava soll nach Gewerkschaftsangaben bis zum 3. Juli dauern. Dann beginnen die Werksferien. Am Mittwochnachmittag fanden Gespräche zwischen Management und Arbeitnehmervertretern statt. Der slowakische Premier Robert Fico sagte zu Beginn: „Ich begrüße eine schnelle Einigung.“


Die VW-Beschäftigten in Bratislava fordern deutlich höhere Löhne. Sie verlangen eine Gehaltssteigerung von 16 Prozent. Volkswagen bot zuletzt 8,9 Prozent innerhalb eines Jahres und eine Einmalzahlung von 350 Euro sowie Boni.

Lange galt die Slowakei als Autoparadies. Niedrige Löhne, niedrige Steuern und eine Industriepolitik unter Regierungschef Robert Fico, die den Autokonzernen ihre Wünsche von den Lippen ablas. Doch der Standort entwickelt sich zum Albtraum für den Wolfsburger Autoriesen. Ausgerechnet der ansonsten so autofreundliche Premier stellt sich hinter den Arbeitskampf.

„Warum sollte ein Unternehmen, das die hochwertigsten und luxuriösesten Autos mit einer hohen Arbeitsproduktivität baut, seinen slowakischen Arbeitern die Hälfte oder ein Drittel dessen zahlen, was es den gleichen Mitarbeitern in Westeuropa zahlt?“, fragt der Linkspopulist und spricht damit offenbar vielen seiner Landsleute aus dem Herzen. Bratislava liegt mit dem Auto nur eine dreiviertel Stunde von Wien, wo Mitarbeiter für die gleiche Tätigkeit das Doppelte oder Dreifache erhalten. Das ist auch einer der Gründe, weshalb sich nach Gewerkschaftsangaben mehr als zwei Drittel der Beschäftigten an dem Ausstand beteiligt haben.


Der Präsident des slowakischen Automobilverbandes (ZAP), Juraj Sinay, sorgt sich unterdessen um den Automobil- und Wirtschaftsstandort. „Die Slowakei galt bislang als stabiler Wirtschaftsstandort. Mit dem Streik werden die Unternehmen künftig sorgfältiger überlegen, ob sie weiter in die Slowakei investieren“, sagte Sinay dem Handelsblatt. In dem osteuropäischen Land hängen über 60.000 Arbeitsplätze direkt und indirekt an der Autoindustrie.

VW ist traditionell in der Slowakei ein begehrter Arbeitgeber. Denn die Wolfsburger zahlen weit über dem Durchschnitt. Mit einem Monatslohn von durchschnittlich 1804 Euro verdienten die VW-Mitarbeiter rund doppelt so viel wie ihre Kollegen in anderen Betrieben. Im ersten Quartal dieses Jahres lag der Durchschnittslohn nach Angaben der Statistikbehörde bei 897 Euro.


Fachkräfte sind längst Mangelware


Doch die Gewerkschaft sieht sich in einer starken Position. Denn längst sind im Autoland Slowakei motivierte Fachkräfte zur Mangelware geworden. Das gilt insbesondere im boomenden Westen des Landes mit dem Zentrum Bratislava. Derzeit wirbt der amerikanische Internethändler Amazon rund tausend Mitarbeiter für ein Logistikzentrum in der Nähe der Hauptstadt an.

„Der Druck auf die Arbeitgeber wächst. Die Forderungen nach höheren Löhnen werden lauter“, sagte Norbert Halt, Vize-Geschäftsführer der Deutsch-Slowakischen Industrie- und Handelskammer in Bratislava. Nach einer Konjunkturumfrage der Organisation werden die Arbeitskosten in diesem Jahr um 6,8 Prozent steigen. Wenn sich diese Entwicklung über die nächsten Jahre fortsetzen sollte, droht der Standort seine Attraktivität zu verlieren.


Ähnlich wie das Nachbarland Tschechien verzeichnet die Slowakei ein hohes Wirtschaftswachstum. Die österreichische Erste Group erwartet für 2017 eine Steigerung des Bruttoinlandsprodukts von 3,1 Prozent, im nächsten Jahr sogar von 3,5 Prozent. Die Folge des Booms: Die Löhne steigen. „Noch sind die Arbeitskosten ein positiver Standortvorteil“, sagt Slowakei-Experte Norbert Halt. Neben Korruption und Bürokratie würden ausländische Investoren mittlerweile insbesondere den Mangel an Fachkräften als Standortnachteil sehen.

In Bratislava baut VW jährlich rund 390.000 Autos, darunter Luxusautos wie den Porsche Cayenne, Audi Q 7 und den VW Touareg. Volkswagen hat vier Standorte in der Slowakei, die für sechs Konzernmarken produzieren. Andere Autohersteller wie PSA oder Kia verfolgen mit Argusaugen den Arbeitskampf. Denn beide Autohersteller sind ebenfalls mit eigenen Werken in der Slowakei präsent.


Ende 2018 will zudem der indische Autokonzern Tata im westslowakischen Nitra für 1,2 Milliarden Euro ein Werk errichten, dass jährlich 150.000 Autos der Marken Jaguar und Land Rover herstellen wird. Inklusive der Zulieferer will Tata nach eigenen Angaben rund 10.000 neue Arbeitsplätze schaffen. Nitra liegt 93 Kilometer nordöstlich von der Hauptstadt Bratislava.

Die Slowakei mit ihren 5,4 Millionen Einwohnern ist seit 2004 EU-Mitglied. Fast die Hälfte der gesamten industriellen Exporte entfällt auf die Autoindustrie. Angesichts der schlechten Bildungspolitik fehlen Arbeitskräfte.

Volkswagen hat darauf reagiert. Seit wenigen Jahren bilden die Wolfsburger in ihrem Ausbildungszentrum Mechatroniker, Elektroniker und Werkzeugmechaniker aus. 2016 startete die duale Akademie, die hochqualifizierte Spezialisten ausbildet. Im kommenden September bietet VW Mitarbeitern auch ein duales Studium in Zusammenarbeit mit der Slowakisch Technischen Universität in Bratislava an.



KONTEXT

Die wichtigsten juristischen Baustellen für VW

Aktionärsklagen

Zahlreiche Anleger verlangen von Volkswagen Schadenersatz, weil sie nach dem Bekanntwerden von "Dieselgate" im September 2015 zunächst hohe Wertverluste bei Aktien und Anleihen hinnehmen mussten. Diese solle ihnen VW erstatten. Ihr Argument: Das Management hätte den Kapitalmarkt deutlich früher über die Probleme informieren müssen, die Ad-hoc-Mitteilung dazu sei zu spät gekommen.

Entsprechende Vorwürfe der Marktmanipulation haben nun auch die Staatsanwaltschaft Stuttgart auf den Plan gerufen, sie ermittelt gegen VW-Konzernchef Matthias Müller. Dabei geht es um dessen Amt im Vorstand der Porsche SE, dem Haupteigner von Volkswagen. Auch Müllers Vorgänger Martin Winterkorn sowie der Ex-VW-Finanzvorstand und heutige VW-Chefaufseher Hans Dieter Pötsch sind im Visier. Zuvor hatten schon die Braunschweiger Strafverfolger solche Untersuchungen gestartet - dort außerdem gegen den VW-Kernmarken-Chef Herbert Diess. Volkswagen ist der Überzeugung, alle Regeln eingehalten zu haben.

Das Volumen der bisherigen Anlegerklagen geht bereits in die Milliarden. Am Landgericht Braunschweig soll hierzu ein sogenanntes Kapitalanleger-Musterverfahren laufen, in dem ähnliche Ansprüche aus inzwischen gut 1500 Einzelklagen stellvertretend gebündelt verhandelt werden können. Die Sparkassen-Fondstochter Deka Investment wird dabei Musterklägerin. Das Verfahren könnte sich über Jahre hinziehen.

Zivilklagen

Auch viele Autobesitzer wollen Entschädigung. In den USA erreichte der Konzern für Hunderttausende betroffene Dieselautos einen Vergleich - allein für die 2,0-Liter-Wagen kostet VW das 14,7 Milliarden Dollar. Händler und US-Bundesstaaten klagten ebenfalls. Zum Vergleich für die größeren 3,0-Liter-Motoren (1,2 Milliarden Dollar) kündigte der zuständige US-Richter seine Zustimmung an.

In Deutschland entschieden verschiedene Gerichte: Die Manipulationen bedeuten keine Pflicht zur Kaufpreis-Erstattung. Doch es gibt auch andere Urteile. Hintergrund ist die Frage, ob die Fälschungs-Software ein so großer Mangel ist, dass Kunden vom Kauf zurücktreten können. Berichten zufolge gibt es landesweit weit über 1000 Einzelklagen.

In zahlreichen Fällen kann es laut Verbraucherschützern problematisch werden, einen konkreten Schaden zu beziffern und ihn zu beweisen. Unabhängig davon gibt es Forderungen, dass VW den Kunden auch in Europa stärker entgegenkommen müsse, etwa aus der EU-Kommission.

Weitere Ermittlungen

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt außerdem wegen des Verdachts auf Betrug, allein hier geht es - einschließlich eines Verfahrens gegen Winterkorn - um 37 Beschuldigte. Gegen 6 weitere laufen Untersuchungen im Zusammenhang mit falschen CO2-Angaben. Hinzu kommen Ermittlungen gegen einen Mitarbeiter, der zum Löschen von Daten aufgerufen haben soll. Anklagen gibt es bisher nicht.

In den USA bot ein vom FBI erarbeitetes "statement of facts" im Januar die Grundlage für einen 4,3 Milliarden Dollar schweren Vergleich in strafrechtlichen Fragen. Unabhängig davon geht es dort aber weiter auch um die Schuld oder Unschuld einzelner Personen. Ein VW-Manager sitzt in Haft, ein langjähriger Ingenieur hat sich in einem Verfahren schuldig bekannt, fünf weitere Mitarbeiter sind angeklagt - darunter der Ex-Entwicklungschef der Marke VW, Heinz-Jakob Neußer. Auch in anderen Ländern laufen Untersuchungen.