Börsianer in Kauflaune


Es ist eine vielbeachtete Prüfung, die der deutsche Aktienmarkt gerade mit Bravour gemeistert hat – und unentschlossenen Anlegern den Wechsel in das Bullenlager erleichtern dürfte: Die Tendenz der ersten Handelswoche gibt meist die Marschroute für das gesamte Jahr vor, besagt eine der bekanntesten Börsenregeln. In 21 der knapp 30 Jahre seines Bestehens traf das beispielsweise für den Dax zu. Und diesmal hat der Leitindex bis zum ersten Freitagsschluss ein sattes Plus von mehr als 400 Punkten verbucht. Als Wermutstropfen entpuppte sich am späten Freitagnachmittag die Deutsche Bank. Nachdem das größte deutsche Geldhaus überraschend einen Verlust für das Jahr 2017 angekündigt hatte, rutschte die Aktie tief ins Minus und verlor über fünf Prozent.

Das soll allerdings nicht über eine wirklich gute Börsenwoche hinwegtäuschen. Nicht nur die Statistik spricht dafür, dass Anleger zunächst auf eine Fortsetzung der jüngsten Rally hoffen dürfen. „Vor allem die konjunkturelle Dynamik und die daraus resultierenden steigenden Unternehmensgewinne unterstützen die Notierungen“, sagt Carsten Mumm, Chef-Analyst der Privatbank Donner & Reuschel. Bemerkenswert sei besonders die außergewöhnliche Breite des Aufschwungs, der fast alle Regionen der Welt mit sich ziehe.

Dass die Aussichten für die Aktienmärkte in den kommenden Wochen wegen der anhaltend positiven Wirtschaftsdaten gut sind, erwartet auch Robert Greil, Chefstratege von Merck Finck Privatbankiers. „Daher bleibt ein baldiger Test des Dax-Allzeithochs vom November wahrscheinlich“, ergänzt der Investmentprofi. Kaum mehr als 200 Punkte trennen das Börsenbarometer noch von seinem Rekordstand bei 13.525 Zählern.


Bestätigung für die Zuversicht der Experten könnten zahlreiche neue Konjunkturdaten liefern, die in den nächsten Tagen veröffentlicht werden. Dazu zählen zum Wochenstart anstehende Daten zur Geschäftsentwicklung im Einzelhandel und des Wirtschaftsvertrauens in der Euro-Zone sowie weitere Daten aus Deutschland, etwa die Auftragseingänge der Industrie im November.

Am Dienstag folgt neben dem Protokoll der jüngsten Ratssitzung der Europäischen Zentralbank die hiesige Industrieproduktion. „Die deutsche Wirtschaft wächst weiter sehr ordentlich“, urteilt Commerzbank-Analyst Marco Wagner. In den USA stehen die wichtigsten Konjunkturzahlen am Freitag auf dem Programm: Dann werden die dortigen Einzelhandelsumsätze bekanntgegeben. Der private Konsum gilt als Hauptstütze der weltgrößten Volkswirtschaft. Zusammen mit den gleichzeitig vorgelegten Inflationsdaten erhoffen sich Börsianer Rückschlüsse auf Zeitpunkt und Tempo der erwarteten US-Zinserhöhungen.


Allzeithochs beim MSCI


In den USA legen zudem die ersten bedeutenden Unternehmen ihre Geschäftszahlen für 2017 vor. So gewähren unter anderem die Finanzinstitute Bank of America (Donnerstag), Wells Fargo und JP Morgan Chase (jeweils Freitag) Einblick in ihre Bilanzen. „Dann wird sich zeigen, ob die Gewinne mit dem Tempo der Kursgewinne mithalten können“, sagt Portfolio-Manager Thomas Altmann vom Vermögensberater QC Partners.

Vergangene Woche war der US-Schwergewichteindex Dow Jones erstmals über die Marke von 25.000 Punkten geklettert. Zuvor hatte er im vergangenen Jahr bereits um 20 Prozent zugelegt und dabei fünfmal eine neue runde Tausendermarke hinter sich gelassen. Der von US-Titeln dominierte MSCI-Weltindex markierte am Freitag den siebten Tag in Folge ein Allzeithoch.


Ermuntert von diesen Kursrekorden griffen Anleger im neuen Jahr auch hierzulande auf breiter Front bei Aktien zu. Trotz der anhaltenden Stärke des Euros gegenüber dem US-Dollar sprang der Dax zum Wochenschluss zeitweise auf ein Niveau von etwa 13.300 Punkten. Seit Anfang Januar legten sowohl der hiesige Bluechip-Index als auch sein europäisches Pendant Euro Stoxx 50 um rund drei Prozent zu. Das entspricht bereits knapp einem Drittel des Kurspotenzials, das Analysten im Schnitt den beiden Börsenbenchmarks bis Jahresende zugetraut hatten.

Zusätzlich befeuert wurden die Notierungen in Europa durch Rekordzahlen aus dem deutschen Einzelhandel: Der Beschäftigungsboom, steigende Reallöhne und das brummende Online-Geschäft haben der Branche 2017 ein Rekordjahr beschert. Der Umsatz wuchs zwischen 4,5 und 4,9 Prozent im Vergleich zu 2016, wie das Statistische Bundesamt am Freitag in einer Schätzung auf Basis der Daten für die ersten elf Monate mitteilte. „Das ist der kräftigste Zuwachs seit Beginn dieser Erhebung 1994“, kommentierte ein Statistiker.


Zu den größten Gefahren für Dax & Co. gehört derzeit nach Einschätzung von Experten die anhaltende Aufwertung der europäischen Gemeinschaftswährung: Setze sich der Höhenflug fort, müssten Exporteure die Preise senken oder einen geringeren Absatz hinnehmen, warnt Portfolio-Manager Altmann. „Beides wirkt sich negativ auf die Gewinne aus.“ Mit 1,2045 Dollar blieb der Euro bis Freitagabend auf Tuchfühlung mit seinem Vier-Monats-Hoch vom Vortag.

Ein weiteres Risiko nach sechs Haussejahren in Serie am deutschen Markt sehen Fachleute trotz der guten Konjunkturdaten darin, dass viele Aktien inzwischen teuer sind: „Durch die relativ hohe Bewertung des Dax gewinnt die selektive Aktienauswahl weiter an Bedeutung“, sagt Commerzbank-Analyst Markus Wallner. So befänden sich drei Dax- und 14 MDax-Unternehmen momentan auf oder in der Nähe ihrer Bewertungshöchststände gemessen am Kurs-Buchwert Verhältnis der letzten zehn Jahre. „Zudem liegt jetzt die Bewertung von 21 Dax- und 38 MDax-Unternehmen über dem historischen Durchschnitt der letzten zehn Jahre“, gibt der Experte zu bedenken.


Cyberwährungen im Fokus der Anleger


Ende vergangener Woche standen bei den Einzeltiteln europaweit vor allem Auto-Aktien hoch im Kurs. Experten von JP Morgan sagen für 2018 ein solides Wachstum für die Branche voraus. Weder seien neue Hiobsbotschaften im Zusammenhang mit dem Skandal um manipulierte Abgas-Tests, noch negative Wechselkurs-Effekte zu erwarten. Außerdem profitiere der Sektor von der US-Steuerreform. Der Index für die europäische Automobilbranche stieg daraufhin auf ein Zweieinhalb-Jahres-Hoch. Spitzenreiter war hier der italienisch-amerikanische Konzern Fiat-Chrysler, dessen Aktien um mehr als vier Prozent auf ein Rekordhoch kletterten.

Ebenfalls deutlich aufwärts an den Handelsplätzen ging es zuletzt wieder mit den vielbeachteten Cyberwährungen, die auch in der kommenden Woche einmal mehr im Fokus der Anleger bleiben dürften. Nach einem nur durchwachsenen Jahresauftakt legte etwa der Bitcoin-Kurs am Freitag kräftig zu. Die digitale Devise verteuerte sich zeitweise um knapp acht Prozent auf mehr als 16.030 Dollar.


Inzwischen setzten Investoren ihr Augenmerk allerdings auf konkurrierende virtuelle Währungen, die sogenannten Altcoins, sagte Analyst Mati Greenspan vom Online-Broker eToro. „Technologisch ist Bitcoin bereits überholt.“ Hauptmanko sei die geringe Geschwindigkeit bei der Verarbeitung von Geldtransfers. Alternativen wie Ripple punkteten zum Beispiel mit niedrigen Transaktionskosten.

Dem Branchendienst Coinmarketcap.com zufolge hat sich der Kurs von Ripple in den vergangenen drei Wochen mehr als vervierfacht. Damit überholte die digitale Währung mit einem Gesamt-Börsenwert von derzeit knapp 130 Milliarden Dollar den Konkurrenten Ethereum und stieg zur Nummer zwei hinter Bitcoin auf. Diese älteste und bedeutendste Kryptowährung notierte dagegen trotz der jüngsten Erholung zuletzt rund ein Fünftel Prozent unter ihrem Rekordhoch von Mitte Dezember.

Mit Material von Reuters

KONTEXT

Risiken für die Aktienmärkte 2018

Aggressive Zinserhöhungen der US-Notenbank

Wegen des kräftigen US-Wachstums könnte die US-Notenbank die Zinsen schneller anheben als gedacht. Analysten rechnen bislang meist damit, dass die Fed den Schlüsselsatz 2018 wie von ihr signalisiert drei Mal anhebt. Eine aggressivere Straffung der Geldpolitik würde die Renditen der Staatsanleihen nach oben treiben, sagt Portfolio-Manager Paul Nolte vom Vermögensverwalter Kingsview. Dadurch würden Bonds zu einer ernstzunehmenden Anlage-Alternative zu Aktien.

Anstieg der Inflation

Als möglichen Auslöser für eine raschere Straffung der Geldpolitik sehen Experten einen kräftigen Anstieg der Inflation. "Dies könnte für die Aktien- und Anleihemärkte zu einem Wendepunkt werden", betonen die Analysten der Bank of America Merrill Lynch. In Europa könnte die anziehende Teuerung die Diskussion um einen raschen Ausstieg der Europäischen Zentralbank (EZB) aus ihrem Anleihe-Ankaufprogramm befeuern.

Wahlen

Die für März erwartete Parlamentswahl in Italien ist für Raphael Chemla, Leiter Finanz- und Hochzinsanleihen beim Vermögensverwalter Edmond de Rothschild, das größte politische Risiko in Europa. Ein Sieg der europakritischen Fünf-Sterne-Bewegung würde Anleger nervös machen. In den USA werden im Herbst Teile des Kongresses neu gewählt. "Sollten die Republikaner die Mehrheit im Repräsentantenhaus, im Senat oder in beiden Kammern verlieren, wäre das ein großer Belastungsfaktor für die Märkte", warnt John Praveen, Chef-Anleger des Vermögensberaters Prudential. Denn damit werde es für US-Präsident Donald Trump schwerer, seine Wahlversprechen umzusetzen.

Politische Spannungen

Wiederaufflammende Spannungen zwischen den USA und Nordkorea sowie im Nahen Osten sind nach Ansicht von Keith Leiner, Chef-Analyst des Vermögensverwalters SunTrust, ebenfalls große politische Risikofaktoren für die Aktienmärkte. "Außerdem schwingt das Pendel weltweit in Richtung Populismus und Nationalismus."

Überzogene Bewertungen

Viele Firmen erhoffen sich zwar durch die jüngst beschlossenen US-Steuersenkungen zusätzliche Gewinne im kommenden Jahr. Einige Experten bezweifeln jedoch, dass der Anstieg ausreicht, um die bereits hohen Aktienbewertungen zu rechtfertigen. Im US-Index S & P 500 liegt das durchschnittliche Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV) bei 18,5. Das bedeutet, dass der Aktienkurs den Gewinn je Aktie um das 18,5-fache übertrifft. Das ist der höchste Wert seit 2002. Im Dax liegt das KGV mit 16,2 ebenfalls über dem langjährigen Mittel von rund 15. Das Risikobarometer der Citigroup signalisiere eine 60-prozentige Wahrscheinlichkeit eines Rückgangs der Aktienkurse 2018, sagt Tobias Levkovich, Chef-Anlagestratege für die USA bei der Großbank.

Turbulenzen bei Bitcoin und Co.

Die große Unbekannte für die Aktienmärkte ist die Entwicklung des Bitcoin. Der Kurs der Cyber-Devise stieg in den vergangenen Monaten um rund 1500 Prozent. Diese Aufwärtsdynamik könne aber schnell verpuffen, sagt Bob Doll, Chef-Anlagestratege des Vermögensverwalters Nuveen. Wenn die Preis der ältesten und wichtigsten virtuellen Währung prozentual zweistellig verliere, könnten sich Anleger fragen, ob es ihren Aktien nicht genauso ergehen werde.