Warum die Autoindustrie größere Probleme als die e-Mobilität hat

David Ehlers, Motley Fool beitragender Investmentanalyst

Es wird viel über die Zukunft der Autoindustrie und von der Veränderung der Mobilität gesprochen. Der Dieselmotor und die deutschen Autobauer sind aktuell Negativschlagzeilen ausgesetzt und der Elektroantrieb wird vor allem durch die Politik zur Lösung aller Probleme stilisiert.

Dabei wird durch die noch gute Situation der Automobilisten die kritische mittel- bis langfristige Situation völlig übersehen und möglicherweise einem falschem Hype gefolgt.

Automobilindustrie ist stark gewachsen

Die Autoindustrie hat und hatte ohne Zweifel sehr erfolgreiche Jahre hinter sich. Die Absatzzahlen jagen seit dem „Ende“ der Krise 2009 von Rekord zu Rekord und die Hersteller haben ihre Produktionskapazitäten in den letzten Jahren sehr stark ausgebaut (allerdings nicht in Deutschland – hier liegt die Produktionskapazität interessanterweise seit fast 20 Jahren zwischen 5–6 Millionen PKW pro Jahr!).

Die Produktionskapazität hat sich weltweit seit 1998 von knapp 38 Mio. auf 72 Mio. PKW fast verdoppelt. Seit 2009 hat sich die Anzahl produzierter PKW von ca. 48 Mio. auf 72 Mio. in 2016 erhöht! Davon haben auch alle großen deutschen Hersteller enorm profitiert. Allein Volkswagen (WKN: 766400) konnte seine Absatzzahlen von knapp 6 Mio. Fahrzeugen in 2009 auf mittlerweile 10 Mio. Fahrzeuge in 2016 erhöhen.

Wachstum wurde durch China getrieben

Diese Entwicklung wurde vor allem in den letzten Jahren durch billiges Geld und niedrige Zinsen vorangetrieben. In Deutschland kam 2009 noch eine einmalige staatliche Subvention der Hersteller durch die Umweltprämie bzw. Abwrackprämie hinzu, 5 Milliarden Euro wurden hier vom Bund zur Verfügung gestellt.

Aber vor allem wurde diese Entwicklung durch China und die USA getrieben – die Bilanz der Chinesischen Volksbank, PBoC, ist genauso schnell gewachsen, wie die Absatzzahlen der PKW-Hersteller im Land der Mitte. Mittlerweile ist China zum größten Absatzmarkt für PKW aufgestiegen und seit 2007 hat sich die Autoproduktion in China mehr als verdoppelt.

Alle großen Hersteller haben neue Werke gebaut bzw. bestehende Werke ausgebaut. Der chinesische PKW-Absatz hat sich seit 2007 fast vervierfacht:

  • 2007: 5,3 Mio. PKW
  • 2015: 20 Mio. PKW

Das sind unglaubliche Zahlen, die nur durch die enormen Anstrengungen und Eingriffe des chinesischen Staates möglich waren. Die Automobilindustrie hängt sprichwörtlich an China, wie der Junkie an der Nadel!

Von 2004 bis 2014 ist die Welt-Automobilproduktion um 45 % gewachsen. Wird der Anteil Chinas herausgerechnet, kommt nur ein lächerliches Wachstum von 8 % für den gleichen Zeitraum heraus. Das macht deutlich, wie Abhängig die Hersteller von China sind.

Starke Abhängigkeit problematisch

Und genau hier liegt ein Problem! Noch wächst der Markt in China zwar, allerdings weit weniger schnell als in den vergangenen Jahren. Noch in 2013 ist der chinesische Automarkt um sage und schreibe 23 % gewachsen (in nur einem Jahr!), 2015 waren es schon nur noch 9 %. 2016 stieg das Absatzwachstum zwar wieder auf fast 16 %, allerdings wurde hier stark durch die chinesische Regierung, mithilfe von Steuererleichterungen bei kleinmotorigen Wagen, nachgeholfen.

Die Kreditfinanzierung von PKW wurde in China in den letzten Jahren immer populärer. Um die 40–50 % aller PKW werden in China mittlerweile mithilfe einer Finanzierung gekauft. Durch den geplanten Ausstieg der PBoC aus der lockeren Geldpolitik wird die Kreditfinanzierung allerdings schwieriger, was sich negativ auf das Wachstum auswirken könnte.

China möchte sein Schattenbankenproblem in den Griff bekommen. Damit bremst es aber auch das Wachstum und das könnte für die Autoindustrie zu größeren Problemen führen. Allein in diesem Jahr hat die chinesische Zentralbank bereits zweimal die Leitzinsen angehoben (in China gilt der Satz für liquiditätsabschöpfende Repo-Geschäfte mit einer Laufzeit von sieben Tagen als Leitzins der chinesische Notenbank). Erst vor zwei Wochen hat der Gouverneur der chinesische Notenbank vor einer starken Korrektur und einem zu schnellen Kreditwachstum gewarnt!

Auch der US-Markt schwächelt

Gleichzeit ziehen auch am zweitgrößten Absatzmarkt, den USA, dunkle Wolken auf. Zwar haben die Verkaufszahlen in den USA im September um knapp 6 % zugelegt, allerdings ist dies getrieben vom kurzfristigen Erneuerungsbedarf durch die gewaltige Zerstörung der diesjährigen Hurrikan-Saison.

Im gesamten Jahresverlauf betrachtet schwächelt der US-Automarkt gewaltig. Die PKW-Verkäufe gingen bis jetzt um ca. 11 % gegenüber 2016 zurück. In den USA werden PKW zum Großteil finanziert oder geleast (die Finanzierungsrate liegt bei ca. 80 %, in Deutschland bei ca. 52 %). Mehr als ein Viertel dieser Kredite werden an Subprime-Kunden vergeben, d. h. an Kunden mit geringer Bonität. Das Volumen der ausstehenden PKW-Kredite beläuft sich mittlerweile auf über 1,1 Billion Dollar!

Nun hat die amerikanische Zentralbank allerdings begonnen, die laxe Geldpolitik etwas zu straffen, d. h. die Zinsen steigen. Zusätzlich dazu gibt es in den USA durch den Absatzrückgang ein Überangebot an Neu- und Gebrauchtwagen. Das drückt wiederum die Preise. Es mehren sich die Stimmen, die das „Peak“ gesehen haben wollen, d. h. der Boom in den USA ist vorbei. Die Zahl an nicht rechtzeitig bedienten Krediten steigt bedenklich an. Sollte die Blase am US-Markt platzen, wird das bedingt durch die Größe des Marktes weltweite Auswirkungen auf die Autoindustrie haben.

Autowerte könnten fallen

Das heißt zusammengefasst, dass auf den beiden größten Absatzmärkten der Welt die Situation und der Ausblick schlecht ausfallen. Allein die deutschen Hersteller Volkswagen, BMW (WKN: 519000) und Daimler (WKN: 710000) haben 2015 weltweit knapp 15,2 Mio. PKW produziert, davon gingen „nur“ 1,9 Mio. in den deutschen Handel. Der Rest wurde für das Ausland produziert. 6 Mio. Fahrzeuge wurden von deutschen Herstellern in den USA und China abgesetzt, das entspricht knapp 40 % der gesamten Produktion.

Gibt es in diesen beiden Ländern Probleme, wirkt sich das direkt auf die gesamte Fahrzeugindustrie aus. Das könnte bei einem Einbruch des Absatzes zu einem Einbruch bei den Preisen führen. Der auf Pump finanzierte Boom der Autoindustrie bewegt sich meiner Meinung nach dem Ende zu und aktuell ist in meinen Augen nicht unbedingt der beste Zeitpunkt, um einen Neueinstig in einen Autowert zu wagen.

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David Ehlers besitzt keine der erwähnten Aktien. The Motley Fool empfiehlt BMW und Daimler.

Motley Fool Deutschland 2017