Warum wir ein Auto von Apple und Amazon nicht abschreiben dürfen

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Tesla hat vorgemacht, wie erfolgreich man auf dem Automarkt sein kann. Werden andere Unternehmen wie Apple nachziehen?
Tesla hat vorgemacht, wie erfolgreich man auf dem Automarkt sein kann. Werden andere Unternehmen wie Apple nachziehen?

Hört man sich bei den Autoherstellern um, welche Marken die Branche künftig aufmischen könnten, fällt meist der Name Tesla. Selbst deutsche Hersteller geben zu, dass die Elektrofahrzeuge von Elon Musk in Sachen Hard- und Software immer noch im Vorteil sind. Der steile Aufstieg von Tesla treibt der Branche zwar keine tiefen Sorgenfalten auf die Stirn, aber man ist zumindest besorgt. Immerhin so sehr, dass VW-Chef Herbert Diess schon die Befürchtung äußerte, der nächste „Golf“ könnte nicht mehr von VW, sondern von Tesla kommen.

Es mag im Moment nicht vorstellbar erscheinen, dass ein großer Autohersteller den wirtschaftlichen Niedergang erlebt. Aber das, was die Branche im Moment erlebt, ist nur der Anfang. Die Frage wird sein, welcher Konzern den gesamten Antriebswandel überleben wird und welche neue Unternehmen die alten verdrängen können.

Neue Autohersteller haben es zumindest auf dem Papier leichter. Man hat in den vergangenen Jahren aber auch erlebt, wie schnell vielversprechende Automotive-Startups wieder vom Markt verschwunden sind. Byton beispielsweise ist trotz seines allgemein gelobten SUV das Geld ausgegangen und der chinesische Hersteller Nio hält sich nur über Wasser, weil neue Kredite ins Unternehmen gepumpt werden. Das sollte die Hersteller eigentlich beruhigen. Aber was passiert, wenn ein Big Player den Markt betritt? Einer, der genug Geld und Zeit hat?

Apple forscht schon lange

So ein Unternehmen könnte Apple sein. Seit mehr als sechs Jahren halten sich hartnäckig Gerüchte, dass der iPhone-Konzern an einem vollautonomen Auto arbeitet. Man weiß, dass Apple mit eigenen Fahrzeugen in den USA unterwegs ist, um autonome Fahrhilfen auszuprobieren. Auch hat man immer wieder Personal von Autoherstellern abgeworben. Zuletzt Stuart Bowers, der bei Tesla für die Entwicklung des Autopiloten zuständig war. Hinzu kommen weitere Top-Manager aus der Autobranche.

Die Frage, was Apple mit einem eigenen Auto eigentlich bezwecken will, ist eine andere. Nicht wenige glauben, dass Apple rein an der Software interessiert ist, die man eventuell an andere Hersteller verkaufen könnte. Dass sich Apple auf ein Abenteuer einer eigenen Autoherstellung einlässt, scheint eher unwahrscheinlich. Die jahrelangen Probleme von Tesla sind auch eine deutliche Warnung. Von daher ist nicht unbedingt davon auszugehen, dass man demnächst zum Macbook noch ein passendes Auto bestellen kann.

Amazon ist schon da

Bei Amazon sieht die Sache schon etwas anders aus. Der Retail-Gigant hat sich schon in den Automobilsektor vorgewagt und besitzt eine Minderheitsbeteiligung von 20 Prozent am Truck-Hersteller Rivian, der letzte Woche mit einem Börsengang eine Marktbewertung von rund 100 Milliarden Dollar erreicht hat. Amazon arbeitet eng mit Rivian zusammen und hat bereits 10.000 E-Transporter in den USA bestellt. Die Flotte soll in den nächsten Jahren auf 100.000 Fahrzeuge ausgebaut werden – zugeschnitten auf die Bedürfnisse von Amazon.

Aber Amazon ist auch auf der Software-Seite unterwegs. Das Amazon-Echo-Auto ist ein kleiner Kasten, mit dem Nutzerinnen und Nutzer ihre Alt-Fahrzeuge digitalisieren können. Der Echo-Auto verkauft sich bislang gut, ist aber nur ein erster Entwicklungsschritt. Vor allem auf der Software-Seite bietet Amazon Startups die Möglichkeit, passende Apps in ein eigenes Betriebssystem einzupflegen. Und im Grunde handelt es sich dabei um die komplette Software eines Infotainment-Systems. Das Echo-Auto ist nur ein Endgerät.

Damit hat Amazon die beiden wichtigsten Voraussetzungen abgedeckt, um in den Automarkt einzusteigen. Das Unternehmen hat einen Hersteller in den eigenen Reihen und zumindest Teile der Soft- und Hardware abgedeckt. Was fehlt, ist die Software für das autonome Fahren. Offenbar kann hier Ford aushelfen. Denen gehört das Startup Argo, die eine solche Software-Suite entwickelt haben. Der US-Hersteller hält ebenfalls zwölf Prozent an Rivian.

Huawei hat ein eigenes Auto

Auch in China erproben einige Elektrokonzerne den Einstieg ins Fahrzeuggeschäft. Huawei hat seit letzten Jahr ein eigenes Infotainment-System als Alternative zu Android im Angebot. Auf der letzten Shanghai Autoshow überraschte der Konzern dann mit einem Auto. Der Seres Huawei Smart Selection SF5 stammt zwar vom US-Chinesischen Startup SF Motors, wird aber von Huawei in den eigenen Flagship-Stores verkauft. Viele werten dies als ersten Versuch mit eigenen Autos auf den Markt zukommen, was Huawei selbst aber noch dementiert.

Was alle drei Unternehmen vereint, ist eine enorme finanzielle Kraft. Vor allem Amazon und Apple dürfte es nicht an Kapital fehlen, um Druck auf den Automarkt auszuüben. Das ist für die etablierten Hersteller eine größere Gefahr. Denn während Tesla, wie alle anderen Hersteller auf der Produktseite, vom Automarkt abhängig ist, ist das für Amazon und Co. nur ein zusätzlicher Geschäftsbereich, der zur Not auch jahrelang mit Investitionen gefördert und ausgebaut werden kann. Und während die traditionellen Hersteller jetzt Autos verkaufen müssen, können sich die Software-Häuser auf zukünftige Mobilitätskonzepte konzentrieren, um so einen Vorsprung zu bekommen. 

Don Dahlmann ist seit über 25 Jahren Journalist und seit über zehn Jahren in der Automobilbranche unterwegs. Jeden Montag lest Ihr hier seine Kolumne „Drehmoment“, die einen kritischen Blick auf die Mobility-Branche wirft.

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