Ausverkauf an der Wall Street geht weiter


Kleiner Schluckauf oder der Beginn der lang erwarteten großen Korrektur? Die Schwäche an den US-Börsen geht in ihren zweiten Tag und Experten versuchen fieberhaft herauszufinden, ob die Superhausse jetzt einen Knacks bekommen hat. Donald Trump könnte es heute Abend mit seiner Rede zur Lage der Nation entscheiden.

Es war ein schwieriger Börsentag. Ankündigungen von Amazon ließen Krankenversicherer und Biotech-Aktien einbrechen. Ermittlungen gegen Krytpobörsen verunsichern die Finanzmärkte, Apple sieht sich nach Medienberichten offiziellen Untersuchungen wegen einer Software, die alte iPhones langsamer macht, gegenüber. Am Mittwoch und Donnerstag werden die großen Techgiganten ihre Quartalszahlen vorlegen.

Der Dow-Jones-Index für 30 Standardwerte schloss am Dienstag mit 26076,89 Punkte um 362,59 Punkte beziehungsweise 1,37 Prozent tiefer. Der S & P-500-Index verlor 1,1 Prozent und rutschte um 31,10 Zähler auf 2822,43 Punkte ab. Der Technologie-Index Nasdaq Composite gab 64,02 Stellen auf 7402,48 Zähler nach, ein Verlust von 0,9 Prozent.


Schon am Montag war der Dow-Jones vor dem Hintergrund steigender Bondzinsen um 177 Punkte gefallen. „Egal was der Auslöser sein wird, die Wahrscheinlichkeit einer Korrektur in den kommenden Monaten ist sehr hoch“, schrieb Peter Oppenheimer, Chefstratege bei Goldman Sachs, seinen Kunden. Der S & P-500-Index befinde sich in der längsten Phase ohne eine Korrektur von fünf Prozent oder mehr seit 1929, so Oppenheimer. Einen richtigen Bärenmarkt sieht er aber wegen geringer Inflation und lockerer Geldpolitik eher nicht aufziehen.

Art Hogan von der Investmentbank B Riley FBR ist ebenfalls skeptisch: „Es fängt schon damit an, dass wir einen ununterbrochenen Aufwärtstrend bei Aktien gesehen haben und die Leute beginnen zu realisieren, dass das nicht nachhaltig sein kann.“

Am Dienstagabend wird US-Präsident Donald Trump zudem seine Rede zur Lage der Nation halten. Überraschungen sind da nicht ausgeschlossen. Die Wall Street ist vor dem Hintergrund der jüngsten Strafzölle gegen Solarprodukte und eine generell härtere Gangart Trumps in Handelsfragen nervös. Jeder Hinweis in seiner Rede auf eine Intensivierung von Handels-Protektionismus, vor allem gegenüber China, könnte für den Mittwoch erneut eine schwächere Börse andeuten. Die USA könnten weiter isoliert und der Dollar geschwächt werden.

Eine komplette Branche unter Druck setzte am Dienstag einmal mehr Amazon. Der Onlinegigant wird zusammen mit Berkshire Hathaway von Warren Buffett und der Investmentbank JP Morgan eine eigene Art Krankenversicherung für die hunderttausenden von Mitarbeitern ihrer Unternehmen gründen. Das noch namenlose Unternehmen soll eine Non-Profit-Organisation sein, heißt es in einem kurzen Statement, in dem betont wird, wie wichtig es sei, transparente und bezahlbare Krankenversicherungen anzubieten. Der Anstieg der Gesundheitskosten, der Krankenversicherungsprämien und vor allem der Pharmapreise ist ein ungelöstes Problem in den USA.


Während die Investoren nur kurz mit den Achseln zucken, wenn Präsident Trump hartes Durchgreifen im Gesundheitswesen verspricht, löst der Anblick von Jeff Bezos und Warren Buffett vor den Toren Panik aus. Express Scrips Holding, die Drogerie- und Apothekenkette CVS, Krankenversicherer wie Cigna oder Anthem gehörten zu den größten Verlierern am Dienstag. Schwach zeigte sich auch der Biotech-Sektor. Kräftig aufwärts an diesem düsteren Börsentag ging es mit Amazon.

Analyst Steven Halper von Cantor Fitzgerald warnt aber vor zu großer Unruhe. Seiner Meinung nach wird sich das neue Unternehmen darauf konzentrieren, mit Technologie das Verhalten der Versicherten zu verändern und mehr Kostentransparenz zu schaffen. Amazon erschüttere mit den Plänen nicht das Gesundheitswesen, sagte Halper auf Bloomberg TV. Trotzdem waren United Health die größten Verlierer im Dow-Jones-Index. Zum ersten Mal seit Januar 2017 verzeichnete der Leitindex dreistellige Verluste an zwei aufeinanderfolgenden Tagen.

Alle Augen sind jetzt auf die insgesamt 110 Unternehmen gerichtet, die am Mittwoch ihre Quartalszahlen vorlegen werden. Darunter sind der Telekomriese AT & T, der Flugzeugkonzern Boeing, der noch vor Handelsbeginn veröffentlicht, Facebook, Finanzdienstleister Paypal und Microsoft. Die Erwartungen sind hoch. Jede größere Enttäuschung könnte den nächsten Rutsch der Leitindizes auslösen.