Australiens Armee räumt Kriegsverbrechen ein

Max Blenkin
·Lesedauer: 3 Min.

Australiens Armee hat Kriegsverbrechen durch australische Elite-Soldaten in Afghanistan eingeräumt.

Eine mehrjährige interne Untersuchung habe glaubwürdige Beweise dafür geliefert, dass Angehörige einer Eliteeinheit mindestens 39 afghanische Zivilisten und Gefangene "unrechtmäßig getötet" hätten, sagte Armeechef Angus Campbell am Donnerstag in Canberra und bat "im Namen der australischen Streitkräfte" um Entschuldigung.

Einige Soldaten hätten "das Gesetz in die eigene Hand genommen", sagte Campbell. "Regeln wurden gebrochen, Geschichten zurechtgelegt, Lügen erzählt und Gefangene getötet." Der Untersuchungsbericht habe einige "beschämende" Vorfälle aufgedeckt. So seien etwa Neuankömmlinge gezwungen worden, einen Gefangenen zu töten, um sich Respekt in der Truppe zu verschaffen.

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Andere Soldaten haben laut dem Bericht als Wettbewerb Opferlisten geführt und unrechtmäßige Tötungen vertuscht, indem sie Gefechte vortäuschten, den Opfern Waffen unterschoben oder deren Namen nachträglich auf Feindeslisten setzten.

Der Generalinspekteur der australischen Armee, der den Bericht verfasst hat, empfiehlt, 19 Verdächtige für strafrechtliche Ermittlungen an die australische Bundespolizei zu verweisen. Nach Angaben von Campbell waren insgesamt 25 Soldaten an den aufgedeckten Vorfällen beteiligt. Er warf ihnen vor, durch ihr Handeln ihr Regiment, die Armee und ganz Australien "beschmutzt" zu haben.

Angus Campbell entschuldigte sich im Namen der Streitkräfte. (Bild: AFP)
Angus Campbell entschuldigte sich im Namen der Streitkräfte. (Bild: AFP)

"Im Namen der australischen Streitkräfte entschuldige ich mich aufrichtig und uneingeschränkt bei der afghanischen Bevölkerung für jedes Fehlverhalten", sagte Campbell. Er sprach sich für eine strafrechtliche Verfolgung der verdächtigen Soldaten wegen Kriegsverbrechen sowie für die Aberkennung von Auszeichnungen aus, die zwischen 2007 und 2013 an die Soldaten verliehen worden waren.

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA hatte Australien mehr als 26.000 Soldaten nach Afghanistan entsandt, um unter anderem an der Seite der US-Armee gegen islamistische Milizen wie die Taliban und Al-Kaida zu kämpfen. 2013 zog Australien seine Kampftruppen aus dem Land ab. Seither wurden immer wieder schwere Anschuldigungen gegen weiter in Afghanistan stationierte australische Elite-Soldaten laut. Die Vorwürfe reichten von der Tötung eines sechsjährigen Kindes während einer Hausdurchsuchung bis zur Tötung eines Gefangenen, um Platz in einem Hubschrauber zu schaffen.

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Vor der Veröffentlichung des Bericht hatte Australiens Regierungschef Scott Morrison vor einer Woche einen Sonderermittler ernannt, um eine strafrechtliche Verfolgung von Armeeangehörigen zu ermöglichen - und möglichen Ermittlungen des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) in Den Haag zuvorzukommen. Zugleich hatte er die Bevölkerung aufgefordert, den "ehrlichen und brutalen Wahrheiten" ins Auge zu blicken.

Australische Soldaten in Afghanistan. (Bild: AFP)
Australische Soldaten in Afghanistan. (Bild: AFP)

In einem Telefonat mit dem afghanischen Präsidenten Aschraf Ghani am Mittwoch sagte Morrison, es gebe "einige verstörende Anschuldigungen" gegen Soldaten, welche seine Regierung "sehr ernst" nehme. Das afghanische Präsidialamt erklärte zudem im Onlinedienst Twitter, Morrison habe seine "tiefe Trauer angesichts des Fehlverhaltens" der australischen Soldaten bekundet. Australiens Regierung hat es bisher ausdrücklich vermieden, von einem Fehlverhalten von Soldaten zu sprechen.

Kritiker werfen Morrisons Regierung vor, Berichte von Whistleblowern über ein Fehlverhalten australischer Soldaten in Afghanistan jahrelang unterdrückt zu haben. Zeitweise hatte die Polizei sogar gegen Reporter des Fernsehsenders ABC ermittelt, der 2017 in den "Afghanistan-Akten" erstmals über Kriegsverbrechen berichtet hatte.

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