Wie Austin das neue Silicon Valley werden will

Cowboystiefel, stramm republikanisch und immer eine Waffe im Holster – so blickt die Welt klischeebedingt gerne einmal auf den US-Bundesstaat Texas. Doch der „Lone Star State“ hat sich in den vergangenen Jahren zum Technologiestandort gemausert. Ganz vorne mit dabei: Die Hauptstadt Austin.

Einmal im Jahr wird das besonders deutlich zur Digitalkonferenz South by Southwest (SXSW). Die begann als reines Musik- und Film-Event, ist aber längst zum Gradmesser für die wichtigsten Trends der digitalen Branche geworden. Das passt zu einer Stadt, die sich wandelt: Statt Ölindustrie geben hier mittlerweile die Technologiekonzerne den Ton an. Und das verändert auch die politische Landschaft der Stadt.

Das Bild des republikanischem Stammlandes scheint Austin unbedingt entkräften zu wollen: Allein schon ihr Slogan „Keep Austin weird” (zu deutsch etwa: „Bewahre Austins Verrücktheit”) steht im krassen Gegensatz zu dem stramm-konservativen Image des Umlandes. Schon am Flughafen wird das deutlich. Man ist zwar stolzer Texaner („Texas Proud“), aber feiert sich auf Plakaten eben doch auch ein bisschen als „verrückt“.


Die Stadt mit knapp einer Million Einwohner ist bekannt für ihre Subkultur, geprägt von Studenten, Künstlern, Technik-Nerds, die sich abends in der berühmten Sixth Street treffen. Ästhetisch ähnelt die Straße einer alten Westernstadt, mit niedrigen Häusern, Saloons und den Tequilabars im Hinterhof.

Dabei hat das auch Auswirkungen auf die Politik: Austin gilt daher als linke Enklave innerhalb des „roten“ Staates Texas, wie verlässlich für die Republikaner stimmende Bundesstaaten bezeichnet werden. Auch bei der vergangenen Präsidentschaftswahl konnte sich Donald Trump auf die Texaner verlassen, immerhin rund 52 Prozent stimmten für den Republikaner.

In den Großstädten sah es allerdings weniger gut für ihn aus: Die vier größten Städte (Houston, San Antonio, Dallas und Austin) stimmten mehrheitlich für die demokratische Kandidatin Hillary Clinton. Austin lag mit über 65 Prozent an der Spitze.

Die Mischung aus Subkultur und Hightech hat Austin längst zum Tech-Hotspot gemacht. Die Stadt trägt den Spitznamen „Silicon Hills”, in Anlehnung an die hügelige Landschaft im westlichen Teil der Stadt. Alle großen Techkonzerne sind in der Stadt vertreten. Der iPhone-Hersteller Apple beschäftigt mehr als 6000 Mitarbeiter in Austin. Alphabet, Facebook oder Dropbox besitzen eigene Büros in Top-Lagen. Oracle eröffnete gerade erst einen riesigen Accelerator in Austin.


„Austin besitzt ein lebendiges Start-up Ökosystem und eine Geschichte als Brutstätte für Cloud-Firmen”, lobt Oracle-Managerin Reggie Bradford die Stadt. „Außerdem ist die Stadt umgeben von großartigen Universitäten, die oft Gründer, Entwickler und die Start-up-Chefs von morgen hervorbringen.” Der Hersteller hat gerade erst ein 52.000 Quadratmeter großes Bürogelände in Austin errichtet.

„Austin boomt, der ganze Bundesstaat Texas zieht immer mehr Talente an, auch in Städten wie Dallas, Houston oder San Antonio”, sagt Internet-Pionier und Multi-Millionär Bob Metcalfe. Er hat das Ethernet erfunden, eine Übertragungstechnik, auf der bis heute das Protokoll für die Kommunikation im Internet fußt. „Texas war erst ein Rinderstaat, dann wurde die Landwirtschaft vom Öl- und Gasgeschäft abgelöst. Heute wird entwickelt es sich stärker denn je zu einem Technologiestandort.”

Metcalfe lehrt als Professor of Electrical Engineering und Director of Innovation an der University of Texas in Austin, berät Start-ups und Investoren. „Wir besitzen einen Forschungsetat von 700 Millionen Dollar im Jahr und investieren das Geld in die Ideen unserer Wissenschaftler”, sagt Metcalfe. Zu den aktuellen Schwerpunkten der digitalen Szene gehörten Innovationen rund um Biotech und Pharma.

Austin profitiert auch von erheblich niedrigeren Lebenshaltungskosten. Während ein einfaches Apartment in San Francisco laut der Immobilienplattform Zillow inzwischen durchschnittlich 4300 Miete kostet, zahlen Mieter in Austin in bester Lage nur 1600 Dollar.


Den Grundstein für Austins Erfolg als Technologiezentrum habe George Kozmetsky gelegt, sagt Steve Adler, Bürgermeister von Austin, gegenüber dem Handelsblatt: Der verstorbene Dekan der Wirtschaftsfakultät der Universität von Texas habe Austin auf die Verschneidung von Wirtschaft, Regierung und Wissenschaft ausgerichtet: „Das hat die kritische Masse an Zusammenarbeit geschaffen, die uns zu einer der weltweit führenden Tech-Städte gemacht hat“, ist das Stadtoberhaupt überzeugt. Das sei der Grund, warum die Chipfabriken hier gebaut wurden und die heutige Infrastruktur neue Innovationen fördere.

Tatsächlich gilt die Universität von Texas nahe Austin, eine der führenden öffentlichen Universitäten des Landes, vielen als Schlüssel: Michael Dell gründete hier sein späteres Milliardenunternehmen. Immerhin neun Nobelpreisträger gehören zu den Absolventen.

Und Austin will noch mehr Technologie gewinnen: Die Stadt bewirbt sich als Standort für die nächste Amazon-Zentrale. Doch es gibt nicht nur Befürworter. Der New Yorker Marketingprofessor und Buchautor („The Four: Die geheime DNA von Amazon, Apple, Facebook und Google“) Scott Galloway schimpft: „Das Rennen um das zweite Amazon-Hauptquartier hat sich in einen ekstatischen Wettbewerb zwischen Stadtverwaltungen gewandelt, dass die Perversion unserer Nation in Händen von Big Tech herausstellt.“


Der bekannte Kritiker der Tech-Giganten bezeichnet das als einen Offline-Algorithmus von Amazon, der die Schlagzeilen jeder wichtigen Zeitung dominiere, während das Geld des Steuerzahlers aufgesaugt werde: „Um es deutlich zu sagen. Das Amazon Hauptquartier ist ein Nullsummenspiel und die größte PR-Maßnahme des Unternehmens bisher.“

Tatsächlich stehen die Chancen der texanischen Hauptstadt nicht schlecht, so eine Moodys-Analyse. Dabei vielleicht auch nicht ganz unwichtig: Die von Amazon übernommene Biosupermarkt-Kette Whole Foods. Die hat ihren Stammsitz in Austin.