Ausstellung: Varianten moderner Objektkultur

Da summt jemand ein Lied, eine Männerstimme. Und da steht ein monströser Berg, der Kleider ausspuckt, die sich wie ein See auf dem Holzfußboden des Büros für Brauchbarkeit ausbreitet. Beides, die Stimme und der Berg mit Mund und Augen, sind Teil einer Ausstellung der Künstlerin Julia Weißenberg. Auch die jungen Menschen, die lebensgroß auf einem Foto an der Wand "stehen", gehören dazu. Sie tragen die Kleidungsstücke, die der Berg verschlungen hatte. Davor oder davor, lautet die unweigerliche Frage. Zeigt das Foto die Vergangenheit oder die Zukunft der Kleider?

Weißenbergs Inszenierung führt die Betrachter in das Spannungsfeld von Mode und zeitgemäßem Lebensgefühl, dem Verlangen nach Originalität und der Alltagspraxis gelebter Täuschung und Anpassung. "Mit welcher Art von Objekt haben wir es zu tun, wenn sich die Kopie weder in ihrer Materialität noch in ihrer Funktion und ihrem Aussehen vom Original unterscheidet, und es lediglich der autorisierte Label-Anhänger ist, der das Objekt als original auszeichnet", spezifiziert die Künstlerin (Jahrgang 1982) ihr Themenfeld. Anders gesagt: Wie kann man sich in einer (post-)modernen Produktwelt noch auskennen, in der allein das Markenzeichen den Wert bestimmt. Und macht es in einer solchen Situation überhaupt Sinn, in Kategorien unverwechselbarer Dinge und Identitäten zu denken? Und lassen sich trotz der Produktvorgaben der Konsumkultur markante Unterschiede und Besonderheiten schaffen?

Die Künstlerin, die nach einem Studium an der Kunsthochschule für Medien Köln noch Kommunikationsdesign an der Fachhochschule Düsseldorf studierte, lässt uns allein mit der Beantwortung dieser Fragen. Ihre eigenen Versuche bestehen darin, aus den Labels und Materialien der großen Firmen eigene Objekte zu kreieren. So wurden die Schuhe und Taschen von Adidas und Chanel zu Fächern, mit denen man sich immerhin die Frischluft der Eigenwilligkeit inmitten einer Kultur der Gleichmachung und Eindimensionalität zuwedeln kann. Wenn es denn so simpel wäre, mag man denken. Wohl wissend, dass auch die Kunst den Mechanismen der Konsum- und Medienkultur nicht so einfach ein Schnippchen schlagen kann. Das jedenfalls ist unvermindert die Hoffnung einer Kunst, in der freie Gestaltung und Design längst aneinander gewachsen sind.

Brauchbarkeit heißt das Stichwort im Namen des Ausstellungsraums. Weißenburg strebt eine Brauchbarkeit ihrer Objekte an, wenn sie Schmuckketten mit einfachen Slogans einer zeitgemäßen Welthaltung geschaffen hat: "Think different", "Successful Living", "Just do ist". Ironischer Kommentar zur Werbewelt und ernst gemeinte Einsicht sind in diesen künstlerischen Objekten ununterscheidbar geworden. Ob es sich mit solchen Lebensformeln um Arm oder Fuß leichter leben lässt, mag ebenso bezweifelt werden wie die Individualisierungskraft von Schmuckstücken.

Die Täuschung ist eine Wirksamkeit, das sollte jedem bekannt sein. Man kann sie bewusst einsetzen oder ihr unbewusst unterliegen, um sich selbst öffentlich zu inszenieren. Die Ausstellung deutet an, dass es angesichts der gegenwärtigen kulturellen Entwicklung letztlich keine Rolle spielt, zwischen Original und Kopie, Nachahmung und Unverwechselbarkeit zu unterscheiden.

Büro für Brauchbarkeit, Trimborner Straße 7, geöffnet Sa 14 bis 18 Uhr, bis 14.Oktober...Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta