Tönnies' brisanter Plan für Schalke

Patrick Berger

Die Schalker Krise setzt sich auch nach dem Re-Start der Bundesliga nahtlos fort. Seit acht Spielen sind die Königsblauen nun schon ohne Erfolg, verbuchten dabei 2:19 Tore. Das 0:4 in Dortmund war die höchste Derby-Pleite seit 54 Jahren.

Mit Blick auf die sportliche und finanzielle Krise - den Verein plagen Verbindlichkeiten in Höhe von 197 Millionen Euro - sprach der Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Tönnies jetzt erstmals offen wie nie über eine Ausgliederung der blau-weißen Profi-Abteilung.


"Diese Diskussion müssen wir noch einmal anstoßen", sagte der 63-Jährige unmittelbar nach der Derby-Packung bei Sky: "Wir erarbeiten intern Konzepte, wie das aussehen kann. Wir müssen die nächsten Spiele abwarten, parallel arbeiten wir das aus. Wir diskutieren ja seit Jahren darüber, ob wir nachhaltig bei einem traditionellen Fußballverein bleiben können."

Erstaunliche Wende bei Tönnies!

Vor zweieinhalb Jahren sagte der Aufsichtsratsvorsitzende nämlich noch auf dem SPOBIS in Düsseldorf: "Solange wir nicht müssen und nicht gezwungen werden, denken wir über nichts anderes nach. Wir wollen eingetragener Verein bleiben, das ist der Wunsch der Fans."

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Den emotionalen Anhängern ist ihr Verein tatsächlich heilig, das Thema birgt reichlich Zündstoff. Kein Anliegen erhitzt die Gemüter so sehr wie eine mögliche Ausgliederung. Die Fans sind stolz, einer von nur fünf eingetragenen Vereinen in der Bundesliga neben Union Berlin, dem SC Freiburg, Mainz 05 und Fortuna Düsseldorf zu sein 

Thon: "Ausschließen kann ich es nicht"

In den sozialen Netzwerken wird aufgrund der Tönnies-Idee schon heftig diskutiert. Schalke-Legende und SPORT1-Experte Olaf Thon sagt: "Die Fans schätzen es sehr, dass ihr Klub noch ein eingetragener Verein ist. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal und ein hohes Gut. 75 Prozent der Mitglieder müssten einer Ausgliederung zustimmen. Das ist eine sehr hohe Hürde. Ausschließen kann ich es aber nicht."

Der Weltmeister von 1990 kann sich zudem in die Lage der Entscheidungsträger versetzen, deren "Verpflichtung und Verantwortung" es sei, "über dieses Worst-Case-Szenario zu sprechen. Alle Möglichkeiten müssen in dieser Krise auf den Tisch gelegt und diskutiert werden. Alles andere wäre - gerade mit Blick auf die Coronakrise und die verschiedenen Variablen - verantwortungslos."

Brinkert: Ausgliederung "ein gängiger Weg"

Noch deutlicher wird Raphael Brinkert. Der 42-Jährige ist Schalke-Fan und zugleich einer der führenden Sportmarketing-Unternehmer in Deutschland.

Er sagt im Gespräch mit SPORT1: "Als Aufsichtsratsvorsitzender ist es Tönnies' Pflicht, sich mit Themen zu beschäftigen, die über das operative Tagesgeschäft hinausgehen. Dazu gehört im Sinne der Sorgfaltspflicht auch die Auseinandersetzung mit unpopulären Themen wie den Chancen und Risiken einer möglichen Ausgliederung. Ob man dieser offen oder kritisch gegenübersteht oder sie gar forciert, muss jeder für sich entscheiden."

Für Brinkert ist eine Ausgliederung "ein gängiger Weg, um Einmalzahlungen zu erhalten, auf einfachste Weise an 'frisches Geld' zu kommen und Machtgefüge zu zementieren."

Gerade kurzfristig könne man sich damit Chancengleichheit erkaufen, erklärt der gebürtige Halterner: "An Traditionsvereinen wie beim HSV oder beim VfB Stuttgart sieht man jedoch, dass es kein Allheilmittel für die Wettbewerbsfähigkeit eines Vereins ist. Im Gegenteil: Es kommt weniger auf die Organisationsstruktur, sondern vielmehr auf die handelnden Personen an, ob ein Verein sportlich und wirtschaftlich erfolgreich ist."

Schalke 04 fehlen Millionen 

Die Coronakrise trifft Schalke besonders hart, bereits 2019 erwirtschafteten die Königsblauen einen Fehlbetrag von 26,1 Millionen Euro.

"Wir sind schon mit gewissen Vorerkrankungen reingegangen", gestand daher auch Sportchef Jochen Schneider. Aufgrund fehlender Ticketeinnahmen in dieser Saison und womöglich ausbleibender Dauerkartenverkäufe in der nächsten Saison fehlen nun weitere Millionen.

Auf Schalke stellen sie sich also die Frage: Ausgliederung - ja oder nein?

Brinkert, der seit 2005 einer von 153.000 Mitgliedern ist, empfiehlt den Bossen: "Der e.V. ist neben dem Ruhrgebiet und dem Mythos als Arbeiter- und Malocher-Klub das Alleinstellungsmerkmal des Vereins. Klug vermarktet und kommuniziert bieten sich daraus langfristig - auch international - viel mehr Potenziale als die Einmalzahlung von Investoren. Aber dafür braucht man nicht nur Herz und Verstand, sondern auch Geduld."


Schalke-Boss Tönnies kündigte zumindest an, die Fans bei der Ausgliederungsdiskussion einzubeziehen. "Wir haben eine unglaublich tolle Schar von Fans und Mitgliedern - die muss man mitnehmen", betonte Tönnies: "Da kann man nicht gegen den Willen oder Zeitgeist gegen die Mitglieder entscheiden."

Um eine Ausgliederung der Profiabteilung in eine GmbH oder AG durchzukriegen, wäre auf einer außerordentlichen (virtuellen) Mitgliederversammlung eine Dreiviertelmehrheit nötig.

Allerdings: Aufgrund der Coronakrise steht zurzeit noch nicht einmal ein Termin für eine reguläre Versammlung fest.