Warum sich ausgerechnet diese Städte so gut entwickeln

Was eint Ulm und Leipzig? Nichts, könnte man meinen. Und doch liegen sie im Städteranking dicht beieinander. Welche Stärken die hippe Start-up-Metropole im Osten und das bodenständige Mittelstands-Mekka im Ländle haben.


Auf den ersten Blick erfüllt Ulm alle Klischees, die ein Städtchen im Schwabenland so mitbringen kann: Die Fassade des Rathauses zieren Malereien aus den vergangenen Jahrhunderten, kunstvolle Fresken und eine astronomische Uhr. Geschichte und Tradition, wohin man auch geht: der Ulmer Münster, das Schwörhaus und das Fischerviertel verleihen der Stadt trotz ihrer mehr als 120.000 Einwohner eine geradezu dörfliche Atmosphäre. Besucher gewinnen den Eindruck: Hier ist die Welt noch in Ordnung, hier essen Familien noch sonntags miteinander Spätzle und Maultaschen.

Ganz anders Leipzig. Statt dicht gedrängten Fachwerkhäuschen reihen sich hier imposante Gründerzeitbauten aneinander, Zeugen des Baubooms zur Jahrhundertwende. 1940 zählte die Stadt mehr als 700.000 Einwohner, galt als europäische Kulturmetropole. Mit ihren großzügig angelegten Plätzen und Parks, den vielen herrlich restaurierten Häusern, erhaltenen Bauwerken wie der Thomaskirche oder dem Reichsgericht wirkt die Stadt sehr urban. Und ihre Einwohner – darunter viele junge Familien und Kreative – geradezu kosmopolitisch. Von Ost-Tristesse kaum eine Spur.

Leipzig und Ulm: Zwei Städte die unterschiedlicher nicht sein könnten – jedenfalls scheinbar. Groß gegen klein, Ost gegen West, Hipstertum gegen Tradition, lässige Start-Up-Szene gegen seriösen Mittelstand. Und doch liegen die Städte im WirtschaftsWoche-Dynamikranking 2017 direkt hintereinander – Leipzig auf Platz 11, Ulm auf dem 12. Platz. Das Dynamikranking misst die Entwicklung einer Stadt in den vergangenen fünf Jahren. Leipzig ist die einzige ostdeutsche Stadt in der Top 20, Ulm legte im Vergleich zu 2016 um beeindruckende 27 Plätze zu und ist somit der Aufsteiger des Jahres.




Ganz unterschiedliche Voraussetzungen also und doch am Ende eine vergleichbare Standortstärke. Wie und woher kommt das? Ulm und Leipzig, dieses ungleiche Paar, erzählt eine Menge darüber, wie viel eine kraftvolle, lebenswerte und aufstrebende Stadt in Deutschland ausmachen kann.

In Wahrheit hat Ulm weitaus mehr zu bieten als nur Idylle und Gut-Bürgerlichkeit. Mit einer Arbeitslosenquote von 2,8 Prozent herrscht hier Vollbeschäftigung, In der Kategorie „Wirtschaftsstruktur“, die 30 Prozent der Gesamtplatzierung im Dynamikranking ausmacht, erreicht Ulm sogar bundesweit den dritten Platz nach Ingolstadt und Darmstadt. Die Stadt ist einer der attraktivsten Standorte für Unternehmen in Süddeutschland, große Firmen wie der Generika-Hersteller Teva, die Drogeriekette Müller und das Luft- und Raumfahrt-Unternehmen Hensoldt gehören zu den größten Arbeitgebern der Region.


Otto Sälzle ist Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Ulm und beschäftigt sich von Berufswegen mit den Gründen für die Standortattraktivität seiner Stadt. Er sagt: „Unsere Region zeichnet sich durch einen sehr guten Branchenmix aus, der die Entwicklung trägt – das funktioniert oft besser, als in einer Region, die von einer einzelnen Branche abhängt, wie zum Beispiel der Autoindustrie.“

Eine große Rolle spielt auch die Lage. Ulm liegt direkt an der Grenze zu Bayern, in der Mitte zwischen Stuttgart und München. Zu einem gut ausgebauten Autobahnnetz kommt bald außerdem noch die Schnellstrecke zwischen Stuttgart und Ulm hinzu. Dann braucht man mit dem Zug vom Ulmer Hauptbahnhof aus nur 30 Minuten bis zum Stuttgarter Flughafen.


Branchenmix in Ulm, Gründerstimmung in Leipzig


Auch Leipzig liegt strategisch gut: Mitten in Deutschland, mit schneller Anbindung in die Hauptstadt, ausgestattet mit eigenem Flughafen. Und doch finden sich vergleichsweise wenige große Unternehmen und Mittelständler in der Stadt. Der Krieg, gefolgt vom DDR-Sozialismus, Abschottung, all das wirkt nach, Leipzig fehlen die Jahrzehnte, in denen sich im Südwesten der starke Mittelstand entwickelt hat. Nach der Wende wanderten außerdem viele Menschen zur Arbeitssuche Richtung Westen ab, die Einwohnerzahl sank auf 440.000.

Erst Anfang der 2000er Jahre konnte Leipzig endlich wieder an alte industrielle Traditionen anknüpfen. Da errichteten Porsche und BMW Standorte in Leipzig. DHL und Amazon zogen nach und nutzen den Flughafen als Cargo-Hub. Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD), ist überzeugt, dass die Ansiedlung der großen Unternehmen der Anfang des Aufschwungs für die Stadt war. „So sind viele neue Arbeitsplätze entstanden. Auch die Wissenschaft und die Kreativszene brachten viele Menschen nach Leipzig.“ Und die ehemalige Metropole bot genug Platz, so viele Menschen aufzunehmen. Heute ist Leipzig mit seinen 580.000 Einwohnern laut Statistischem Quartalsbericht die am stärksten wachsende Großstadt Deutschlands.

Ein Großteil der Leipziger arbeitet – anders als in Ulm – in Unternehmen mit weniger als 250 Mitarbeitern. In den vergangenen Jahren hat sich eine rege Gründerszene etabliert. Zwei der Leipziger Gründer sind Florian Mack und Christofer Volke. Die beiden Mittzwanziger lernten sich schon beim Wirtschaftsstudium in Leipzig kennen. Als sie mitbekamen, dass ihre Kommilitonen sich mit Energy Drinks, Mate und Kaffee aufputschten, kam ihnen die Idee, eine gesunde, koffeinfreie Alternative zu entwickeln. Sie mischten das Denkgetränk Neuronade auf Basis von Pflanzenextrakten – Ginkgo, Brahmi oder Aronia sollen die Konzentration anregen.




Mittlerweile machen sie mit dem Online-Vertrieb des Drinks sechsstellige Umsätze und haben ein kleines, mit Produktkartons zugestelltes Büro im Leipziger Zentrum bezogen. „Leipzig bietet gute Voraussetzungen für Gründer“, sagt Florian Mack. „Die Mieten und Gehälter sind hier noch vergleichsweise niedrig, es gibt Gründernetzwerke und eine spannende Kreativszene.“

Die Gründer und Kreativen erwecken verfallende Industriestätten wieder zum Leben. In einer verwaisten Baumwollspinnerei im Westen der Stadt hat die Leipziger Gründerhochschule HHL das „Spin Lab“ eingerichtet, ein Co-Working-Space für Jungunternehmer. Auch die Gründer von Neuronade bekamen ihre Starthilfe im Spin Lab. Bekannte Start-ups, die aus der HHL hervorgingen, sind Trivago, Mister Spex oder Flaconi. Dass hier was geht, geschäftlich und kulturell, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Sogar die New York Times machte schon den Namen „Hypezig“ populär.

Ulm hat ein Luxusproblem

In Ulm ist die Start-up-Szene weniger ausgeprägt als in Leipzig. IHK-Geschäftsführer Otto Sälzle erklärt das als eine Reaktion auf den Arbeitsmarkt: „Alle Absolventen unserer Hochschulen haben hervorragende Beschäftigungsmöglichkeiten. Die Unternehmen haben einen sehr hohen Bedarf an Fachkräften. Wenn eine Stadt viele, hoch attraktive, sehr gut bezahlte Jobs für Berufsanfänger bieten kann, dann ist die Start-Up Szene natürlich etwas dünner.“ Anders gesagt: In Sachen Gründung hat Ulm ein Luxusproblem.


Um alt-eingesessene Unternehmen und Studenten mit ihren neuen Ideen zusammen zu bringen, hat die Stadt vor einigen Jahren dennoch die Initiative ergriffen. Neben dem traditionsreichen Schwörhaus, das heute das Stadtarchiv beherbergt, entstand das Verschwörhaus. Das kleine, weiße Haus wirkt unscheinbar neben dem prunkvollen Gebäude, von dessen Balkon der Oberbürgermeister jedes Jahr am Schwörmontag seine Rechenschaft ablegt. Die untere Etage mit einem großen Schaufenster sieht aus wie ein etwas chaotisches Café. Zwischen Kisten und Fahrrädern steht eine kleine Küche, daneben ein Snackautomat. Auf einem Tisch in der Ecke stapeln sich Dokumente. Auf einem Aufkleber an der Scheibe steht „cyber chaos & öffentliche unordnung“.

Ulms Oberbürgermeister Gunter Czisch aber sagt, der starke Kontrast zum Verschwörhaus sei bewusst gewählt: „Das Stadtbild soll das Zusammenspiel von Tradition und Moderne wiederspiegeln. Das Verschwörhaus soll ein Ort sein, an dem sich alle Communities treffen – ob das jetzt ein Wikipedia-Kongress ist oder ein Ort für die Open-Knowledge Foundation. Es ist ein Ort der querläuft und versucht, Leute anzuziehen, die wir spannend finden.“ Zusätzlich gibt es eine Unternehmer-Initiative, die im Verschwörhaus Projekte fördert.


Der Druck auf dem Wohnungsmarkt steigt


Noch etwas nimmt in Ulm und Leipzig einen ganz anderen Lauf. Der Immobilienmarkt entwickelt sich in den beiden Städten unterschiedlich. Leipzig schafft es auf Rang 12 und Ulm auf Rang 36 im Dynamikranking. Die Städte im Osten haben zwar zu den Städten im Westen aufholen können, einen Ausgleich gibt es aber noch nicht. Deswegen sind die Preise in Ulm weniger stark gestiegen – dementsprechend erreicht die Stadt einen niedrigeren Rang im Immobilienmarkt.

Das spricht zwar für Investitionen und Anlagemöglichkeiten im Osten. Dennoch wird auch in Leipzig seit einiger Zeit Unmut über steigende Mieten laut. Immerhin haben die vielen Leerstände und günstigen Büroflächen, wie zuvor auch in Berlin, erst zum Entstehen der Kreativwirtschaft in der Stadt mit beigetragen. Nun drohen die Pioniere, die die verlassenen Orte erst erschlossen und dann spannend gemacht haben, Opfer ihres eigenen Erfolgs zu werden. Sebastian Lentz – blonde Haare, blaue Augen, Dreitagebart – leitet das Leibniz-Institut für Länderkunde und beobachtet diese Entwicklung in seiner Forschung. „Vor allem in der Innenstadt wird der Preisdruck weiter steigen“, prognostiziert er.

Der starke Zuzug nach Leipzig führt außerdem dazu, dass es gemessen an der Bevölkerung zu wenige Kitaplätze und Ärzte gibt. Beim statistisch gemessenen Faktor Lebensqualität landet Leipzig deshalb auf Platz 63 – deutlich hinter Ulm (Platz 9). Die gefühlte Lebensqualität hingegen ist hoch. Oberbürgermeister Jung schwärmt dann auch vom Kulturangebot der Stadt und verweist auf Maßnahmen gegen Mietpreisexplosionen.


Und Städteforscher Lentz glaubt gar, Leipzig sei ein Modell für die Stadt der Zukunft. „Leipzig ist eine deindustrialisierte Stadt auf dem Weg in die Wissensgesellschaft, in der vor allem mit dem Kopf gearbeitet wird“, sagt er. Die Leipziger seien mobiler und ortsunabhängiger als im Südwesten und damit optimal auf die Umbrüche der Digitalisierung vorbereitet.

Die Stadt Ulm hingegen will in den nächsten fünf Jahren 3500 neue Wohnungen bauen. Dabei soll eine stark von der Stadt gesteuerte Baupolitik helfen, den Wohnraum bezahlbar zu machen. Man habe einen Vorteil, erklärt Ulms Oberbürgermeister Czisch: Bestimmen zu können, welche Art des Wohnungsbaus man machen wolle. „Und gleichzeitig können wir die Preise niedrig halten und damit eine breite Bevölkerung gleichermaßen ansprechen.“


Dass am Wohnungsmarkt Druck herrscht ist letztlich Folge des wirtschaftlichen Aufschwungs und der Attraktivität. Gerade in den Bereichen Car-IT und Life-Science wird an den Ulmer Hochschulen und Universitäten viel geforscht. In Unternehmen, die sich mit diesen Themen auseinandersetzen, gibt es einen deutlichen Zuwachs an Beschäftigten. „Wir bieten als kleine Großstadt alles, was eine Großstadt hat und können trotzdem Heimatgefühl und Lebensqualität zu vernünftigen Preisen versprechen“, sagt Gunter Czisch über seine Stadt.

Allen Unterschieden zum Trotz: Die Menschen in Ulm und Leipzig ticken bisweilen doch ähnlich. Davon ist zumindest Leipzigs Oberbürgermeister Jung überzeugt. Und er müsste es wissen. Der 59-Jährige ist schließlich nach der Wende aus dem Westen nach Leipzig gezogen, um ein Schulzentrum aufzubauen. Von der Stadt und ihren Bewohnern war er sofort begeistert: „Die Menschen hier sind sehr fleißig und produktiv“, sagt er. „Ganz ähnlich wie die Leute im Ländle.“


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