Wie Ausgangssperren wirken: Berliner Forscher untersuchen, wann wir in der Pandemie unterwegs sind

Christiane Rebhan
Während der Ausgangssperre ist der Odeonsplatz in München menschenleer.
Während der Ausgangssperre ist der Odeonsplatz in München menschenleer.

Bayern hat sie, Baden-Württemberg mancherorts und auch in anderen Städten und Gemeinden war voriges Jahr dauerhaft oder über einen gewissen Zeitraum eine Ausgangssperre in Kraft. Die nächtlichen Verbote, die eigene Wohnung zu verlassen, wurden flankiert mit Straßenkontrollen der Polizei.

So manchem Länderchef gelten die Ausgangssperren auch jetzt wieder als Allheilmittel, um die Corona-Infektionszahlen endlich zu senken. Doch ein junges Team von Berliner Forschern hat genauer hingeschaut - und kommt zu einem bemerkenswerten Ergebnis.

Die Datenexperten der Humboldt-Universität und des Robert-Koch-Instituts haben demnach untersucht, zu welchen Tageszeiten die Deutschen unterwegs am meisten sind. Dazu haben sie jeweils Bewegungsdaten aus dem März des Vorjahres und dem März 2021 ermittelt.

Die folgende Grafik zeigt die durchschnittliche Mobilität in Deutschland im Tagesverlauf. An ihr lässt sich laut der Forscher abschätzen, welcher Teil der Mobilität durch eine mögliche Ausgangssperre betroffen sein könnte.

Die Grafik zeigt nach Tageszeit, wann die Deutschen wie stark unterwegs waren.
Die Grafik zeigt nach Tageszeit, wann die Deutschen wie stark unterwegs waren.

Erfasst sind alle Bewegungen innerhalb von Landkreisen in Deutschland, also die lokale Mobilität. Für jede Stunde ist die durchschnittliche Anzahl an Bewegungen angegeben, die in dieser Stunde stattfanden. Deutlich wird, dass im zweiten Lockdown, also im Frühjahr 2021, deutlich mehr Menschen draußen unterwegs sind als noch im ersten Jahr der Corona-Pandemie. Und deutlich über drei Millionen Bewegungen pro Stunde finden während der klassischen Arbeitszeiten – also vom Start in den Berufsverkehr um sieben Uhr morgens bis zum Feierabend nach 18 Uhr – statt. Das sei in allen Bundesländern ungefähr gleich.

Ausgangssperren reduzieren die Bewegungen der Deutschen kaum

Die Mobilitätsforscher ziehen außerdem den Schluss, dass ein relativ geringer Anteil der Mobilität (7,4 Prozent) in den Zeitraum von 22 Uhr bis fünf Uhr fällt. Also genau in die Stunden, über die oft für die Anwendung einer Ausgangssperre diskutiert wird. Wenn der Zeitraum ausgeweitet wird auf beispielsweise 20 Uhr bis fünf Uhr, steigt der betroffene Anteil der Mobilität geringfügig auf 12,3%, so die Forscher des "Covid-19 Mobility"-Projekts. Das heißt: Eine abendliche oder nächtliche Ausgangssperre hat nur eine überschaubare Wirkung.

Weiter schreiben sie auf ihrer Internetseite, dass bei einer Ausgangssperre nicht hundert Prozent der Bewegungen im Zeitraum der Sperre wegfallen. Es sind also trotzdem noch Menschen auf der Straße unterwegs. Zudem gebe es vermutlich Ausweicheffekte, zum Beispiel dadurch, dass einzelne Fahrten oder Besorgungen auf den Zeitraum außerhalb der Ausgangssperre verlagert werden.

Gerade die südlichen Bundesländer, die die vorsichtige Schiene bei den Corona-Maßnahmen fahren, wollen trotzdem weiter auf die Ausgangssperren setzen. Das macht die Aussage eines Regierungssprechers gegenüber Business Insider deutlich. Er räumte ein, dass der Nutzen dieser Einschränkungen nicht wissenschaftlich unterlegt sei, "dass die Ausgangssperren aber dennoch etwas gebracht haben": "Wir sehen eine Kausalität. Denn als wir die Sperre hatten, sind die Infektionszahlen relevant heruntergegangen." Als der baden-württembergische Verwaltungsgerichtshof Anfang Februar die Maßnahme kippte, seien die Zahlen wieder gestiegen. Und zwar "teilweise stärker als in anderen Bundesländern".

Im Vergleich zum Vorjahr liegt laut der Erkenntnisse der Berliner Forscher die tageweise Mobilität im 7-Tage-Mittel aktuell etwa elf Prozent unter dem Wert von 2019 (Stand 26.03.2021). Sie schreiben, die Abnahme der Bewegungen sei damit deutlich geringer als im ersten Lockdown.

Die jungen Datensammler schränken ihre Erkenntnisse insofern ein, dass die Ergebnisse in Teilen noch geändert oder erweitert werden, da die Analysen noch laufen.