AUSBLICK 2018: Arbeitsmarkt könnte an der Wall Street zum Spielverderber werden

dpa-AFX

(Aktualisierte Fassung mit Kursentwicklung einschließlich des vorletzten Handelstags an der Wall Street.)

FRANKFURT (dpa-AFX) - Die Kursampeln an der Wall Street dürften auch im kommenden Jahr auf grün stehen. Nach einem außerordentlich starken Börsenjahr 2017 - der S&P-500-Index stieg um 20 Prozent mit noch einem ausstehenden Handelstag - rechnen Experten erneut mit Gewinnen. Allerdings dürfte die Aufwärtsdynamik doch merklich nachlassen. Gerade der starke Arbeitsmarkt könnte im Verlauf des Jahres die Partystimmung wenn nicht verderben, so doch trüben. Steigende Löhne drohen die Gewinne der Unternehmen zu schmälern.

Grundsätzlich sind die Auguren jedoch positiv gestimmt. Die Kaufgründe sind die altbekannten: Die US-Wirtschaft boomt, die Zinsen sind nach wie vor historisch niedrig - und die heiß diskutierte Steuerreform hält die Fantasie für Aktien am Köcheln. Vor allem die Reform sei in den Konsensschätzungen von Analysten bislang nicht hinreichend berücksichtigt, argumentiert Dubravko Lakos-Bujas von JPMorgan. Der Anlagestratege sieht in dem Steuerpaket "erhebliches Aufwärtspotenzial für die Aktienpreise und die Gewinne der Unternehmen". Allein die geplanten Steuersenkungen für größere Unternehmen könnten dem S&P-500 im kommenden Jahr 200 Punkte bescheren. Das wäre ein Zugewinn von 7,5 Prozent.

Ähnlich optimistisch ist David Kostin von Goldman Sachs. So dürften die Gewinne der 500 S&P-Unternehmen im kommenden Jahr im Schnitt um 14 Prozent steigen. Sie profitierten von einer starken Konjunktur in den USA und weltweit. Mit dem zusätzlichen Rückenwind von der Steuerreform könne der S&P-500 wohl bis auf 2850 Zähler zulegen, ein Plus von 6 Prozent. Allerdings seien mit den Steuerplänen auch Risiken verbunden. "Sollte die Reform scheitern, würde der Index kurzfristig bis auf 2450 Punkte fallen", warnt der Stratege. Das wäre nach einer langen Gewinnstrecke ein erster deutlicher Rücksetzer von knapp 9 Prozent.

Sollte die Steuerreform Realität werden, dürften die Unternehmen einen Teil der Gewinne an die Aktionäre ausschütten in Form von Dividenden und Aktienrückkäufen. Das war schon in diesem Jahr ein starker Kurstreiber an der Wall Street. Doch Ulrich Stephan von der Deutschen Bank machte jüngst auf eine neue, interessante Entwicklung aufmerksam: Aktien von Unternehmen mit höheren Investitionen hätten sich zuletzt überdurchschnittlich entwickelt. Anleger bevorzugten also zunehmend solche Firmen, "die mehr in das eigene Wachstum und damit in die Zukunft investieren", folgerte der Stratege. Er rechnet 2018 mit weiter steigenden Investitionen und Gewinnen. Auch die Deutsche Bank sieht den S&P-500 bis Ende 2018 bei 2850 Punkten.

Auf Risiken in der zweiten Jahreshälfte macht hingegen Andrew Garthwaite von der Credit Suisse aufmerksam: Als größte Gefahr für die Gewinne der Unternehmen könnten sich steigende Löhne und Gehälter erweisen, warnt der Stratege. Denn die Inflation beruhe zum überwiegenden Teil auf dem Arbeitsmarkt, was im Umkehrschluss die US-Notenbank zu mehr Vorsicht bewegen könnte. Die scheidende Fed-Chefin Janet Yellen hatte zuletzt aber drei Zinserhöhungen für das kommende Jahr in Aussicht gestellt. Laut Garthwaite hätten vier der fünf vergangenen Boomphasen an den US-Börsen dann ein Ende gefunden, wenn die Vollbeschäftigung erreicht worden war - ein Zustand, dem sich die US-Wirtschaft mittlerweile wieder stark angenähert hat.

"Inflation wird die Story des kommenden Jahres, vor allem in den USA", prognostiziert auch Michael Hartnett von Merrill Lynch. Steigende Löhne und Gehälter dürften zunehmend auf die Gewinnmargen drücken, und an den Bondmärkten könnten die Risikoprämien wieder steigen. Auch in China und Europa werde die Teuerung an Fahrt gewinnen. Der Aufwärtspfad an der Wall Street könnte also holpriger werden. Hartnetts Szenario: Der S&P-500 erreicht schon im Frühjahr bei 2863 Punkten das Jahreshoch, fällt anschließend um 10 Prozent oder gar mehr zurück und berappelt sich zum Ende des Jahres wieder auf 2800 Punkte.

Dass US-Aktien mittlerweile zu heiß gelaufen sein könnten, glaubt David Kostin von Goldman Sachs nicht. Denn verglichen mit früheren Boomphasen an der Wall Street seien sie nicht übermäßig hoch bewertet. Zudem beruhe die Bewertung noch immer zum Großteil auf steigenden Gewinnen der Unternehmen und nicht auf "Luftschlössern". Für die Stabilität der Kurse spreche auch eine extrem geringe Anfälligkeit für stärkere Ausschläge. So sei der S&P-500 schon lange nicht mehr an einem Börsentag um mehr als 5 Prozent gefallen. "Die geringe Volatilität ist vielleicht der auffälligste Aspekt in diesem Bullenmarkt", sagte Kostin./bek/tih/das

--- Von Benjamin Krieger, dpa-AFX ---