Aufstand in der Wahlkabine


Das war mehr als ein Denkzettel für die Volksparteien. Erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg schafft mit der AfD eine rechte Partei den Sprung in das Bundesparlament. Fast jeder sechste Bundesbürger wählte dabei nicht in erster Linie die AfD, sondern er lehnte sich gegen die Vernebelungsstrategie einer behäbigen und ermüdeten Regierung auf. Union und SPD ist es in der Euro- und Flüchtlingskrise nie gelungen, die Gefühlslage vieler Menschen wahrzunehmen, geschweige denn zu verstehen. Die AfD saugte wie ein Staubsauger die Stimmen von der Union und vor allem der SPD ab.

Das A in der AfD steht seit Sonntagabend nicht mehr für Alternative, sondern für den Aufstand in der Wahlkabine. Früher ließen die Unzufriedenen ihren Frust am Stammtisch ab. Heute geben sie ihrem Unmut eine Stimme im Bundestag.


Alle die in den nächsten Tagen wieder und wieder erzählen, Deutschland gehe es so gut wie noch nie in der gesamten Gesichte des Landes, liegen richtig und falsch zu gleich. Bundespräsident Roman Herzog hat uns den Satz hinterlassen: „Lass uns vom Menschen reden. Denn was Lebendiges ist wertvoller als alle Schätze dieser Welt.“ Was die statistischen Zahlen an Wachstum, Arbeitsplätzen und Steuereinnahmen hergeben, kann die Überforderung vieler Bürger durch die unterschiedlichen Krisenherde in der Welt, die Debatten über die Grenzen der Zuwanderung oder die Angst vor dem Jobverlust durch die Digitalisierung nicht aufwiegen.


Die Gaulands und Weidels sind nicht wegen ihrer antisemitischen Äußerungen und fremdenfeindlichen Hetze gewählt worden, sondern trotz dieser schrecklichen Haltung. Wie viele Bürger mussten sich innerlich überwinden, einer Partei ihrer Stimme zu geben, die die dunkle Geschichte der beiden Weltkriege mit einem Federstrich umschreiben will? Trotz ihrer Abscheu dagegen haben sie es getan.

Die stille Revolution vieler Bürger kommt aus der Überzeugung heraus, dass ihnen im Bundestag eine Megakoalition nicht nur aus Union und SPD, sondern in vielen Fällen auch gemeinsam mit Grünen und Linken gegenübersteht. Als letzter Ausweg galt vielen, die Ränder zu stärken, wohlwissend welche Folgen das in den nächsten vier Jahren im Bundestag haben wird, wenn viele AfD-Abgeordneten am Rednerpult ihren kruden Gedanken freien Lauf lassen.


Die etablierten Parteien sollten es bei ihrer Empörung über das AfD-Ergebnis am Wahlabend nicht belassen. In den nächsten Jahren muss die neue Regierung die drängenden Fragen der verunsicherten Bürger beantworten. Die Hetzer wird sie nie zufriedenstellen. Bei denen muss die Botschaft unzweideutig lauten: Bis hierher und nicht weiter.