Aufspaltungen von Unternehmen lohnen sich nicht immer für Anleger

Eine mögliche Zerschlagung befeuerte den Börsenwert von Thyssen-Krupp – doch das Aufteilen von Konzernen ist kein Garant für steigende Kurse.


Der Chef und der Aufsichtsratsvorsitzende treten zurück. Die Bundeskanzlerin und die katholische Kirche schalten sich ein. Die mögliche Aufspaltung der Industrie-Ikone Thyssen-Krupp wird zum gesellschaftlichen Politikum. Die Finanzinvestoren Cevian und Elliott fordern als aktivistische Großanleger eine Aufspaltung des Konzerns, und zumindest die Börse gibt ihnen recht:

Als nach Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger Mitte Juli auch Aufsichtsratschef Ulrich Lehner seinen Rückzug ankündigte, schnellte die Thyssen-Krupp-Aktie in der Spitze um fast zehn Prozent hoch.

Die Topmanager wollten nicht zusehen, wie der Konzern zerschlagen wird. Kanzlerin Angela Merkel fordert, dass Thyssen-Krupp „möglichst breit aufgestellt“ bleibt, und der Essener Bischof Franz Josef Overbeck hält eine Zerschlagung für „ethisch nicht akzeptabel“.

Doch die Börse schaut nicht auf Moral, sondern auf Rendite. Und dabei gilt seit einigen Jahren die Devise: Die Teile sind mehr wert als das Ganze. Doch stimmt das überhaupt – und lohnen sich solche Aufspaltungen aus Anlegersicht wirklich?


Fakt ist: Große Konglomerate werden immer unbeliebter, und die Zellteilung der Konzerne liegt im Trend: Der Reifenhersteller und Autozulieferer Continental wandelt sich zur Holding mit drei eigenständigen Gesellschaften, wovon die Antriebssparte Powertrain im nächsten Jahr an die Börse gebracht werden soll. Auch Daimler arbeitet an einer Holdingstruktur und liebäugelt mit einem Börsengang der Lkw-Sparte.

Volkswagen hat den Bereich Lastwagen bereits ausgegliedert und will ihn börsenfähig machen. Unternehmen, die sich aufspalten, gelten nicht nur als fokussierter, sondern auch als flexibler. „Gerade in Zeiten der Digitalisierung müssen Unternehmen schnell agieren“, sagt dazu Ingo Speich, Fondsmanager bei Union Investment:

„Bei großen Konzernen mit vielen verschiedenen Geschäftsfeldern dauern Entscheidungen oft zu lange.“ Deshalb sollte mehr in den operativen Sparten entschieden werden – und dafür sei eine rechtliche Verselbstständigung von Einheiten sinnvoll.

Stars und Verlierer an der Börse

Investoren honorieren die Abspaltung häufig – aber nicht immer. Die Aktie der in diesem März von Siemens an die Börse gebrachten Medizintechniksparte Siemens Healthineers ist zwar am Montag nach enttäuschenden Quartalszahlen deutlich gefallen, liegt aber immer noch mehr als ein Viertel über dem Ausgabekurs.


Die Aktie von Uniper, in die der Versorger Eon im September 2016 das traditionelle Energiegeschäft mit fossilen Brennstoffen ausgliederte, notiert heute mehr als 150 Prozent über ihrem Ausgabekurs. Die Aktie der ehemaligen Bayer-Kunststofftochter Covestro entwickelte sich mit einem Plus von rund 210 Prozent seit dem Börsengang im Oktober 2015 noch prächtiger. Im März schaffte Covestro sogar den Aufstieg in den Dax.

Doch es gibt auch Gegenbeispiele: Die von RWE im Oktober 2016 abgespaltene Ökostromtochter Innogy kommt seit dem Börsengang auf ein Plus von gerade einmal gut vier Prozent. Noch schlimmer: Die Aktie des von der Deutschen Bank abgespaltenen Vermögensverwalters DWS ist seit dem Börsengang im März um 17 Prozent eingebrochen. Noch schlechter tat der Metro die Aufspaltung.

Der Handelskonzern listete das Lebensmittelgroßhandelsgeschäft im Juli vergangenen Jahres unter dem alten Namen neu an der Börse und führt als Ceconomy die Elektronikketten Media Markt und Saturn. Die Metro-Aktie hat seither mehr als 40 Prozent eingebüßt, bei Ceconomy sind es rund 25 Prozent.

Doch wie erkennt man, ob eine Abspaltung für den Investor funktioniert oder nicht? „Generell müssen sich Anleger immer fragen: Was bezweckt das Unternehmen mit der Abspaltung, hat es eine klare Strategie?“, erklärt Olaf Stotz, Professor für Asset-Management an der Privatuniversität Frankfurt School of Finance & Management. „Vorsichtig sollten Anleger sein, wenn ein Unternehmen lediglich seine Strukturen schlanker gestalten will.“


Ein Beispiel dafür ist die Aufspaltung der Metro. Die Bereiche Lebensmittelgroßhandel und Elektronikgeschäft hatten wenig miteinander zu tun, es gab kaum Synergien. Doch schon vor der Trennung hinkte der Konzern in beiden Geschäftsbereichen laut Analysten bei der Profitabilität den Wettbewerbern hinterher. Die Aufspaltung hat das nicht besser gemacht.

Im Frühjahr schockierte Metro-Chef Olaf Koch Investoren mit einer Gewinnwarnung – ausgelöst durch massive Probleme im wichtigen Russland-Geschäft und durch den anhaltenden Tarifstreit bei der Supermarkt-Tochter Real. Die von Pieter Haas geführte Ceconomy hatte noch größere Probleme in Russland und litt zudem unter einem enttäuschenden Weihnachtsgeschäft.

Gewinnprognosen im Blick

Auch die Abspaltung der DWS von der Deutschen Bank geschah nicht aus einer Position der Stärke. Deutschlands größtes Geldhaus kämpft seit Langem mit vielen Problemen, der Aktienkurs fällt und fällt. Die DWS galt zwar als einer der wenigen stabilen Ertragsbringer der Deutschen Bank, doch im ersten Quartal dieses Jahres zogen die Kunden 7,8 Milliarden Euro aus den DWS-Fonds ab.

Im zweiten Quartal flossen weitere knapp fünf Milliarden Euro ab. Als Hauptgrund dafür gilt die schwächere Entwicklung von DWS-Flaggschifffonds.

Anders war es bei Siemens Healthineers. Die Medizintechnik galt schon vor dem Börsengang als rentabelste und wertvollste Siemens-Sparte und erwirtschaftete im vergangenen Jahr bei einem Umsatz von 13,8 Milliarden Euro einen Nettogewinn von 1,4 Milliarden Euro. Im abgelaufenen Quartal stagnierte der Umsatz zwar, und der gestiegene Dollar zehrte am Gewinn.


Vorstandschef Bernd Montag bestätigte aber die Prognose für das Gesamtjahr. Die von Bayer im Oktober 2015 abgespaltene Covestro hat dagegen ihre Gewinnprognose zuletzt sogar noch angehoben. Dabei hat sich seit 2015 der Nettogewinn um den Faktor sechs auf mehr als zwei Milliarden Euro im vergangenen Jahr verbessert.

Dass das nicht immer so weitergehen muss, zeigt Osram. Die vor fünf Jahren von Siemens abgespaltene Lichtsparte entwickelte sich bis Ende vergangenen Jahres prächtig. Der Kurs schwankte zwar deutlich, legte aber unter dem Strich um fast 180 Prozent zu. Seit Anfang dieses Jahres ist die Aktie allerdings um die Hälfte eingebrochen, nachdem Osram-Chef Olaf Berlien die Gewinnprognose zweimal gesenkt hat.

Das zeigt: Selbst wenn eine Abspaltung zunächst gut funktioniert, ist das kein Garant für langfristig steigende Kurse.