ZF-Aufsichtsratschef Behr tritt zurück


Der Machtkampf bei ZF Friedrichshafen eskaliert: Aufsichtsratschef Giorgio Behr tritt mit sofortiger Wirkung zurück. Die Mitarbeiter wurden am späten Mittwochnachmittag informiert. „Ich möchte einer Verjüngung des Aufsichtsrates nicht im Wege stehen sowie anderen möglichen Veränderungen“, lässt sich Behr zitieren. Der Schweizer Unternehmer führte das Gremium zehn Jahre lang und begleitete den Aufstieg des Stiftungs-Konzerns. Offensichtlich möchte Behr keinen Strategiewechsel mittragen.

Vorstandschef Stefan Sommer verliert mit Behr seinen Schutzschild. „Mögliche Veränderungen“ könnten zudem auf einen Abgang Sommers hindeuten. Seine Zukunft bei ZF steht auf der Kippe. Er ist seit 2012 ZF-Vorstandschef.


Im Handelsblatt hatte Behr vor zwei Wochen noch seinen Rückzug mit Ablauf seiner Amtszeit Ende März 2018 angekündigt. „Wir sind heute in der Lage zuzukaufen und könnten uns auch wieder etwas Größeres leisten – sowohl finanziell als auch bei der Integrationskraft“, sagte Behr damals.

Hintergrund für das schnellere Ausscheiden sind jetzt offensichtlich Bestrebungen des Eigentümers, noch massiver ins Geschäft einzugreifen. Die von der Stadt Friedrichshafen beherrschte Zeppelin-Stiftung besitzt 93 Prozent der Anteile. Oberbürgermeister Andreas Brand sitzt als Vertreter der Stiftung im Aufsichtsrat. Die Stiftung hatte kürzlich eine massive Erhöhung der Ausschüttung auf 18 Prozent des Ergebnisses nach Steuern von umgerechnet 50 auf 160 Millionen Euro durchgesetzt. Stiftungsunternehmen wie Bosch oder Mahle begnügen sich mit einer Ausschüttungsquote zwischen fünf und sechs Prozent. Die Stiftung will mit dem Geld einen Kapitalstock von einer Milliarde Euro aufbauen, um unabhängiger vom Konzern zu werden.


Darüber hinaus gibt es massive Auseinandersetzungen zwischen dem eher risikoscheuen Eigentümer und der Unternehmensführung. In den vergangenen Monaten verhinderte der Oberbürgermeister wohl maßgeblich die Übernahme des Bremsenherstellers Wabco. ZF blieb es damit verwehrt, eine wichtige strategische Lücke im Portfolio zu schließen. Dem Eigentümer war offensichtlich das Risiko einer Wabco-Übernahme für rund sechs Milliarden Euro zu hoch.

Vor drei Jahren hatte die Stiftung die Großübernahme von TRW für gut 10 Milliarden Euro noch mitgetragen. ZF ist dadurch mit einem Umsatz von fast 40 Milliarden Euro auf Augenhöhe mit den Branchenführern Bosch und Continental gekommen. Insbesondere bei den Zukunftsthemen Elektroauto und Autonomes Fahren ergänzte der Getriebe- und Fahrwerksspezialist sein Portfolio. Durch niedrige Zinsen und hohen Cashflow hatte ZF die Schulden durch die Übernahme bereits deutlich reduziert. Der Stiftung war aber der erneute Expansions-Schritt zu früh und zu groß.


Von Beginn an ein schwieriges Verhältnis


Vorstandschef Sommer hatte in einem Interview im Frühjahr in der „Schwäbischen Zeitung“ bereits die Freiheit gefordert „zu tun, was nötig ist“. Schon damals schwelte der Konflikt. Die Chance bei Wabco ist vorbei. Das börsennotierte Unternehmen ist bereits deutlich teurer geworden. Der in der Branche hochgeschätzte Stratege Sommer gerät jetzt immer mehr unter Druck.

Sommer und Brand hatten von Anfang an ein schwieriges Verhältnis. Den Aufsichtsratschef Behr und Sommers Vorgänger (als Vorstandschef) Hans-Georg Härter hatten 2012 Sommer als neuen ZF-Vorstandschef durchgesetzt, während Brand schon damals andere Pläne gehabt hatte. Im Frühjahr wieder für sieben Jahre gewählt, will der Oberbürgermeister als Chef der Stiftung jetzt maßgeblich den Kurs bei ZF bestimmen. Jetzt ist er unter Zugzwang und muss erstmal einen neuen Aufsichtsratschef aus dem Hut zaubern. Solange muss der Vize-Aufsichtsratschef Frank Iwer von der IG-Metall die Geschäfte im Aufsichtsrat führen.


Es ist schon sehr ungewöhnlich, wie stark die Stiftung als Eigentümer und insbesondere der Oberbürgermeister von Friedrichshafen jetzt in die Geschäfte eingreift, insbesondere weil er als gewählter Politiker ja nur ein Eigentümer auf Zeit ist. Und die Gefahr ist groß, dass sich der Verwaltungsspezialist in diesem Spiel vergaloppiert, ähnlich wie es dem ehemaligen Ministerpräsidenten Stefan Mappus passierte, als er im Dezember 2010 bei der Milliardenübernahme von Anteilen der EnBW eher die Rolle eines Investmentbankers als eines Landesvaters spielte.

Sollte der auch in der Belegschaft sehr beliebte Vorstandschef gehen, wird das maßgeblich auf Brand zurückfallen. Was bei ZF im wirtschaftlich erfolgreichsten Jahr des Unternehmens gerade passiert, ist schon jetzt beispiellos. Und das nicht nur am Bodensee.

Der scheidende Aufsichtsratschef Giorgio Behr hatte im Handelsblatt noch darauf gepocht, dass ZF dringend Klarheit nötig hat: „ Es braucht eine Financial Governance, aus der eine Corporate Governance wird. Es braucht einfach klare Regeln.“
Mit Behrs Abgang ist klar: Auf dem Weg dorthin wird es Opfer geben. Ohne dass die Rollen von Stiftung und Management festgeschrieben werden, dürfte es nicht nur schwierig werden, einen Top-Manager wie Sommer zu halten, sondern auch bei einem möglichen Abgang einen neuen, erstklassigen Ersatz zu bekommen, wenn die genauen Umstände am Bodensee ans Licht kommen.

KONTEXT

So wichtig ist die Autoindustrie für Deutschland

Umsatz

Gemessen am Umsatz ist die Autobranche der mit Abstand bedeutendste Industriezweig in Deutschland: Die Unternehmen erwirtschafteten 2016 einen Umsatz von mehr als 405 Milliarden Euro. Das entspricht rund 23 Prozent des gesamten Industrieumsatzes.

Unternehmen

Mittelständisch geprägte Zulieferer sind für den Großteil der Wertschöpfung - etwa 70 Prozent - verantwortlich. Insgesamt werden mehr als 1300 Unternehmen der Branche zugerechnet.

Beschäftigte

Die Autounternehmen zählen in Deutschland direkt mehr als 800.000 Mitarbeiter. Indirekt sind es viel mehr, da für die Fahrzeugfertigung viele Teile, Komponenten und Rohstoffe zugekauft werden.

Abhängig von Autokonjunktur

Viele Beschäftigte in der chemischen Industrie, der Textilindustrie, bei Maschinenbauern sowie in der Elektro-, Stahl- und Aluminiumindustrie sind abhängig von der Autokonjunktur. Auch Autohändler, Werkstätten und Tankstellen sowie weitere Dienstleister - etwa Versicherer - zählen dazu.

Exporte

Fahrzeuge sind der größte deutsche Exportschlager. Mehr als drei Viertel der in Deutschland hergestellten Pkw werden exportiert: 2016 waren es gut 4,4 Millionen.

Auslandsumsatz

Die Ausfuhren von Kraftwagen und Kraftwagenteilen summierten sich 2016 auf mehr als 228 Milliarden Euro. Das entspricht fast einem Fünftel der gesamten deutschen Exporte. Ein Großteil des Auslandsumsatzes wird in den EU-Ländern erwirtschaftet.

Forschung

Weltweit investierte die deutsche Autoindustrie zuletzt fast 39 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung (FuE). In Deutschland sind es knapp 22 Milliarden Euro, was mehr als ein Drittel der gesamten Ausgaben der heimischen Wirtschaft für Forschung und Entwicklung entspricht.

Mitarbeiter und Patente

Mehr als 110.000 Mitarbeiter sind in den Entwicklungsabteilungen beschäftigt. Von den weltweit 3000 Patenten zum autonomen Fahren entfallen etwa 58 Prozent auf deutsche Firmen.